Den älteren Wadai-Kriegern war der Weg nach Baghirmi bekannt. Schon zweimal war die Hauptstadt Massenja von den Wadai-Truppen erobert worden: das erstemal im Anfange dieses Jahrhunderts durch Abd el Kerim Sabun, welcher den blutschänderischen König Gauranga I. züchtigen wollte; das zweitemal durch Sultan Ali, der Ende 1870 mit seinem Djerma Abu Djebrin und dem Akid der Bulala nach Massenja zog, um an seinem zur Unbotmässigkeit neigenden Vasallen Abu Sekkin, dem Vater des gegenwärtigen Sultan Gauranga, ein Strafgericht zu üben.

Als Rabeh sich Massenja, der Hauptstadt von Baghirmi, näherte, verbrannte Gauranga die Stadt und floh nach Mandjafa (auch Mainheffa oder Mainfa gesprochen), wo er sich verschanzte. Die Stadt Mandjafa muss einen riesenhaften Umfang gehabt haben. Sie hatte eine aus Backsteinen hergestellte breite Mauer, in ihrem Innern befanden sich Felder; genügendes Wasser bot der Schari und ein Zufluss desselben, und so gewährte die Stadt alle Gewähr, einem nicht mit modernen Belagerungsgeschützen ausgestatteten Gegner, selbst wenn er, wie Rabeh, über eine grosse Anzahl von Feuerwaffen verfügte, geraume Zeit Stand halten zu können.

Fünf, nach anderen sieben, Monate lang belagerte Rabeh Mandjafa. Aber ehe er die Stadt einnehmen konnte, langten die von Gauranga erbetenen Hilfstruppen des Sultans Jussuf an. Das Wadai-Heer muss ein bedeutendes gewesen sein. Die natürlich stark übertreibende afrikanische Fama spricht von 40000 Mann. Die sämtlichen südwestlichen Provinzen und Tributärstaaten von Wadai haben am Kampfe teilgenommen, was sich schon aus den Namen der hervorragendsten vor Mandjafa kämpfenden Heerführer ergiebt. Von ihnen werden ausdrücklich genannt: der Djerma Osman Abu Djebrin und zwar als Generalissimus aller Wadai-Truppen, ferner ein Akid aus dem Salamat, Scharaf ed Din, sodann Gudjdja, der Akid der Raschid, Kadai, der Sultan der Bulala, Abd er Rachman, der Sultan der Madru (eines Stammes eine Tagereise östlich vom Fitri-See), Gado, der Akid der Debaba (eines arabischen Stammes in der Umgegend des Fitri-Sees), ferner der Kamkalak Daher, der Adari (Bezeichnung eines anderen hohen Offiziers) Musa.

Diesmal trug Rabeh einen entscheidenden Sieg über die Truppen von Wadai davon; das grosse Entsatzheer wurde vor den Thoren von Mandjafa gründlich geschlagen, viele der edlen Heerführer und eine grosse Zahl ihrer Truppen kamen um. Der Djerma gab seine Sache verloren und führte den Rest seiner Leute nach Wadai zurück, Gauranga konnte sich aus der Stadt flüchten, indem er den Ring der Belagerer durchbrach, und Rabeh zog als Sieger in Mandjafa ein. Die Stadt wurde geplündert und zerstört. Der Fall Mandjafas muss etwa im Juli des Jahres 1893 erfolgt sein. Gauranga floh zunächst nach Massenja und dann nach dem Süden, musste sich jedoch schliesslich unterwerfen und wurde Rabeh tributär, ohne aber seine Tributzahlungen an Wadai einzustellen.

Rabeh verfolgte seinen Sieg über die Wadai-Leute nicht, sondern wandte sich nunmehr westwärts gegen Bornu. Zunächst ging er, durch die Schätze der Baghirmi-Städte bereichert und durch zahlreiche neue Sklaven verstärkt, nach dem Norden der Landschaft von Logon. Er überlistete den dortigen über Kusseri, Gulfei und andere Schari-Städte herrschenden Duodezfürsten, den Sultan Musa, den er zum Herrn von Bornu zu machen versprach. Nachdem ihm eine Furt über den Schari gezeigt und der Übergang über den mächtigen breiten Strom erleichtert worden war, nahm er die Stadt Karnak-Logon und tötete Musa. Damit war Rabeh auf deutsches Gebiet übergetreten, gleichzeitig aber in das Königreich Bornu eingefallen, denn Logon war damals noch dem Sultan von Bornu thatsächlich tributär. Jetzt war der Krieg mit Bornu unvermeidlich geworden, einem der ältesten und grössten innerafrikanischen Reiche, dessen greiser Herrscher aber verweichlicht war, und dessen Bevölkerung längst das Kriegshandwerk verlernt hatte.

