Der Tyrann Kahirbillah, Nachfolger des Chalifen Radhi, der letzte der Chalifen, welcher dichtete und selbst am Freitage das Chutbe verrichtete, berief den Türken Raik als Fürsten der Fürsten nach Bagdad und stiftete so die oberste Gewalt der Fürsten der Fürsten, um die sich mit den Befehlshabern der Leibwachen die mächtigen Fürsten des Hauses Hamdan und Buje stritten. Er bestellte, der erste, einen Stellvertreter in der Moschee, in welcher vor ihm die Chalifen selbst als Imame dem Gebete vorstanden, am Freitage die Rede selbst von der Kanzel als Chatibe gehalten hatten.[242] 330/
941 Unter seines Bruders und Nachfolgers Mottakki, d. i. des Gottesfürchtigen, Regierung verkündeten grosse Ueberschwemmung des Tigris und grosse Pest und Hungersnoth eben so grosses politisches Unheil. Der Anführer Beridi verheerte Bagdad dritthalb Monate lang mit seinen Truppen, der Türke Tusun drängte sich nach Raik's Tod dem Chalifen als Fürst der Fürsten auf, dem byzantinischen Kaiser Romanus Lapachenes musste das Schweisstuch Christi als Lösegeld ausgeliefert werden; Mottakki ward geblendet und vom Throne gestossen. Sein Neffe Mostekfibillah verlieh nach Tusun's Tod die Stelle des Fürsten der Fürsten dem Schirsad, welchem sie Ahmed der Bujide entriss und vom Chalifen mit dem Ehrentitel Moiseddewlet, d. i. der den Hof oder das Reich Ehrende, anerkannt ward. Er bemächtigte sich der Leitung aller Geschäfte, wies dem Chalifen nur fünftausend Dirhem für dessen täglichen Unterhalt an, riss ihn endlich gewaltsam vom Throne und verstiess ihn geblendet in den Kerker. Die Wesire wurden von nun an nicht mehr Wesire, sondern nur Kjatibe, d. i. Sekretäre, genannt.[243] Sein Nachfolger Motiilillah, d. i. der Gehorsame in Gott, war nur den Befehlen Moiseddewlet's und seines Sohnes Bachtiar gehorsam, welche die wahren Herren von Bagdad, als Schii die Sunni als Ketzer und die Chalifen aus dem Hause Abbas als ungerechte Thronbesitzer anfeindeten; Verwünschungen wider Omar, der Fedek, das Landgut Ali's, eingezogen, und den Ebu Serr verdammte, wurden an die Thore der Moscheen geschrieben, Nachts zwar von den Sunniten wieder ausgelöscht, dann aber dem Moawia von den Kanzeln geflucht und das Fest Aaschura zum Preis des Martyrthums Husein's eingesetzt[244]. Moiseddewlet verkaufte die Stelle des Obersten Richters um zwanzigtausend Dirhem, das erste Beispiel so schändlicher Verkäuflichkeit im Islam, und Bachtiar, als es ihm an Geld mangelte, zwang den Chalifen, seine ganze Garderobe und sein Hausgeräthe zu verkaufen, und zog die aus der Versteigerung gelösten vierzigtausend Dirhem ein, so dass man sagte, er habe den Chalifen vergantet[245]. Die Karmathen hatten zwar den schwarzen heiligen Stein wieder an die Kaaba zurückgestellt, aber hingegen eroberten die Griechen alle Gränzfestungen des Reichs. Zu Tarsus verwandelten sie die Moscheen in einen Stall und verbrannten die Kanzel; Antiochien und Haleb, Edessa und Nissibin wurden geplündert. Dschewher, der Feldherr der Fatimiten, hatte Aegypten erobert. So grosse und schwere Unfälle waren durch ausserordentliche Naturverheerungen vorbedeutet oder von denselben begleitet worden. 346/
957 Erdbeben verschluckte die Stadt Thalkan mit allen ihren Einwohnern, bis auf dreissig[246], und hundert fünfzig Dörfer. Die Erde warf die Gebeine der Todten aus und sprengte heisses Wasser zum Himmel empor; Kum und Holwan wurden durch Erdbeben verwüstet; die Heuschrecken verzehrten nicht nur das Gras der Fluren, sondern auch die Blätter der Bäume; das Meer trat achtzig Ellen weit von seinen Ufern zurück[247] und enthüllte die Naturwunder seines Schooses; drei Jahre später verschlang es das Gepäck der Pilgerkarawane, die ein Wolkenbruch demselben zugeschwemmt; 349/
