Um 6 Uhr passiren wir Cap Sunium, unter den Tempelsäulen so nahe herfahrend, wie nur auf dem Rheine unter den Burgruinen. Wie sonst die Berühmtheit, geben sie heute dem Vorgebirge den Namen: Cap Colonne. Gelblich weiß stehen zuvorderst neun nebeneinander, einige andere in zweiter Linie, alle dorischer Ordnung und von jener wunderbaren Farbe angehaucht, die Prokesch so treffend „Zeitgelb“ genannt hat. Sie glänzen im Sonnenlichte und mir klingt’s wie Sprache aus einer andern Welt, daß mich Rührung erfaßt, wie sie mich inniger vor keinem anderen Denkmale der Vergangenheit befallen hat. Vielleicht aber auch steht keines so einsam, so schön und so großartig zugleich wie diese Ruine des Tempels der Athene Pronoia, den der Schiffer zuerst sah, wenn er heimkehrte nach attischem Festlande. Unten sind die Felsen der Küste nackt ausgewaschen, weißer Schaum peitscht weit hinauf. Schon ist die See wundervoll rosig, die Berge, die kahl sind, flammen in rothem Lichte, daß sie durch den Schnitt der Linien und die Färbung ein Bild der höchsten Schönheit darstellen.

Um 7 Uhr fahren wir an Aegina vorüber. Auch dort ein Monte Elia, aus breitem Fuße zu scharfer Spitze hoch aufsteigend über die sonst lang und flach gestreckte Insel. Die Berge des Peloponnes, Korinth’s, Megara’s, alle in den reinsten und schönsten Linien dahinter. Und Farben auf Meer und Land, die die untergehende Sonne malt: glühendes Gelbroth und dunkelndes Purpurblau. Aegina zur Linken, Salamis vor mir, rechts den Hymettus und goldschimmernd die Akropolis, und was ich sonst sehe, Namen und Bilder, die Jahrtausende vor mir gehört und gesehen haben. Wer fühlte nicht sein Nichts vor solcher Vergangenheit! Ich stehe auf dem äußersten Bug des Schiffes an ein Tau gelehnt, das ich umschlungen halte; Matrosen kauern neben mir auf dem Verdecke und singen französische Volkslieder, ein junger Tenor darunter mit zartem Ton, der sich wie zugehörig der weichen Luft verschmilzt. Aller Wind ist erstorben, die Segel hängen schlaff, die See liegt ruhig und der Kiel muß sich beinahe mühsam wie durch dichtes Oel durcharbeiten; in schweren Tropfen fällt das Wasser, das er aufgewühlt, in den glatten Spiegel zurück; der Salzgehalt scheint vermehrt, man schmeckt ihn auf den Lippen und fühlt ihn in den Haaren. Die Wärme des Südens ist in der Luft, den Farben, der ganzen Stimmung der Natur, und die Poesie des Augenblicks faßt mich wie mit Blitzesschlag. Verloren wie in dieser Stunde, aber im Genusse verloren, habe ich mich noch nie gefühlt.

Ein Grieche trat zu mir, mit dem ich schon manches Wort während der Fahrt gewechselt. Er gehört seinem ganzen Aussehen und Gebahren nach der gebildeten Classe der Gesellschaft an. „N’est-ce pas que la soirée est belle?“ redete er mich an. „Vraiment,“ antwortete ich ihm, „je n’en ai pas éprouvée une plus délicieuse; l’air est balsamique et quand on pense que c’est là, où nous sommes, que l’Asie et l’Europe se sont livrés leur plus grande bataille et qu’ici une des premières scènes de cette longue question de l’Orient avait été décidé par la défaite de l’Asie, alors aussi un sentiment de respect s’unit à celui du délice et de la jouissance corporelle.“ — „Mais comment donc,“ unterbrach er mich, „ici l’Asie et l’Europe se sont combattus? mais quand donc? racontez le moi.“ — Und ich mußte dem Manne von Xerxes, von Themistokles und von der Schlacht bei Salamis erzählen, und er hörte mir aufmerksam wie ein Schulbube zu. Dabei hatte derselbe Mensch in früheren Stunden mir die griechische Geschichte des Mittelalters, die ganze Liste der byzantinischen Kaiser in einer bis in die verstecktesten Details dringenden Genauigkeit erzählt.