Einen wesentlichen Einfluss auf die Entschliessung Rabehs, den Kampf mit Baghirmi zu betreiben, um dann weiter westwärts nach Bornu vorzudringen, hat ein Mann gehabt, welcher um jene Zeit im Süden des Tschadsees eine Rolle zu spielen begonnen hatte. Dieser Mann war Haiatu, ein Spross der seit dem Anfange dieses Jahrhunderts in Sokoto herrschenden Fulbe-Dynastie,[23] welche im Westen von Bornu vom Streifgebiete der Tuareg in der Sahara an bis über den Niger Benue hinaus die zahlreichen kleineren und grösseren Haussa- und Neger-Staaten sich tributär machen und zu dem Riesenreich von Sokoto zusammenschweissen konnte. Dadurch, dass das in dem Hinterlande unserer Kamerun-Kolonie gelegene, aus verschiedenen kleineren Staatengebilden bestehende Gebiet von Adamaua, dessen Emir in Yola residierte, dem Kaiser von Sokoto tributär wurde, umspannte dieses Reich das Sultanat Bornu auch im Süden. Haiatu, ein Urenkel des Stifters der Dynastie von Sokoto, glaubte sich zum Thronerben berufen. Schon als der neunte Sultan der Dynastie, Ma‘azu, ein Sohn des grossen Bello, welcher 1817–1832 regierte und die eigentliche Macht des neuen Reiches begründete, starb, hätte ihm nach dem muhammedanischen Rechte der damalige Senior der Familie, Haiatus Vater, Sa‘id, ein Bruder des Ma‘azu, folgen sollen. An dessen Stelle gelangte jedoch 1875 Omar, der Sohn des Aliu,[24] eines älteren Bruders des Ma‘azu, zur Regierung, und im Jahre 1891 wurde nach Omars Tode abermals der alte Sa‘id übergangen und an seiner Stelle Omar Abdu, der Sohn des Atiko, eines Bruders des Bello, auf den Thron erhoben. Haiatu hatte schon bald nach dem Tode des Ma‘azu, wenn nicht gerade die Fahne der Empörung entrollt, so doch in Gando, dem alten Stammsitze der Familie, unweit östlich der Hauptstadt Sokoto, ein eigenartiges Leben zu führen begonnen. Von Jugend an ein grosser Schriftgelehrter, predigte er gegen die Vernachlässigung der Gesetze des Islam und umgab sich gleichzeitig aus den zahlreichen Getreuen mit einem grossen Hofstaate, ganz in der Art wie die regierenden Könige von Sokoto. Sein Vetter wagte zwar nicht, sich an dem frommen Gegensultan zu vergreifen, aber im Jahre 1878 musste Haiatu doch das Feld räumen und nicht nur Gando, sondern überhaupt das Land seiner Väter verlassen. Er gab vor, die Pilgerfahrt nach Mekka anzutreten. Zunächst wandte er sich nach Kuka, der Hauptstadt des grossen Tschadseereiches Bornu, doch wurde ihm nach einigen Monaten aus Rücksicht auf den mächtigen Nachbarn in Sokoto bedeutet, dass seines Bleibens hier nicht länger sei. Darauf ging er südwärts nach Mandara und von hier aus nach Yola. Aber auch der Emir von Yola sah sich, nachdem er Haiatu etwa ein Jahr lang Gastfreundschaft gewährt hatte, genötigt, ihn zum Weitermarsch aufzufordern. Haiatu zog jetzt durch Adamaua nach der Gegend von Balda, wo noch Heiden (Musgu) hausen.