960 in diesem Jahre wurde Kreta von den Griechen erobert. Der Sohn Motii's war Thaai, was ebenfalls gehorsam bedeutet; er gehorsamte, wie der Vater, dem Fürsten der Beni Buje, die sich nun mit den Türken und unter sich um die Obervormundschaft des gehorsamen Chalifen stritten; doch beobachtete Adhadeddewlet, der grosse Fürst der Bujiden, wenigstens den äusseren Anstand, indem er siebenmal vor dem Chalifen die Erde küsste, während Behaeddewlet den Palast des Chalifen plünderte, ihn selbst durch zwei Dilemiten von dem Throne reissen liess und geblendet in den Kerker verstiess. Adhadeddewlet hatte zu Bagdad Spital und Sternwarte gebaut, und inmitten der finsteren Nacht, welche den Thron des Chalifats umdunkelte, leuchteten am literarischen Himmel Gestirne der ersten Grösse. Der Dichter Motenebbi, der Geschichtschreiber Mesudi, der Philosoph Farabi und Ebulferedsch von Issfahan, der Verfasser der grossen Blüthenlese, Aghani, welcher dem Wesir Ibad die fünfhundert Kameellasten von Büchern, die er vor Erscheinung derselben mit sich zu führen pflegte, ersparte.
Kadirbillah und Kaimbiemrillah.
In die vierzigjährige Regierung Kadirbillah's, des fünf und zwanzigsten Chalifen, des Enkels Moktedir's, fällt das Ende der Herrschaft der Beni Buje und der Beginn der Grösse der Sultane von Ghasna, welche aber zu ferne, um unmittelbaren Einfluss auf die Schicksale Bagdads zu nehmen. Nichtsdestoweniger ertheilte ihnen der Chalife Ehrentitel, indem er dem Vater Sebugtegin den der rechten Hand des Hofes und des Intendenten des Volkes[248] beilegte, wie die Fürsten der Buje der Bewahrer[249], der Arm[250], der Ruhm[251], der Adel[252], das Schwert[253], der Werth[254], die Säule[255] und die Ehre[256], der Veredler[257], die Erhabenheit[258] des Reichs und des Hofs geheissen hatten; fünf und vierzig Jahre alt, als er den Thron bestieg, füllte Kadir, d. i. der Mächtige, denselben vierzig Jahre lang, wenn nicht mit Macht, doch mit Anstand und Würde, war genau und eifrig in Vollziehung der vorgeschriebenen Religionspflichten im Gegensatze seiner Vorfahren, welche Wüstlinge und Schlemmer, schrieb ein Buch wider die Schismatiker, welche die Lehre, dass der Koran erschaffen, vertheidigen, welches alle Freitage in der Moschee vorgelesen ward; nur wurde seine lange Regierung häufig durch die blutigen Streitigkeiten der Sunni und Schii getrübt, weil er die letzten auf Kosten der ersten begünstigte. In dem ersten dieser Religionsaufruhre wurde der Wesir Behaeddewlet erschlagen, weil er die Todtenfeier des Martyrthums Husein's abstellen wollte. i. J. 382/
992 Neun Jahre hernach empörten sich die Ketzer, indem sie die Einführung eines neuen Festes, nämlich des schiitischen des Teiches, durchsetzten[259]. 389/
998 Zehn Jahre hernach, im selben, wo ein heftiges Erdbeben die Stadt dreimal, und Hakimbiemrillah die Kirche, das heilige Grab zu Jerusalem in Schutt verwandelte, schlugen sich die Sunni und Schii in den Strassen von Bagdad. i. J. 407/
1016 Neun Jahre später wurden die Ketzer zu Wasith von den Sunni geschlagen und die Kuppel der grossen Moschee zu Jerusalem stürzte ein. Schon im nächsten Jahre i. J. 408/