Damit gebe ich den europäischen Politikern den innersten Kern der griechischen Frage und zugleich den Baiern, die von Hellas vertrieben worden sind, den Grund der Abneigung, der ihnen überall zum Lohne für ihre Aufopferung wurde. Der moderne Grieche versteht nicht das Bestreben, das ihn wieder anknüpfen will an die Helden seines grauen Alterthumes; für ihn gibt es nur ein Interesse, und das ist die Wiederherstellung des byzantinischen Reiches, dort leben seine Erinnerungen und dorthin streben seine Hoffnungen. Wer an die einen nicht denkt und an die anderen nicht glaubt, der ist nicht sein Mann und kann zurückgehen zu den Studirstuben deutscher Alterthumskunde.

Mit diesem Denkzettel an die neugriechische Frage fuhr ich ein in den Piräus schon bei finsterer Nacht, Abends 9 Uhr. Mein neuer Schüler in griechischer Alterthums-Wissenschaft machte den Cicerone bei den Ausschiffungs-, Douane- und anderen Umständlichkeiten und enthob mich jeder Last. Er führte mich auch in seinem eigenen Gefährte nach Athen hinein, wo ich in dem Hôtel d’Angleterre absteige. Auf der staubigen Landstraße, die von dem Piräus nach der Stadt führt, begegneten uns mehrere Reitertrupps, die den Weg sicher vor den Räuberbanden halten sollen. So sieht das freie Griechenland aus.

Athen.

