In Rio de Janeiro aber sind die Abende schon vor Sonnenuntergang prachtvoll, weil der Seewind, der dort herrscht, kostbar erfrischt. Ich brachte bisweilen, war ich gerade nicht auf einer größern Excursion, solche Abende in einer jener Restaurationen nahe am Hafen zu, welche einem Franzosen gehörte, und woselbst ich später kurz vor der Abreise auch einige Tage wohnte. In diesen Anstalten herrscht eine merkwürdige Mengung von französischer Eleganz, brasilianischem Ueberflusse und zugleich, wie soll ich mich ausdrücken, – einer gewissen Einfachheit der Sitten.
Die großen bogenförmigen Thüren sind in den zu ebener Erde und gegen die See liegenden Speisezimmern stets geöffnet, so daß die frische Luft ungehindert Zutritt hat, an den Wänden schöne Kupferstiche, die kleinen Speisetische mit Silber und Kristallglas geziert und in der Mitte des geräumigen Gemaches eine Art Buffet zierlich, ja malerisch geschmückt mit allen jenen eßbaren Produkten des Landes aus Thier- und Pflanzenreich, die bei uns mit Gold gewogen, dort um einige Kreuzer zu haben sind, eine Miniatur-Ausgabe des besprochenen Victualienmarktes. Hinter einem andern in der Tiefe des Zimmers befindlichen Buffet beaufsichtigt eine zierliche Französin die Spirituosen. Aber der Kellner geht in Hemdärmeln, in abgetretenen Pantoffeln, nicht selten ohne Strümpfe und die Bedienung ist, wenn gerade nicht langsam, doch eigenthümlich. Ich war Augenzeuge, wie ein Fremder ein Glas Cognac verlangte. Der am Buffet lehnende Garçon hatte zufällig die linke Hand in der Tasche seiner Beinkleider stecken. Es war ihm lästig, sie zu entfernen, und so ergriff er die in der Nähe stehende Cognac-Flasche mit der Rechten, beseitigte den Stöpsel mit den Zähnen, füllte ein Gläschen und verkorkte die Flasche wieder auf dieselbe Weise, ohne die Linke zu rühren. Hier wußte die Linke nicht, was die Rechte that und umgekehrt, wie es häufig in unsern Kammern der Fall ist.
In jener Restauration versammelte sich ein großer Theil der Reisenden, deren Schiffe im Hafen lagen, und das babylonische Gewirre aller Sprachen, welches meist dort herrschte, ist schwer zu beschreiben. So war ein nordamerikanisches Schiff, welches, wie wir, nach Kalifornien bestimmt war, bei Kap Horn wegen Havarie gezwungen gewesen, umzukehren, und dessen Passagiere gaben uns jeden Abend Gelegenheit, Yankee-Sitte vor Augen zu haben. Eine Cigarre oder Kautabak im Munde, und war es halbweg möglich beide Füße auf dem Tische, spuckten diese Gentlemen mit bewundernswürdiger Virtuosität weit ab von sich an Wände und Geräthschaften. Aber ich hatte auch Gelegenheit, den durchweg praktischen Sinn jener Leute zu beobachten. Sie hatten an einem Abend auf der Straße vor dem Gasthause Händel mit den Brasilianern angefangen, man hatte die Messer gezogen, und einige der Nordamerikaner waren, ich weiß nicht auf welche Art, durch tiefe Querschnitte über den Rücken verwundet worden. Es war nöthig, vor der Uebermacht auf der Straße sich durch das Haus auf die andere Seite in's Freie zurückzuziehen, und sie bewirkten diesen Rückzug, indem sie gänsemarschartig sich mit außerordentlicher Geschmeidigkeit durch alle Gäste schoben, den Einzelnen wegstoßend, größeren Gruppen ausweichend und die Verwundeten so mit sich schleppend, daß diese mit beiden Händen sich an den Schultern des Vordermanns festhielten, während ihr Hintermann sie selbst am Kragen gefaßt hielt.
Nicht leicht habe ich den Ausdruck heiterer und harmloser Freude über eine ganze Bevölkerung ausgebreitet gesehen als in Rio de Janeiro am Vorabende des Johannis-Festes.