1017 entbrannte der Kampf zwischen ihnen umso heftiger zu Bagdad; und abermals nach dreizehn Jahren i. J. 421/
1030 schlugen sie sich wegen des Festes Aaschura, d. i. des Trauerfestes Husein's. Ausser dieser so oft wiederholten blutigen Polemik wurde Bagdad von Zeit zu Zeit durch Diebsbanden beunruhigt, so dass Niemand seines Eigenthums sicher[260]. Nichtsdestoweniger brachte es Kadir dahin, dass die Beni Okail in Syrien das Kanzelgebet auf seinen Namen und nicht auf den der Fatimiten verrichteten, deren angeblicher Ursprung von Ali, zu Bagdad öffentlich in den Schulen angegriffen ward. i. J. 402/
1011 Die Gleichzeitigkeit Firdewsi's und Kabus Schemsolmaali's, des Dilemiten, wie die Hamdan's, des Gründers der Beni Hamdan, und Avicena's verherrlichte die vierzigjährige Regierung Kadir's nicht minder, als die fünf und vierzigjährige seines Sohnes Kaimbiemrillah's, d. i. des auf Befehl Gottes Aufrechtstehenden, durch das Aufsteigen Toghrul's, des Gründers der Dynastie der Seldschuken, als Beginn einer neuen Epoche, indem die Vormundschaft der Chalifen von dem Hause Buje in das der Seldschuken überging. Toghrul, von dem Chalifen um Schutz wider den übermächtigen Türken Besasiri angefleht, gewährte denselben, aber gegen die Belehnung mit der Herrschaft des Ostens und Westens mittels zweier Kopfbünde, zweier Schwerter, sieben Fahnen und sieben nacheinander angelegter Ehrenkleider, während der Chalife auf sieben Ellen hohem Throne sass. Der Chalife vermählte sich mit der Nichte Toghrul's und dieser nahm die Tochter des Chalifen zur Frau, starb aber vor Vollzug der Hochzeit siebzigjährig. Zwei Kometen[261], Erdbeben, Hungersnoth, Meeresebbe und Ueberschwemmungen verkündeten und begleiteten diesen neuen Umschwung der Herrschaft des Ostens und Westens. In Aegypten und Palästina spie die Erde Wasser[262], das Meer zog sich auf einen Tag weit von den Gestaden zurück und verschlang in unvermutheter Rückkehr die, welche in seinen aufgedeckten Tiefen nach Schätzen suchten[263]. Die Hungersnoth in Aegypten war so gross, dass seit des ägyptischen Joseph's Zeit keine grössere gedacht ward[264] und die Stärkeren die Schwächeren ohne Scheu auffrassen; durch zwei Ueberschwemmungen des Tigris[265] wurden über hunderttausend Häuser verwüstet. Solche Zeichen mussten die Herrschaft der Türken über Vorderasien verkünden; aber ausserdem ward Bagdad noch durch Diebesbanden und die Religionskämpfe der Sunni und Schii verwüstet; diese fügten zum Gebetsaufruf die Formel: Auf! zu guten Werken![266] bei und schrieben auf ihre Bollwerke: Mohammed und Ali sind die bessten der Geschöpfe; wer vollzieht, ist dankbar, wer sich dessen weigert, undankbar; die Sunni widersetzten sich; die Grabmäler der Imame Musa und Takki wurden ihrer goldenen Leuchter und Lampen beraubt, die Schreine aus Ebenholz angezündet; sie verbrannten auch die Grabdome des Chalifen Emin und seiner Mutter Sobeide, die der Bujiden Mois und Dschelaleddewlet[267]; die Moscheen der Hanefiten wurden von den Schiiten geplündert. Sie unterliessen dafür das Kanzelgebet für den Chalifen, weil er sie zu schützen nicht im Stande, nicht Chalife und Imam zu heissen verdiene. Doch hatte er vor seinem Ende den Trost, dass der Scherif von Mekka das Kanzelgebet nicht mehr auf den Namen der Fatimiten, sondern auf den der Beni Abbas verrichtete; und unter seiner Regierung erhob sich zu Bagdad die erste, vom grossen Wesire Melekschah's von Nisameddin gestiftete hohe Schule Nisamije[268].
