Diesem Gebrüll ging der Majoratsherr im Hause nach und erblickte durch ein Hinterfenster beim Schein des aufgehenden Mondes auf grüner, mit Leichensteinen besetzten, ummauerten Fläche einen Stier von ungeheurer Größe und Dicke, der an einem Grabsteine wühlte, während zwei Ziegenböcke mit seltsamen Kreuzsprüngen durch die Luft sich über sein Wesen zu verwundern schienen. Hier stand dem Majoratsherrn der Verstand still; diese schreckliche Wirtschaft auf einem Gottesacker empörte ihn, er klingelte der Aufwärterin. Sie erschien bald und fragte ihn, was er befehle? „Nichts, gar nichts,“ antwortete er, „aber was deutet dieser Spuk?“ — Die Frau trat ans Fenster und sagte: „Ich sehe nichts als die Majoratsherren der Juden, das sind die erstgebornen Tiere, welche sie nach dem Befehle ihres Gesetzes dem Herrn weihen, die werden hier köstlich gefüttert, sie brauchen nichts zu tun; wenn sie aber ein Christ erschlägt, so tut er den Juden einen rechten Gefallen, weil er ihnen die Ausgabe spart.“ — „Die unglücklichen Majoratsherren,“ seufzte er in sich, „und warum haben sie Nachts keine Ruhe?“ — „Die Juden sagen, daß einer aus der Sippschaft stirbt, wo sie nachts so wühlen am Grabe,“ antwortete die Frau; „hier, wo dieser wühlt, ist der Vater der Esther, der große Roßtäuscher, begraben.“ — „O Gott nein!“ rief er und ging in den betrübtesten Gefühlen auf sein Zimmer und suchte sich wieder mit heftigem Flötenspiel zu zerstreuen.

Endlich wurde es Tag; die großen Schatten der Häuser lagerten sich unter dem hellen Himmel, die Mägde sprangen frisch geschuht, als ob sie sich an diesem Tage durchaus nicht beschmutzen wollten, von einem trocknen Stein zum andern, die Schwalben dagegen kreuzten hin zu dem köstlichen Baumörtel, den ihnen der gestrige Regen bereitet hatte, und füllten damit alle Lücken der menschlichen Architektur. Auch an dem Fenster, das zu Esther blickte, hatten sich heute zwei von den zwitschernden Grauröcken eingefunden und wollten ihr Nest gerade da ankleben, wo er durch die einzige helle Scheibe zu Esther hinblickte. Da stand der Majoratsherr zweifelnd, ob er sie stören, ob er alles abwarten solle, was ihm so bedeutend erschien. Seine Sinnesart überwog für das Abwarten. Nun ihm Esther verborgen, konnte er sich an den lieben Geschöpfen, an ihrer Lust, an ihrem Fleiße nicht satt sehen, es war ihm zumute, als ob er sich selbst da anbaue, als hänge sein Glück davon ab, daß sie fertig würden, und ehe er sich zu Bette legte, sang er noch zu seiner Mandoline:

Die Sonne scheinet an die Wand,

Die Schwalbe baut daran;

O Sonne, halt nur heute Stand,

Daß sie recht bauen kann.

Es ward ihr Nest so oft zerstört,

Noch eh es fertig war,

Und dennoch baut sie wie betört,