Sicher ist es eine der glücklichsten Segnungen der meisten warmen Länder, daß ihre Bewohner eine gewisse kindliche Gemüthlichkeit, einen eigenthümlichen gütlichen Leichtsinn bewahren, die sich bei jeder Gelegenheit äußern. Am Johannis-Feste freut sich alles, eben weil man sich freut. Auf den Straßen eine heitere, wogende, jubelnde Menge, in den Häusern geladene Gäste, freundliche Hausherren und geschäftige Diener, Scherz und Lust in jedem Winkel des Hauses, in jeder Laube des duftenden Gartens. Sobald es zu dunkeln beginnt, erheben sich tausende von farbigen Ballons in die Luft, die entweder in der Höhe verschwinden oder durch ein angebrachtes Feuerwerk in Flammen gerathen und Leuchtkugeln oder Raketen auswerfen. Aber auch auf der Erde entzünden sich allenthalben plötzlich farbige Leuchtsätze und nicht selten wird irgend eine zärtliche Gruppe unfreiwillig beleuchtet, Raketen steigen in die Höhe, Schwärmer und sogenannte Frösche blitzen und knallen aller Orten. Das eigentliche Johannisfeuer aber, von welchem sich auch in Deutschland an mehreren Orten noch Spuren erhalten haben, brennt vielfach in jeder Straße und auf größeren Plätzen in mächtigen Flammen. Alte Kisten und Tannen, unbrauchbares Hausgeräthe und hundert andere brennbare Dinge werden aufgespart auf diesen Tag, und Jedermann sucht sein Scherflein beizutragen für diese allgemeinen Freudenfeuer.
Mich hat dort verwundert, wie geduldig die Pferde über jene Feuer hinwegliefen, denn da die letzteren in ganz engen Straßen brannten, wo an kein Ausweichen zu denken war, mußten alle Wagen, welche zu hunderten die Stadt durchzogen, durch die Flammen fahren, so daß brennende Holzstücke oft zwanzig Schritte weit von den Rädern hinweggeführt wurden.
Die Heiterkeit des Abends wurde wieder durch eine Anzahl Nordamerikaner gestört, welche Unfug verübten und durch die Polizei zur Ruhe gebracht werden mußten. Wir erfuhren bei dieser Gelegenheit die Bedeutung des Wortes »Californi!« welches man uns bei der Einfahrt in den Hafen zugerufen hatte. Es hatten schon vor unserer Ankunft die Passagiere mehrer gleichzeitig im Hafen von Rio verweilender nordamerikanischer Schiffe manchfache Tollheiten und Unarten verübt, in Schenken z. B. statt die Zeche zu zahlen, Geräthe zerschlagen, Raufereien begonnen, Dirnen mißhandelt u. s. w. Da jene Schiffe nach Kalifornien bestimmt waren, so kam unter dem Volke als Schimpfwort jener Name in Umlauf, mit welchem man ohne Unterschied alle nach Kalifornien Reisenden belegte. –
Man wird von mir keine statistische Notizen über Rio verlangen, die allenthalben eben so gut oder schlecht als ich sie geben könnte, nachzuschlagen sind. Daß die 100,000 Einwohner, welche mit Einschluß der Neger die Bevölkerung ausmachen, sich durch das, einige Monate nach meiner Anwesenheit ausbrechende gelbe Fieber bedeutend vermindert haben, ist bekannt; aber solche Verluste ersetzen sich schnell in der neuen Welt, theils durch fremde Ankömmlinge, theils wie hier in Rio, durch Schwarze.
Das Militair hat keinen sehr günstigen Eindruck auf mich gemacht. Es besteht, mit Ausnahme von Fremden, welche in brasilianische Dienste getreten sind, aus Negern, und es ist in der That kein Scherz, wenn ich sage, daß der erste Anblick dieser Krieger mich an eine Affen-Komödie erinnert hat. Sich selbst überlassen, stehn die Schwarzen meist mit gebogenen Knieen, wodurch die ohnedies langen Arme noch länger erscheinen und dies, vereint mit den schwarzen, bisweilen wirklich fratzenhaften Physiognomien bringt jenen pavianartigen Typus zuwege. Doch stehen sie wacker und ernsthaft Schildwacht und wissen, ganz auf europäische Weise, Zudringliche von verbotenen Stellen zu entfernen.