Die Chalifen Moktefi, Mostadhir.
Mit Moktefi, dem Sohne Kaimbiemrillah's, dem sieben und zwanzigsten Chalifen, welcher zwanzigjährig den Thron bestiegen, setzte sich auf denselben in Chuaresm Itsis, einer der Emire Melekschah's, der Gründer der Dynastie der Chuaresmschahe, die erst ein Jahrhundert später zum Gipfel der Macht emporstieg. Itsis liess das Freitagsgebet wieder auf den Namen des Chalifen aus dem Hause Abbas, statt auf den der Fatimiten, verrichten. Moktefi vermählte sich mit der Tochter seines Schirmvogtes, des grossen Sultan's der Seldschuken, Melekschah. Die Hochzeit war die glänzendste, welche Bagdad seit der berühmten Mamun's mit der Tochter seines Wesirs Sehl gesehen; der grosse Wesir Nisamolmülk mit zweitausend Reitern begleitete die Braut; hundert vier und dreissig Reihen von Kamelen (jede Reihe zu sieben) trugen den Brautschatz, in welchem die juwelenbesetzten Pantoffeln das Hauptstück. Die Hochzeit, sowie ein Paar Jahre hernach das Geburtsfest des Sohnes Dschaafer aus der Frau Turkjan, wurde mit grossen Festen gefeiert; dem letzten wohnte Melekschah in eigener Person bei und legte bei dieser Gelegenheit den Grund der nach seinem Namen genannten Moschee Bagdad's. Nach Verlauf eines Jahres zertrugen sich der Chalife und die Tochter Melekschah's, welche zu ihrem Vater nach Issfahan zurückkehrte, weil Moktefi statt ihres Sohnes Dschaafer's den Mostadhir zum Thronerben ernannte. Melekschah forderte, dass der Chalife die Erbfolge an seinen Enkel Dschaafer, den Sohn Turkjan's, übertrage, und war eben im Begriffe, ihm dieses Familiengesetz mit gewaffneter Hand aufzuzwingen, als er vergiftet starb, was von Bagdads Einwohnern der Wirkung des himmeldurchdringenden Gebetes des Chalifen zugeschrieben ward. 487/
1094 Moktefi überlebte ihn nur drei Jahre und hatte seinen sechzehnjährigen Sohn Mostadhir zum Nachfolger. 489/
1096 Zwei Jahre nach seiner Thronbesteigung ward ganz Asien durch den Schrecken der Astronomen über den Verein der Planeten, den Saturnus ausgenommen, im Zeichen des Fisches mit Vorhersagungen von Sündfluth aufgelärmt, indem zur Zeit der Sündfluth alle sieben Planeten im Fische gestanden haben sollen; wirklich schwemmte ein Wolkenbruch das Gepäck der Pilgerkarawane fort; aber verderblicher als diese Ueberschwemmung war die der Kreuzfahrer, deren Fluth bald hierauf an den syrischen Gestaden emporbrandete. 499/
1105 Ein Comet von einer Grösse, dessgleichen nie gesehen worden, galt als Vorzeichen des ungeheueren Brandes, dessgleichen Bagdad noch nicht erlebt hatte, und in welchem nebst dem Palaste des Chalifen die hohe Schule Nisamolmülk's und die ganze Flussseite der Stadt in Asche gelegt ward; 511/
