Borrak zieht über den Oxus und wird von Kipdschak verlassen.
Ausser den oben genannten, von Kaidu zur Hilfe Borrak's bestellten neun Prinzen des Uluses Ogotai und Dschagatai stellten sich zu seinem Dienste noch vier des Uluses Dschudschi, nämlich die beiden Jesawur [der grosse und kleine][504], Meraghul und Dschelertai[505]. Mit diesem Heere eroberte Borrak Chorasan von den Gränzen Bedachschan's und Schiburghan's (bei Balch) bis nach Nischabur. Ehe er noch über den Oxus gesetzt, sandte er Botschaft an Tekschin (den vierten Sohn Hulagu's, den Bruder Abaka's), welchem vom Vater die Herrschaft über das Gebiet von Badghis, östlich von Herat, eingeräumt, vom Bruder bestätigt worden. Badghis, was nur verderbte Aussprache von Badchis, d. i. Windaufstehend, weil dort immer die Winde rege, hiess vormals Pasin und war die Hauptstadt der Hunnen Euthaliten; die Wälder der Gegend sind meistens Pistazienwälder, von denen Herat und andere Städte mit Pistazien versehen werden. In diesem Bezirke liegt das unbezwingliche Schloss Nertku[506], das Aornos Chorasan's, auf einem tausend Ellen hohen Felsen, zu welchem eine halbe Stunde lang ein nur für Einen Menschen gangbarer Pfad führt, noch nie durch Gewalt der Waffen bezwungen; die Gegend umher ist so kalt, dass die Rosen hier erst im Juli blühen; das Holz zu dem Baue der Häuser von Herat kommt aus diesen Wäldern und ist so trefflicher Eigenschaft, dass es weder austrocknet noch fault, der Boden so fruchtbar, dass derselbe ohne Mühe und Kultur hundertfach trägt[507]. Nach der Felsenburg Nertku ist Kiasis ein geschichtlich merkwürdiger Ort des Gebietes von Badghis, weil es die Grabstätte Mokannaa's, des berühmten falschen Propheten, der allnächtlich aus einem Brunnen von Nachscheb einen Mond aufsteigen liess (vermuthlich von bengalischem Feuer), der die Gegend weit umher erleuchtete[508]. Borrak liess den Prinzen Tekschin wissen, das Land von Badghis bis Ghasnin und dem Indus gehöre zur Weide seiner Väter, und er möge daher dasselbe räumen. Tekschin antwortete: er hätte es als väterliches Erbe von seinem Aka, d. i. dem älteren Bruder und Herrn Abaka, bei dem er sich erst anfragen müsse. Abaka antwortete: dass das Land von Badghis zu den Krongütern des Hauses Hulagu's gehöre und dass er dasselbe wider den Angriff Borrak's zu vertheidigen wissen werde. Auf diese Antwort hatte Borrak mit den Prinzen, die in seinem Geleite, Kriegsrath gehalten und war über den Oxus gegangen, nachdem er seinen Sohn Begtimur mit tausend Reitern zu Kesch und Nachscheb zurückgelassen. Melik Schemseddin Kert von Herat kam dem Prinzen huldigend entgegen, um die Schonung seines Landes zu erhalten, welche auch zugestanden, aber die Verheerung alles übrigen, dem Kubilai oder seinem Neffen Abaka gehörigen Landes befohlen ward[509]. Von Seite Abaka's befehligte sein älterer Sohn Arghun, welchem die Statthalterschaft von Chorasan verliehen ward, das Heer; in demselben befand sich ein Emir der Tausender Namens Sidschektu, welcher ehemals ein Hausgenosse des Prinzen Kipdschak; als er hörte, dass dieser