Nachdem Haiatu Yola verlassen, suchte er unterwegs in Adamaua unter den versprengten Fulbe, sowie überhaupt möglichst zahlreiche Gefolgsleute zu gewinnen, mit denen er immer weiter, angeblich zum Zwecke der Erfüllung der Pilgerpflicht, seines Weges zog. Im Gebiete von Balda erschien der Sokotoprinz zu einer Zeit, als die dortigen Musgu im Kampfe mit benachbarten Stämmen sich befanden, und sein Eingreifen in das Gefecht wirkte wie ein Wunder. Stadtkönig und Volk huldigten dem rettenden Engel. Nach diesem Erfolg verzichtete Haiatu auf die Fortsetzung seiner Pilgerreise. Er setzte sich in Balda fest, gewann zahlreiche Umwohner dem Islam und vergrösserte seine Herrschaft. Die Aussicht auf Beute unter seinen Fahnen liess immer weitere Dorfbezirke der Nachbarschaft ihn als König anerkennen. Kriegerische Fulbe und selbst Araber der weiteren Umgegend verstärkten sein Heer. Der Emir von Yola hatte vergeblich im Jahre 1891 Truppen gegen ihn gesandt. Im Jahre 1892 war er selbst zu Felde gezogen, aber von Haiatu geschlagen worden. Es heisst, dass sogar der Kaiser von Sokoto sich in die Sache gemischt und zunächst eine Gesandtschaft an Haiatu geschickt habe. Dieser begegneten die Leiter der deutschen Kamerun-Expedition, die Herren von Üchtritz und Passarge, Ende 1893 bei Marrua.[25]

Aber seine Absichten auf den Thron von Sokoto hatte Haiatu nicht vergessen, und als die Nachrichten von der Anwesenheit Rabehs auf dem rechten Ufer des Schari nach den Bornu-Landen drangen, setzte sich Haiatu mit dem kühnen Eroberer in Verbindung. Er hatte ihn über die Schwäche des Bornu-Reiches unterrichtet und aufgefordert, den morschen Thron des Sultans von Kuka über den Haufen zu werfen. Mit Rabehs Hilfe hoffte Haiatu alsdann, den Thron seiner Väter in Sokoto besteigen zu können.

Nach der Einnahme von Logon liess Haiatu seinen Sohn Mundjeli in Balda als seinen Stellvertreter zurück und stiess mit einer grossen Anzahl seiner Gefolgsleute zu Rabeh. Um seinen religiösen Nimbus zu erhöhen, gab sich der fromme Betrüger als einen Vorläufer des von Osten heranziehenden Eroberers aus, den er als einen Abgesandten des Mahdi bezeichnete. Von den nach der Gumeza-Revolution geflüchteten Mahdisten waren vereinzelte auch bis zu Haiatu gedrungen, und durch sie war er mit den Einzelheiten des Auftretens des egyptischen Mahdi bekannt geworden. Der geriebene Heilige soll sogar mit einigen seiner Getreuesten die Kleidung der Derwische, die mit bunten Lappen benähte Djibbe, angelegt haben.

Wenn Rabeh, als er an die Unterwerfung der grossen muhammedanischen Tschadseeländer herantrat, es für angezeigt hielt, sich den madhistischen Gedanken zu Nutze zu machen, so hat vielleicht Haiatu dabei seine Hand im Spiel gehabt; doch mag auch der ebenso schlaue wie rücksichtslose Usurpator aus eigener Initiative dazu gekommen sein, die Erfolge des Mahdi in den Dienst seiner Eroberungspolitik zu stellen. Vordem, als er noch weiter im Osten seinen Beutezügen in heidnischen Landen oblag, hatte er kein Interesse daran, sich als einen Gefolgsmann der Derwische zu bezeichnen: wir sahen, dass er die Aufforderung des egyptischen Mahdi Muhammed Achmed im Jahre 1884 und diejenige seines Chalifa im Jahre 1887, ihrer Sache zu folgen, unberücksichtigt gelassen hatte. Anders jetzt, wo er gegen Muhammedaner zu kämpfen hatte. Den muhammedanischen Unterthanen der Fürsten, deren Nachfolge er zu übernehmen gedachte, kündete er an, dass er zu ihnen komme, um im Namen des Mahdi sie vom Joche ihrer Herren zu befreien und eine neue gebenedeite Zeit für sie anbrechen zu lassen. Bei seinen Proklamationen soll Rabeh von nun an sogar die Phraseologie des Chalifa angewandt haben. Gentil zeigte mir in Paris zwei erbeutete, von Rabeh selbst geführte Banner, auf welchen der Name des egyptischen Mahdi aufgenäht war. Es hiess damals, dass Rabeh in Baghirmi einen Schatz von 500000 Rial (= Thaler) für den Mahdi gesammelt habe, den er jedoch angeblich nicht absenden konnte, weil er keine zuverlässigen Boten für diesen Auftrag gefunden habe. Deshalb habe er den Schatz immer mit sich in einer Truhe geführt, welche den Namen des Mahdi trug.[26] Sein Siegel führte nach der Eroberung von Bornu sogar die Aufschrift „Rabeh, im Namen des Mahdi Emir von Bornu“.[27]