1117 was vom Brande übrig geblieben, zerstörte ein Erdbeben. Brand und Erdbeben mussten den Tod Mohammedschah's des Seldschuken und des Chalifen vorbedeutet haben, welche bald hierauf im Zwischenraume von wenigen Monaten starben. Es war das drittemal, dass der Tod des Chalifen mit dem seines seldschukischen Schirmvogtes fast zusammenfiel; Sultan Alparslan war zwei Jahre vor dem Chalifen Kaim[269], Sultan Melekschah zwei Jahre vor dem Chalifen Moktefi[270] und jetzt Sultan Mohammed nur einige Monate vor dem Chalifen Mostadhir gestorben, und sowohl die drei Sultane als die drei Chalifen gehörten unter die grössten und bessten Herrscher ihres Hauses[271]. Mostadhir, beredt, freigebig und Schönschreiber, machte den Bewohnern Bagdads angenehme und fröhliche Tage, indem seine vier und zwanzigjährige Regierung im Ganzen eine ruhige, während die siebzehnjährige seines Sohnes und Nachfolgers Mosterschid das Gegentheil durch die Thronnebenbuhlerschaft der beiden Seldschuken, Mahmud und Mesud, von denen Mosterschid jenen als Oberherrn anerkennend mit sieben, diesen nur mit zwei Ehrenkleidern bekleidete. Mesud überzog in der Folge den Chalifen mit Krieg, belagerte Bagdad und nahm ihn gefangen; als aber sein Oheim Sindschar solche Verletzung der dem Oberhaupte des Islams schuldigen Ehrfurcht hoch missbilligte, setzte er ihn in Freiheit und ging sogar vor dessen Pferde, die Satteldecke desselben tragend, einher. Ein Feuerregen zu Mossul und fliegender Skorpionen zu Bagdad, an deren Bissen Viele starben, gingen dem gewaltsamen Tode des Chalifen voraus, der unter dem Dolche der Assassinen fiel. Sie hatten ihn zu ihrem Opfer ausersehen, weil er ihnen feind; ein tugendhafter Fürst, ausgezeichneter Schönschreiber, Rechtsgelehrter und Ueberlieferer, in dessen Gegenwart Lesungen der Ueberlieferungen gehalten worden. Unter seiner Regierung wurden zu Hebron in einer Felsenhöhle Leichname entdeckt, welche für die Abraham's, Isak's und Jakob's galten, deren Gräber seitdem dort der Gegenstand moslimischer Verehrung; und zu Bagdad fiel, was vordem und seitdem unerhört, mannstiefer Schnee, der vierzehn Tage liegen blieb[272].
Die Chalifen Raschid und Moktefi.
Raschid[273], der Sohn Mosterschid's, der dreissigste Chalife, trat keineswegs in seines Vaters und Grossvaters Fussstapfen; wider Sultan Mesud lehnte er sich auf, indem er das Kanzelgebet zu Bagdad, statt auf dessen Namen, auf den David's, des Neffen Mesud's, verrichten liess. Mesud plünderte dafür Bagdad mit solcher Raubsucht, dass den Frauen und Sklavinnen sogar die Halsbänder und Ohrgehänge weggerissen wurden; durch sechzehn Tage und Nächte bebte die Erde zu Bagdad, und schon eilf Monate, nachdem er den Thron bestiegen, dessen ihn die Richter und Rechtsgelehrten durch ein Fetwa als unfähig erklärten, fiel er, wie sein Vater, unter Meuchlerdolch. Das Reich war so gesunken und verarmt, dass, als Raschid's Nachfolger, sein Vetter Moktefi, der Sohn Mostadhir's, den Chalifenstuhl bestieg, ihm kein Einkommen blieb, als der Ertrag seiner Privatgüter; aber auch diesen hätte er nicht eintreiben können, wenn ihm nicht die Sklaven Mesud's dazu verholfen hätten. Er vermählte sich mit der Schwester Sultan Mesud's, welche ihm hunderttausend Dukaten als Heirathsgut zubrachte; aber vierzehn Jahre hernach, als die Araber der Wüste die ganze Pilgerkarawane plünderten und gefangen nahmen, musste die Gemahlin des Chalifen, welche sie gefangen behielten, um hunderttausend Dukaten losgekauft werden, so dass das Heirathsgut als Lösegeld