[19] Die Würde des Djerma, des Oberstallmeisters, ist eine der bedeutendsten der in Wadai, wie in den übrigen innerafrikanischen Staaten so zahlreichen Hofchargen. Es giebt vier Djerma in Wadai. Die Würde des ersten Djerma bekleidete zur Zeit der Sultane Ali und Jussuf deren mütterlicher Onkel, Abu Djebrin, dessen Sohn der noch jetzt amtirende erste Djerma Osman ed Dahab ist. Schon sein Vater war gleichzeitig Akid im Salamatdistrikt.

[20] Vergl. Jacques Daunis, Un Conquérant Soudanais, in La Revue de Paris 1897, S. 352.

[21] Ganz neuerdings, nachdem Schwierigkeiten zwischen dem Schech der Senussi und dem Sultan Ibrahim von Wadai entstanden waren, ging allerdings das Gerücht, dass das Ordensoberhaupt mit dem Sohne Rabehs bessere Beziehungen anknüpfen wollte. Ein praktisches Resultat hat diese angebliche Sinnesänderung jedoch nicht gehabt.

V. Die Gründung des Rabeh’schen Tschadsee-Reiches.

Nach dem vergeblichen Versuche, durch das Wadi Salamat in Wadai einzudringen, kehrte Rabeh nicht mehr nach Dar Runga und Kuti zurück. Er wandte sich südwestwärts und vergriff sich nunmehr zum ersten Male an dem dem Sultan von Baghirmi gehörigen Gebiete. Rabeh muss damals seine Raubzüge weit nach Westen und Süden hin ausgeführt und am Gribingi bei Akungas (Dakongu) und im Gebiete der Sarra wie überhaupt in der ganzen Gegend westlich von Kuti festen Fuss gefasst haben. Als Länder, die von ihm um diese Zeit erobert wurden, werden ferner angegeben: Banga, Waido und Bandei, kleine Negerstaaten, die sich zum Teil in nächster Nähe vom Ubangi befinden. Der Sultan von Baghirmi hatte Rabeh Tribut geschickt und dadurch einstweilen die Gefahr eines direkten Angriffes seiner Soldateska von sich abgewendet.

Im Winter 1888/89 spielten sich Ereignisse in dem den Derwischen verfallenen egyptischen Sudan ab, welche für die Entwickelungsgeschichte der Macht Rabehs von grosser Bedeutung werden sollten. In Darfur war die sogenannte Gumeza-Revolution[22] ausgebrochen. Nachdem die Bewegung erstickt war, zog es ein grosser Teil der Leute, die sich gegen den Chalifa Abdullahi erhoben hatten, nach verlorener Sache vor, statt sich zu unterwerfen, mit ihren Waffen und Weibern nach Westen zu ziehen und sich mit Rabeh zu vereinigen. Es dürften wenigstens 1–2000 Mann gewesen sein, die aus diesem Anlass vom egyptischen Sudan her zu ihm gestossen sind. Unter ihnen befanden sich zahlreiche ehemalige egyptische Soldaten, die früher zu den Garnisonen von Fascher und anderen Plätzen von Darfur gehört und unter Slatin Pascha gedient hatten.

Rabeh näherte sich zunächst wieder dem Schauplatz seiner ersten Thaten, den er betreten hatte, nachdem er sich von Soliman ibn Zuber getrennt. Er eroberte Dar Fertit, wo sich die Derwische seitdem festgesetzt hatten, wieder zurück. Doch wagte er sich nicht weiter an das Reich des Chalifa heran.

Dann aber trat der entscheidende Wendepunkt in der Laufbahn Rabehs ein; er beschloss, in kühnem Zuge nach dem Schari zu marschieren, den Schwerpunkt seiner Thätigkeit und seines Reiches aus den Gegenden im Süden von Darfur und Wadai nach dem Westen zu verlegen und am Tschadsee die grossen seit Jahrhunderten dort bestehenden reichen Sultanate zu überrennen, um aus ihren Trümmern sich ein eigenes grosses Reich zu schaffen. Infolge der Verstärkung seines Heeres durch die Flüchtlinge der Gumeza-Revolution und infolge seiner neuesten Erfolge im Südosten von Baghirmi glaubte er sich stark genug, diesen Plan zur Ausführung bringen zu können. Hierzu kam, dass er sich in seinem bisherigen Aktionsgebiet nur noch schwer mit Munition und gutem Pulver — deren er in erster Linie immer bedürftig war — versorgen konnte. Durch den Angriff auf Wadai hatte er sich friedliche Handelsbeziehungen mit dem Norden unmöglich gemacht. Das Gebiet von Kanem, welches sich zwischen Wadai und dem Tschadsee befindet, war Wadai tributär oder stand unter dem Einfluss des Ordens der Senussi. Von Norden her konnte er sich also keine neuen Waffen und Munition verschaffen und ebenso wenig nach Norden Elfenbein und den Überschuss an erbeuteten Sklaven absetzen. Das Gebiet von Kuti aber muss nach allen Berichten infolge Rabehs langjähriger Anwesenheit arg mitgenommen und zu dauernder Rückkehr für ihn nicht mehr verlockend gewesen sein.

Im Jahre 1892 scheint Rabeh seinen Angriff gegen das Königreich von Baghirmi begonnen zu haben. Der Herrscher dieses grossen Ländergebiets war Muhammed Abd er Rachman Gauranga, der Sohn des Sultans Abd el Kader abu Sekkin. Gauranga, der dem Sultan von Wadai Tribut zahlte, stand ausserdem in gewisser historischer Abhängigkeit von dem König von Bornu. Der letzte Grund der Feindseligkeiten soll die Weigerung des Sultans von Baghirmi gewesen sein, Waffenhändler von Westen her mit Rabeh verkehren zu lassen. Längere Zeit schlug sich Rabeh im östlichen Baghirmi herum, zunächst in kleineren Gefechten den Sultan Gauranga besiegend. Dieser sah sein Schicksal voraus. Seiner doppelten Vasallenpflicht sich erinnernd, sandte er an beide Höfe Boten mit der Bitte um Hilfe gegen die sich heranwälzende Macht Rabehs, der, wie er richtig vorstellte, nach der Niederwerfung Baghirmis sich zum Herrn des gesamten Tschadseegebietes machen würde. In Bornu predigte er tauben Ohren. Der französische Forschungsreisende Monteil war im Sommer 1892, als er bei dem Bornu-Sultan Haschem in Kuka sich aufhielt, Zeuge der vergeblichen Sendung des Sohnes des Gauranga. Der Sultan Jussuf von Wadai aber war weitsichtig genug, die Situation zu erfassen, und versprach Hilfe.