Wer Athen zum ersten Male im Tageslichte sieht und das Auge unbefangen mitgebracht hat, der muß auf den ersten Blick erkennen, warum die Baiern von hier fortgejagt worden sind. Die Straßen sind breit und lang gezogen, daß der Staub sich darin nirgends vor dem Winde verkriechen und der Schatten dem Sonnenlichte keinen Raum abgewinnen kann. Die baierische Eitelkeit, welche sich aufbläht und München für das Ideal der Welt hält, hat den Maßstab der Isarhauptstadt, der dort schon allzu groß ist, in die hiesigen noch kleineren Verhältnisse übertragen. Gibt es Augenblicke, da in München in der Ludwigsstraße streckenweise nur ein Mensch sichtbar ist, so geht hier in der Aeolus- und Hermesstraße oft stundenlange keiner vorüber; Wagen sieht man ganze Tage hindurch nicht. Die 35.000 Bewohner Athens können eben doch nicht blos des Schauspieles wegen den ganzen Tag über spazieren gehen, und so viele gehören wenigstens dazu, um diese Gassen und weit gedehnten Plätze zu füllen. Umsomehr thut dieses das Sonnenlicht; das liegt den ganzen Tag breit und unaufhaltsam gebettet auf dem staubigen Pflaster. Kleine Oleanderbäume, welche die vertriebene Königin zum künftigen Schutze der Vorübergehenden angepflanzt, sind gleich, ehe sie ihre Aufgabe beginnen konnten, von der Hitze und dem Staube verkrüppelt worden, und dienen nur mehr als verrätherische Zeugen, daß man seinen Fehler eingesehen, nur leider zu spät, da er schon unverbesserlich war. Das Muster der orientalischen Städte nachzuahmen und das fortzusetzen, was man schon vorfand, kleine, enge und gewundene Gäßchen, die dem Winde und dem Sonnenlichte keinen Einlaß geben, es aber zulassen, daß man von einem Hause zum anderen eine schützende Decke für die Vorübergehenden spanne: das verbot der gebildete Hochmuth, den man aus eingebildet fortgeschritteneren Verhältnissen mitgebracht hatte und den so selbstvernichtend unter den Europäern insbesondere der Deutsche mit auf seine Reisen nimmt. Und so wie die Gassen und öffentlichen Plätze construirten sie das Innere der Häuser. Statt der breiten Treppe und der luftigen Sala, die das Haus in zwei Theile theilt, selbst einen kühlen Raum schafft und allen darein mündenden Gemächern Kühlung zuführt, enge, gewundene Stiegen, kleine Vorzimmerchen, winzige Speisesäle, Schlafkammern und Salons, aber Alles baierisch, münchenerisch hergerichtet, und darum wohl nach den Begriffen der Eingewanderten unübertrefflich, obwohl in auffälligem Widerspruche mit den Anforderungen des atheniensischen Klimas und der griechischen Bedürfnisse. Wer als Fremder sich diesen Anforderungen fügen will, der wird selbst von den längst Eingewanderten als Sonderling betrachtet; so wenig hat selbst die Zeit diesen Vorurtheilsvollen die Einsicht in die Vortheile der eingeborenen Sitte oder auch nur die Frage danach gegeben. Nein, der Horizont ihres Verstandeskämmerleins ist derselbe enge geblieben, wie ihn sich der Hochmuth in Baiern ausgebildet hatte, und nach demselben übertragenen Maßstabe wurde dann in weiterer Fortsetzung das ganze öffentliche und private Leben der Griechen umgebaut; aus sich heraus, aus der eigenen Wurzel, aus dem vaterländischen Boden und der heimischen Sitte nichts erschaffen. Zuletzt hatten diese Griechen in ihren Gassen, Plätzen, Häusern, in ihren Schulen, Gesetzen und Militärvorschriften ein förmliches System von Torturanstalten, in dem ihre Gewohnheiten bald breit und lang, dann wieder schmal und kurz geschlossen wurden. Nun kann man wohl mit der Folter den Willen des Einzelnen beugen, entweder stirbt er oder er ergibt sich, aber der Wille eines Volkes ist durch solche Mittel nicht besiegbar; für jeden Kopf, den man ihm abschlägt, wachsen wie bei der Hydra zwei andere nach. Dieses baierische Mißverstehen der griechischen Gewohnheiten, wovon ich die monumentalen Zeugen hier in Athen sehe, und das Nichtererkennen der griechischen Wünsche, wovon mir die byzantinische Geschichtskenntniß meines Bekannten auf dem französischen Dampfer Zeugniß gab, halte ich für die vereinten Ursachen, welche das Ende der baierischen Herrschaft auf hellenischem Boden herbeiführten. Uebrigens muß ich gleich hier zur Entschuldigung der Baiern sagen, daß ich nicht glaube, daß es irgend eine andere europäische Macht auf hiesigem Boden zu einem bleibenden Erfolge gebracht hätte. Ich zweifle überhaupt, daß diesen noch rohen und doch auch schon verkommenen Völkerstämmen der illyrischen Halbinsel durch eine Mischung mit unserer auch nicht mehr gesunden Cultur aufgeholfen werden wird. Sie so wenig als die amerikanischen Ureinwohner sind erfrischungsfähig durch europäische Einflüsse; sie leben entweder aus sich heraus und in ihrer Weise, oder sie leben gar nicht mehr, d. h. sie gehen langsam unter der Faust eines fremden Eroberers und in der Vermischung mit seinen Knechten zu Grunde. Nachdem man sie dem zweiten Falle sich hatte entwinden lassen und sie befreit von den Türken waren, hätte man sie auch dem ersteren vollständig und mit allen seinen Consequenzen überlassen sollen. Capodistria war für diesen Fall, wie ihn auch der Fürst Metternich wollte, der schickliche Regent, und nicht zu leugnen ist, daß unter seiner Verwaltung Griechenland verhältnißmäßig die glücklichste Periode seiner selbstständigen Existenz durchgemacht hat. Das was die Großmächte statt seiner anordneten war eine Halbheit und gab den Griechen nur den Titel in die Hand, die Schuld ihrer Mißerfolge den Fremden zuzuschieben. Gelingt es auch der zweiten Dynastie nicht, sich einzuwurzeln, so wäre es immer noch an der Zeit, die Griechen sich selbst zu überlassen. Und wenn sie sich auch unter einander auffressen, so möchte ich fragen, welcher Verlust daraus für die Menschheit entstehen sollte, daß solche Unruhestifter von der Welt vertilgt werden? Theilnahme der anderen Mächte wäre überhaupt nur zulässig, um jede einzelne von der Einmischung abzuhalten. Ein Cordon, der wenigstens moralisch gedacht um das ganze Griechenland gezogen würde, könnte diesen Zweck erfüllen. Uns kann das Zusehen nichts schaden und den Griechen doch vielleicht einmal nützen.