sich im Heere Borrak's befände, sandte er ihm ein Geschenk von Pferden, das dieser mit gleichem entgegnete; diess war der Anlass eines heftigen Streites zwischen Kipdschak und dem Feldherrn Dschelartai dem Dschelairen, welcher dem Kipdschak in Borrak's Gegenwart vorwarf, die bessten Pferde für sich behalten und nur die schlechteren dem Borrak gegeben zu haben. Kipdschak rief aus: „Hat je ein Karadschu, d. i. ein Unterthan, solche Worte gegen einen Abkömmling Tschengischan's so gesprochen, dass sich solch ein Hund solcher Worte erfrechen darf.“ – „Wenn ich ein Hund bin“, antwortete Dschelartai, „bin ich der Hund Borrak's und nicht der deine.“ – „Ich werde dich entzwei hauen,“ rief Kipdschak, „ohne dass mein Aka es mir verarge.“ – „Und ich,“ entgegnete Dschelartai, die Hand auf den Dolch legend, „wenn du nahest, dir den Bauch spalten.“ Da Borrak durch sein Stillschweigen dem Dschelartai Recht gab, verliess Kipdschak erzürnt die Versammlung und in der Nacht mit zweitausend Reitern das Lager. Die Versuche Borrak's, denselben durch die Sendung von drei Prinzen zur Rückkehr zu bewegen, waren vergebens. Dschelartai folgte mit dreitausend Mann, in der Hoffnung, ihn zu überrumpeln; aber da die Prinzen fürchteten, dass, wenn die Truppen desselben in Sicht kämen, Kipdschak sie mit sich führen würde, kehrten sie unverrichteter Dinge zurück. Kaidu fühlte empfindlich diese, seinem Vetter zugefügte Beleidigung; er machte gegen Abaka die Flucht Kipdschak's aus dem Lager Borrak's als ein Verdienst geltend, und verband sich, seinen alten Verbündeten Borrak verlassend, mit Abaka in Freundschaft, so dass sie sich fortan Ortak, d. i. Genossen, hiessen.
Held Merghaul, Dschebat's Flucht.
Abaka sandte den Prinzen Jaschmut mit einem Heere zu Hilfe Tekschin's, welcher dem Anfalle des Heeres Borrak's preisgegeben, während Schiramun im Norden sich mit Nigudar, dem in Abaka's Lager flüchtigen dschagataischen Prinzen, schlug. Mit fünf Tomanen, d. i. mit fünfzigtausend Mann, trat Borrak den Zug durch Chorasan an[510]; seine beiden tapfersten Feldherren, Dschelartai der Dschelaire und Merghaul, jener ein Bogenschütze, wie Aresch, der berühmte Bogenschütze der altpersischen Geschichte; den Bogen Dschelartai's vermochte kein Anderer zu spannen, als er selbst. Merghaul war vorzüglich in der Kunde des Dschade, d. i. des Wetter- und Hagelmachens mittels des Regensteines, bewandert; er sagte von sich selbst: „Ich binde den Gaul zu Konghus Alanik an und reite nicht faul den Falben[511] bis an die Alpen desselben[512], ohne dass, um auszuruhn, ich den Zügel vom Kopf muss thun, und ohne dass die Schweissdecke trocken werde.“ Purbaha Dschami, der persische berühmte Dichter, welcher, ein Türke oder Mongole von Geburt, zur Zeit Arghun's (des Sohnes Abaka's) halb aus persischen, halb aus türkischen und mongolischen Worten bestehende Mischlingsgedichte verfertigte, sagt in seiner zum Lobe Schemseddin Dschuweini's verfassten Kassidet:
Die Trennung Merghaul verheert Geduld mit Schwert,
Wie jüngst Borrak mit seinem Heer das Land verheert[513].