aufging. Hierauf sandte ihm Sultan Sindschar, der Oheim Mesud's, den Mantel und den Stab des Propheten, welchen Mesud, als er den Chalifen Mosterschid gefangen genommen, dem Oheim gesandt. Moktefi hatte während seiner vier und zwanzigjährigen Regierung mit Widerwärtigkeiten aller Art zu kämpfen. Die Naturbegebenheiten schienen sich wider ihn verschworen zu haben, wie die Emire Sultan Mesud's, welche Bagdad belagerten und verheerten. Ein Erdbeben, in welchem dreissigtausend Menschen zu Grunde gingen, verschlang die Stadt Hire, an deren Stätte schwarzes Wasser aufquoll; 534/
1139 in Syrien zählte man in Einer Nacht achtzig Erdstösse; Orkane und Wolkenbrüche verheerten Kleinasien und ein Comet zog flammend von Osten gegen Westen. Zu Bagdad rettete sich der Chalife nackt aus den Flammen, welche den kaum aufgebauten Palast mit der ganzen Einrichtung verzehrten. 543/
1148 In Arabien regnete es Blut; aber mehr noch als alle diese Naturerscheinungen bedrängte den Chalifen der Druck seines Schwagers Schirmvogtes Mesud; wider denselben blieb dem Unterdrückten keine Waffe, als der himmeldurchdringende Pfeil des Gebetes; diesem ward der gähe Tod Mesud's zugeschrieben, durch welchen nicht nur Moktefi seines Drängers ledig, sondern auch das nun schon dreihundert Jahre auf dem Chalifate schwer lastende Joch türkischer Sklaverei für immer zerschlagen ward; 547/
1152 eine höchst günstige Begebenheit, wodurch die Chalifen wieder ihre Unabhängigkeit genossen, welche sie seit der Einführung der türkischen Sklaven unter Moteaassim verloren hatten. Doch nützte ihnen dieselbe nicht viel, da das Reich zerstücket, ihre Herrschaft nur auf das Grabmal von Bagdad und einige Städte des arabischen Irak beschränkt war und die Macht der Chuaresmschahe drohend emporwuchs. Indessen ist diese Epoche doch eine sehr merkwürdige in der Geschichte des Chalifats, welches in dem letzten Jahrhunderte seines Daseins keinen Schirmvogt anerkannte. Moktefi selbst benützte den ersten freien Odemzug, den ihm der Tod Mesud's gewährte, zur Belagerung von Tekrit und einem Streifzuge wider die in der Gegend herumziehenden Turkmanen, denen er viermalhunderttausend Schafe und grosse Beute abnahm und damit zu Bagdad einzog. Suleiman, der Sultan der Seldschuken Rum's, kam nach Bagdad, um aus der Hand des Chalifen den Titel der Herrschaft und den Befehl zur Eroberung des Gebirgslandes zu empfangen. Das Erdbeben, das im folgenden Jahre acht Städte der Moslimen und fünf der Franken in Syrien verheerte, war eines der schrecklichsten; 552/
1157 die Einwohner Hamid's wurden alle erschlagen, zu Scheiser blieb nur ein Weib, zu Kefrtab keine Seele lebendig. Zu Apamea, Himss, Maarret und Tell Hamdan wurde die Hälfte der Einwohner verschüttet, die von Hossn Ekrad und Arka gingen alle zu Grunde, Niemand wollte innerhalb der Mauern bleiben, und die Uebriggebliebenen suchten Rettung im Freien. Im folgenden Jahre verwüstete die Ueberschwemmung des Tigris dreissigtausend Häuser von Bagdad und Hagel in der Grösse von Hühnereiern und den seltsamsten Figuren ging dem Tode des sechs und sechzigjährigen Chalifen voraus.