Dieses aus dem politischen Theile meiner atheniensischen Betrachtungen. Zu den Denkmälern machte ich meine erste Wanderung gleich an dem Morgen nach meiner Ankunft schon um 5 Uhr. Der Tempel der Winde ward mir eigentlich eine Enttäuschung; ich hatte mir seine Reliefs vorzüglicher vorgestellt. Aber der weitere Weg zur Akropolis führte mich zurück in die geweihte Stimmung. Aloe und andere Stauden des Südens säumen ihn ein; zwischen zerfallenem Gemäuer und über Trümmer steigt man aufwärts, daß mir Goethe’s Wanderer gegenwärtig ward. Noch lag der Morgen wie in halbem Lichte, obwohl die Sonne schon auf war; die attische Ebene und das fernere Meer erschienen in bleichen Farben. Zunächst unter mir rechts hinab, nachdem ich das erste Thor passirt hatte, sah ich das Theater des Herodes, das, weil nur der Musik geweiht, Odeon hieß. Größer hatte ich mir dieses Theater vorgestellt, und daß dieses 8000 Menschen fassen konnte, will ich nicht recht begreifen. Ganz anders ergeht es mir bei den Propyläen, sie übertreffen meine Vorstellungen. Riesenmäßig erscheinen sie mir, und selbst der kleine Tempel der Nike apteros größer als seine Maße. Es liegt die Ursache wohl in den richtigen Verhältnissen bei diesen Bauten. Wer nicht mehr will als er kann, bringt nie sein Unvermögen zur Erkenntniß und erscheint schon darum mächtiger als andere gestürzte Phaëtone.

Wie einer der Wallfahrer im panathenäischen Festzuge schritt ich zwischen diesen Säulenhallen und über die Schwellen hin, welche in die Marmorpflasterung des Bodens für die aufwärts glimmenden Opferthiere eingehauen worden waren und die heute noch so erhalten wie damals sind. Vor kurzem erst hat man sie aufgedeckt. Nirgends ist mir die Vergangenheit gegenwärtiger geworden als hier durch diese Schwellen. Es sind eben auch in der Weltgeschichte die gemeinen Detailzüge, die das Bild oft mehr erläutern als alle großen Zeichen.

Die dorischen Säulen der Propyläen erschienen mir wie alte Bekannte, und doch sah ich sie zum ersten Male; aber ich hatte das Vorgefühl von ihrer Schönheit gehabt, und hier gilt auch, daß nur versteht wer fühlt. Begreifbar ist Alles leicht bei diesen Gebäuden, weil jeder Dienst und jede Last mit ihren Pflichten und mit ihren Rechten klar zu Tage tritt, und weil die großen Linien des Ganzen nicht durch das Detail gestört und zerstreut werden; die Schönheit aber muß empfunden werden. Darin auch gleichen sie der Natur, daß sie zwar durchaus beschreiblich sind, daß aber der rechte Genuß, wie bei der Rose durch den Geruch, nur durch den Anblick gegeben werden kann.