Solchen Kräften und Helden vermochten die Prinzen Arghun, Jaschmut und Tekschin (jener der Sohn, diese die Oheime Abaka's) nicht zu widerstehen, und er zog also selbst an der Spitze eines Heeres nach Herat. Indessen hatte Borrak Gesandte an Kaidu geschickt, um sich über die Empörungen der beiden Prinzen Kipdschak und Dschebat, welche er ihm zu Hilfe gesandt und die ihn nun verlassen, zu beklagen. Als Dschebat an die Gränze Bochara's gelangt, rastete er einige Tage aus. Die Emire der Tadschiken (Perser) gaben hiervon dem Begtimur Aghul, welchen der Vater, Borrak, jenseits des Oxus zurückgelassen, Kunde: „Könntest du,“ fragte Begtimur den Tasikaka (den Emir der Tadschiken), „mit fünfhundert Reitern denselben nicht abwehren?“ – Tasik antwortete: „Ich bin Karadschu, d. i. Unterthan, und Dschebat ist Urugh, d. i. vom Herrscherhause, wie kann sich der Karadschu mit dem Urugh schlagen?“ – Da sass Begtimur selbst zur Verfolgung Dschebat's auf, der sich mit genauer Mühe mit zehn Reitern rettete, nachdem er die Brücke von Tschirameghan zerstört; dreissig Parasangen weit verfolgte ihn die Truppe Borrak's, ohne ihn erreichen zu können. Borrak machte sich jedoch nicht viel aus der Entweichung der beiden ogotaischen Prinzen, Kipdschak und Dschebat, vertheilte ihre zurückgebliebenen Truppen unter die seinen, und schwelgte, unbesorgt der Zukunft. Merghaul wurde nach Nischabur gesandt, Borrak blieb zu Thalkan; Nischabur wurde geplündert, und gleiches Loos hatte Borrak der Stadt Herat bestimmt. 6. Ramasan 668/
30. April 1269 Da stellte ihm Kotlogh Timur vor, dass, wenn er sich den Herrn von Herat, Melik Schemseddin Kert, zum Feinde mache, derselbe ganz Chorasan empören würde. Borrak gab der Vorstellung Gehör und sandte den Kotloghbeg mit fünfhundert Reitern, den Herrn von Herat in's Lager zu laden. Im Schlosse Chaisar trafen sie zusammen. Melik Schemseddin, ein staatskluger Kopf, folgte der Einladung; er ward von Borrak ehrenvoll empfangen und mit Chorasan belehnt; Mehreres noch versprach ihm Borrak nach Persiens Eroberung; sie sprachen von Nichts, als von der Verheerung Bagdads und der Stadt Tebris, deren Schätze sie schon im Gedanken theilten, indem der Herr von Herat sich dem Lieblingsplane Borrak's hingab. Dieser begehrte von ihm eine Liste der reichsten Einwohner Chorasan's. Schemseddin gab auch diese und begehrte die Erlaubniss, nach Herat zurückzukehren, um dort Waffen und Pferde aufzubringen. Die Einwohner Herat's gingen ihm entgegen und vernahmen trostlos die mongolische Forderung; da aber indessen die Nachricht vom Anzuge des Heeres Abaka's verlautete, zog sich Melik Schemseddin in das östlich von Herat gelegene Schloss Chaisar zurück; hier erwartete er politisch den Ausgang des Kampfes zwischen dem Uluse Dschagatai und Hulagu's, zwischen Abaka und Borrak, den Untergang des letzten voraussehend[514].
Abaka's Aufbruch; Borrak's Niederlage.
Fast zwei Tage früher, als Borrak Nischabur verheerte, brach Abaka, von allen seinen Brüdern, Jaschmut und Tekschin ausgenommen, die schon in Chorasan, begleitet, dahin von der Gränze Aserbeidschan's auf. 4. Ramasan 668/
28. April 1269 Als er nach dem zwischen Sendschan und Ebher gelegenen Distrikt Schirgis[515] gekommen (wo später die Stadt Sultanie erbaut ward), welchen die Mongolen Kungurulang nennen, wartete ihm der von Kubilai an ihn geschickte Gesandte Tekadschek auf, welcher von Borrak aufgefangen und in Verhaft gehalten, demselben entflohen war. Auf die durch ihn erhaltene Kundschaft von der Schwelgerei und der Sorglosigkeit Borrak's beschleunigte Abaka seinen Marsch; jenseits Rei, zu Kumis, kamen ihm sein Bruder Tekschin, der General Arghun und sein Sohn Arghun und mit ihnen der Sultan Kerman's bewillkommend entgegen; auf der Ebene von Radegan wurden Gold und Silber in Menge unter das Heer vertheilt und demselben mit Drohungen und Verheissungen die Erfüllung