Jedenfalls kam Haiatu dem Rabeh sehr gelegen, und wurde von ihm in kluger Weise für seine Zwecke benutzt. Rabeh gab ihm seine einzige Tochter Haua und nahm selbst eine seiner Töchter zur Frau. Auch erhob er ihn zum obersten geistlichen Berater und Gerichtsherrn.
Von Logon aus zog Rabeh den Schari aufwärts nach Süden und zerstörte die grossen an seinen Ufern gelegenen Städte, wobei er seitens der terrorisierten Bevölkerung und der kleinen Garnisonen des Sultans von Bornu nur wenig Widerstand fand. Mit rücksichtsloser Grausamkeit ging er vor, und die furchtbaren Blutbäder, die seine Truppen selbst unter Muhammedanern anrichteten, legten den Grund zu dem tiefwurzelnden Hasse, der ihm in der Folge nicht nur von den Kanuri, dem herrschenden Stamme in Bornu, sondern auch von den andern Völkerschaften dieses Tschadsee-Reiches entgegengebracht wurde, und der ihm später verhängnisvoll ward.
Jetzt erst kam der verweichlichte Sultan Haschem von Bornu zur Besinnung. Zu einem sofortigen Zusammenbringen seiner ganzen Macht konnte er sich aber noch immer nicht aufraffen. Er begnügte sich damit, vorerst einen seiner Generäle, den Mala Kerim, gegen Rabeh zu entsenden. Dieser schrieb Rabeh einen hochtrabenden Brief, in dem er ihn zum Rückzuge aufforderte und als Sklaven bezeichnete. Mit leichter Mühe wurde Mala Kerim bei Gilba im Süden des Tschadsees geschlagen und sein Heer vernichtet. Der besiegte Feldherr soll sich auf dem Schlachtfelde auf einen Teppich niedergesetzt haben, um den Tod zu erwarten. In eine frisch abgezogene Kuhhaut genäht, wurde er der Sonne ausgesetzt und fand so gedörrt einen qualvollen Tod. Noch ein Führer der Bornu-Leute, ein gewisser Taher, fiel lebend in die Hände Rabehs, wurde zunächst geschont, aber als er aus der Gefangenschaft Briefe an den Sultan Haschem sandte, getötet.
Darauf wälzte sich Rabeh mit seinem Heere den Tschadsee entlang nach dem Westrande der grossen Wasserfläche und dann nordwärts direkt auf die Hauptstadt Kuka zu. Es heisst, dass ein Kadi des Sultan Haschem, ein Schech Muhammed, von Rabeh bestochen worden sei. Auch herrschte Uneinigkeit zwischen Haschem und seinem Neffen Abu Kiari, der seit langem schon im Streit mit seinem Oheim lag und den Thron von Bornu für sich zu gewinnen trachtete. Haschem wollte das Feld dennoch nicht ohne Kampf räumen, und die Kanuri, so kriegsungewohnt sie waren, wollten nicht ohne Weiteres einem Fremden sich beugen. Mit einem gewaltigen Aufgebot von Menschen zog Haschem dem Feind entgegen. Bei Taghba, südlich der Hauptstadt Kuka, kam es zur Schlacht. Das grosse, aber in den Waffen nicht geübte und schlecht geführte Bornuheer wurde auf das Haupt geschlagen und vollständig zersprengt. Die Bornuleute flüchteten in wilder Hast, Haschem selbst wagte es nicht einmal, sich in die Stadt Kuka zu werfen, sondern floh nach Westen in der Hoffnung, bei dem thatkräftigen Sultan von Zinder, einem seiner Tributärfürsten, eine Zuflucht zu finden, wenngleich das Abhängigkeitsverhältnis Zinders zu Bornu in jüngster Zeit ins Wanken geraten war.
Rabeh kam die Eifersucht zwischen Abu Kiari und Haschem abermals zu Statten. Abu Kiari verfolgte Haschem, den er zwei Tagereisen westlich von Kuka einholte und tötete. Rabeh hatte inzwischen bei Mbane, einem Orte in der Nachbarschaft von Ngornu, etwa eine Tagereise südlich von Kuka, am Tschadsee, sich gesammelt, um die Belagerung Kukas vorzubereiten. Hier wurde er von Abu Kiari überrascht und geschlagen. Es war dieses die einzige Niederlage, die sich Rabeh seit Jahren zugezogen hatte und mit dem nicht glücklichen Kampfe gegen die Truppen von Wadai im Wadi Salamat der zweite Misserfolg seiner Waffen, seitdem er den egyptischen Sudan im Jahre 1879 verlassen hatte. Aber während die siegreichen Leute Abu Kiaris das Lager Rabehs plünderten, kehrte dieser zurück und schlug nun die Bornu-Truppen so gründlich, dass seit dieser Zeit an einen ernstlichen Widerstand nicht mehr zu denken war. Abu Kiari selbst wurde gefangen und getötet. Es heisst, dass Rabeh seine Unterfeldherren nach der erlittenen Schlappe gründlich habe durchprügeln lassen, bevor dann zum Angriff gegen Abu Kiari geschritten wurde.
Jetzt rückte Rabeh gegen Kuka vor, das mit leichter Mühe eingenommen wurde. Die Stadt, eine der grössten und volkreichsten Innerafrikas, wurde geplündert und vollständig zerstört. Zahllose Kanuri wurden getötet, unter ihnen die sämtlichen obersten Chargen des grossen Hofstaates des verstorbenen Königs, sowie eine ganze Anzahl Prinzen des königlichen Hauses. Von den zahlreichen Söhnen Haschems konnten sich einzelne nach Zinder retten, einigen anderen scheint Rabeh das Leben geschenkt zu haben; offenbar ging er dabei von der Anschauung aus, dass ihr Vater nicht im Kampfe gegen ihn gefallen, sondern das Opfer des rebellischen Abu Kiari geworden wäre. Diese lebten in der Folge in der Nähe des neuen Herrn des Landes, allerdings unter strenger Aufsicht, mit Pensionen, welche ihnen von dem Sieger ausgezahlt wurden. Der einflussreichste und im Sinne des Seniorats dem erledigten Throne am nächsten stehende Prinz Omar Sanda, der älteste Sohn Haschems,[28] floh zunächst zu dem mächtigen Sultan von Mandara und später nach Zinder.
Auch das grosse Reich Bornu war somit dem kühnen Eroberer anheimgefallen.
[22] Vergl. Wingate, Mahdism and the Egyptian Sudan, London 1801, S. 375 ff. und 456.
[23] Der Singular von Fulbe ist Pullo. (G. A. Krause in seinem Beitrag zur Kenntnis der Fulischen Sprache in Afrika verdeutscht sie „Fulen“.) Die Franzosen nannten sie auch Peul, die Araber Fulla, ferner Fellata.
[24] Aliu fand Barth im Jahre 1853 an der Regierung.