Neue Periode des Chalifats; Mostendschid.
Die Periode der Unabhängigkeit der Chalifen von dem seit Mesud's Tode abgeschüttelten Joche der seldschukischen Vogtschaft ist in keiner der bisherigen europäischen Geschichten des Chalifats gehörig hervorgehoben, kaum mit ein Paar Worten über den Charakter der Gemahlin Moktefi's angedeutet worden[274]; diese, welche Taus, d. i. Pfau, hiess, flösste ihrem Gemahle den hohen Sinn und den Muth ein, sich von der schmählichen Oberherrschaft der Türken, unter denen die Chalifen durch drei Jahrhunderte geschmachtet, loszusagen. Das letzte Jahrhundert der Dauer des Chalifats war also ein für dasselbe ehrenvolleres, als die drei verflossenen, indem die letzten sechs Chalifen keine Obervogtschaft anerkannten und selbst ihre Heeresmacht wieder zu einer Höhe brachten, wodurch sie in den Stand gesetzt wurden, nicht nur die Anmassungen der Chuaresmschahe auf gleiche Vogtschaft zurückzuweisen, sondern sogar Empörungen niederzuschlagen und ein Paar dem Chalifate längst entrissene Landschaften demselben wieder einzuverleiben. Die Ursache des gänzlichen Ruines des Chalifats ist, ausser der Alles vor sich in den Staub tretenden Uebermacht der Mongolen, hauptsächlich die Unterthänigkeit des letzten Chalifen aus dem Hause Abbas, welchem, wenn er in die Fussstapfen seiner fünf unmittelbaren Vorfahren, und namentlich in die Nassirbillah's, getreten wäre, es wohl hätte gelingen können, die Macht der Mongolen von den Mauern Bagdad's zurückzuschlagen, wie diess ein Paarmal seine Vorfahren mit Muth und gutem Glück gethan. Die Periode der vorletzten fünf Chalifen gehört, wenn nicht unter die schönsten Zeiten des Chalifats aus dem Gesichtspunkte des Glanzes und der Macht, doch unter die bessten und ehrenvollsten Tage desselben, aus dem Gesichtspunkte äusserer Jochentlastung und Unabhängigkeit und innerer Ruhe und Sicherheit betrachtet. Der Zeitraum der fünf und achtzig Jahre, welche unter den vorletzten fünf Chalifen verflossen, kann mit einigem Fuge dem Zeitraume der neun und achtzig verglichen werden, in welchem Rom unter der Herrschaft Trajan's, Hadrian's und der Antonine aufathmete, das vorige Weltreich wieder einigen Ansehens, die Menschheit wieder einiger Ruhe genoss. Der Name Mostendschid, der mehrere Bedeutungen hat, kann in zweien dieser Bedeutungen für den geschichtlich bezeichnenden seiner Herrschaft gelten. Mostendschid heisst sowohl der einen Vertheidiger Suchende, als ein nach überstandener Krankheit seine Kräfte Sammelnder. Er hoffte in dem syrischen Atabegen einen Vertheidiger des Chalifats zu finden; eine Hoffnung, die nicht durch Nureddin, der selbst mit dem ägyptischen Chalifen im Kampfe lag, wohl aber unter Ssalaheddin, dem ersten Herrscher des mächtigen Hauses Ejub, unter Mostadhir, dem Nachfolger Mostendschid's, durch den Sturz des Chalifen Nebenbuhlers in Aegypten und durch die Uebertragung des Kanzelgebetes von ihrem Namen auf den der Familie Abbas einigermassen erfüllet ward. Mostendschid, ein gerechter, gebildeter und energischer Fürst, hob die von seinem Vorfahrer zum Ruin des Handels eingeführten drückenden Stempelgefälle auf, verbot die scholastischen Vorlesungen über metaphysische Werke und entriss den Händen der Beni Mesud die der Stadt des Heiles so nahe gelegenen Hille, Kufa und Enbar.
Mostadhi und Nassirlidinillah.