seiner Pflichten eingebunden. Von hier ging der Marsch nach Bachers, dem zwischen Nischabur und Herat gelegenen Distrikte, in der Literaturgeschichte durch Bachersi, den Verfasser der berühmten Blüthenlese, für immer geadelt. Gegen Farab, nicht zu verwechseln mit Farab, dem Geburtsorte des grössten Philosophen und Gesetzgebers der Tonkunst, Farabi, welchen die Araber den zweiten Lehrer, wie Aristoteles den ersten, nennen, sandte er Streifparteien aus und beschäftigte sich mit der Vertheilung des Heeres in verschiedenen Richtungen. Dem Bruder Jaschmut übertrug er den Befehl des rechten Flügels, den Obotai Nujan behielt er bei sich im Mittelpunkte, den Bruder Tekschin sandte er nach Beldschaghran, dem Jurte Merghaul's, wo einige der Vorposten Merghaul's getödtet wurden; dieser eilte, dem Borrak die Kunde zu bringen, dass ein feindliches Heer zugegen. Borrak sagte: Wenn Tekschin und Arghun wieder zurückgekommen, so wissen wir schon, was von ihnen zu halten, da wir sie geschlagen; ein Anderes wäre es mit Abaka; geh' und verrenne ihnen den Weg, bis wir zur Schlacht gerüstet. Von Badghis aus sandte Abaka einen fündigen Gesandten an Borrak mit Friedensanträgen: er wolle ihm Ghasnin und Kerman und das Land bis an den Indus überlassen, er möge freiwillig zurückkehren; wenn nicht, zur Schlacht gerüstet sein. Prinz Jesawur rieth zum Frieden, weil Kipdschak und Dschebat entflohen und die Pferde noch schwach. Merghaul ereiferte sich dagegen und behauptete, das anziehende Heer seien nur die Truppen Tekschin's und Jaschmut's, indem das Abaka's in Syrien beschäftigt sei. Dschelartai sprach im Sinne Merghauls: Wir sind zum Kriege ausgezogen; wenn du Frieden gewünscht, wärest du besser jenseits des Oxus geblieben. Borrak fragte den Astrologen Dschelal; dieser rieth, einen Monat zu warten, indem die Ansichten der Gestirne ungünstig. Merghaul und Dschelartai sprachen erzürnt dagegen; die Schlacht ward beschlossen. Abaka befahl dem Emire Toghus, das Terrain auszuwählen. Er bestimmte am Fusse eines Berges eine grosse Ebene, vom Flusse Karasu durchschnitten. Drei hier aufgegriffene Kundschafter wurden durch eine Kriegslist Abaka's getäuscht, indem in ihrer Gegenwart ein eingelernter Bote die falsche Nachricht brachte, dass zu Hause ihr Jurt von den Feinden im Norden überfallen, schleunigen Rückzug fordere. Dieser wurde in der grössten Eile veranstaltet, das ganze Lager im Stich gelassen; der Befehl zur Hinrichtung der Kundschafter ward öffentlich, heimlich der gegeben, dass man einen derselben entwischen lasse. Borrak mit seinen beiden schlachtlustigen Feldherren, Merghaul und Dschelartai, gingen in die Falle; das zurückgelassene Lager ward geplündert und dann der flüchtige Feind verfolgt bis an den Ort, welchen Abaka zum Schlachtfeld ausersehen; Borrak, betroffen, stellte sich am Flusse in Schlachtordnung auf. Abaka gab den Befehl des rechten Flügels dem Bruder Tekschin und dem Emir Semghur, den des linken dem Bruder Jaschmut, unter welchem die Generale Suntai und Arghunaga; der letzte befehligte die Hilfstruppen von Kerman und Fars, deren Anführer Sultan Hidschadsch und der Atabeg Jusufschah; Obotai befehligte das Mitteltreffen. Merghaul fiel gleich Anfangs der Schlacht, Dschelartai schlug den linken Flügel und drückte denselben bis Fuschendsch zurück; der rechte Flügel und der Mittelpunkt hielten noch fest; als aber auch die Truppen Abaka's zu wanken begannen, liess sich Suntai, der neunzigjährige Feldherr desselben, auf einem Sessel mitten im Schlachtfeld nieder und sagte zu den ihn umgebenden Offizieren: „Heut' ist der Tag, uns dankbar gegen Abaka zu erweisen durch Sieg oder Tod.“ Nach dreimaligem Angriffe wurde Borrak geschlagen; sein ganzes Heer wäre verloren gewesen ohne Dschelartai's Muth und Geistesgegenwart. Er sammelte die zerstreuten Flüchtlinge und bewirkte ihren Rückzug über den Oxus.
Ende Borrak's.