Kurz vor ihm war Hauptmann Cramer von Clausbruch, der im Oktober 1901 mit zwei Kompagnien der Schutztruppe zunächst nach Tibati gegangen war, über Ngaundere nach Garua gelangt. Am 5. Dezember dort eingetroffen, wurde er am 19. von dem von den Engländern entthronten Emir Zuber von Yola angegriffen. Letzterer wurde jedoch nach heftigem Kampfe zurückgeschlagen. Auch Oberstleutnant Pavel, der Kommandeur der deutschen Schutztruppe in Kamerun, erreichte Anfang des Jahres mit zwei Kompagnien über das Gebiet der Bali, Banjo und Kuntscha Garua, wo er Verstärkungen für den von Dominik errichteten Posten zurückliess. Von Garua aus unternahm Oberstleutnant Pavel einen Rekognoscierungsmarsch durch das deutsche Tschadseegebiet. Er verliess Garua am 26. März, durchquerte unter Gefechten die Ngollo- und Selebebaberge, erreichte Dikoa am 21. April und den Tschadsee am 3. Mai. Der Rückmarsch wurde den Logon entlang über Karnak-Logon nach Maona genommen. Die Wiederankunft in Garua erfolgte am 7. Juni. Dem Sultan Zuber von Yola wurden in den Ausläufern der Mandaraberge, westlich von Marrua, zwei Niederlagen beigebracht, ohne dass es jedoch gelungen wäre, ihn gefangen zu nehmen. In Dikoa wurde eine französische Garnison — Kapitän Dangeville mit einem weissen Unteroffizier und 50 Spahis — vorgefunden. Diese wohnte der feierlichen Hissung der deutschen Flagge bei und zog hierauf auf französisches Gebiet ab. Weitere französische Garnisonen in Kusseri und Gulfei zogen beim Nahen der Expedition gleichfalls ab. Dikoa und Garua erhielten deutsche Garnisonen, und zwar Dikoa 50 Mann unter Oberleutnant Bülow und Garua 50 Mann unter Oberleutnant Dominik.[76] Oberstleutnant Pavel trat am 8. Juni d. J. von Garua aus den Rückmarsch nach der Küste an und ist Mitte August in Duala eingetroffen. Neben Yoko ist jetzt auch in Banyo ein deutscher Militärposten errichtet worden, wodurch die Station von Garua wieder einen näheren Stützpunkt erhalten hat. Das Hinterland von Kamerun ist damit thatsächlich in Besitz genommen.

Unabhängig von diesen staatlichen Unternehmungen ist von dem unter dem Vorsitz des Konsuls Vohsen stehenden deutschen Tschadsee-Komitee eine weitere Expedition über den Niger und Benue stromaufwärts auf einem eigenen gecharterten Dampfer unterwegs. Die Expedition wird geleitet von Herrn Bauer, dem die Herren von Waldow und Bergingenieur Edlinger beigegeben sind. Sie soll zunächst in Garua ein Jahr verbleiben und das Land der Umgebung in möglichst weiter Ausdehnung auf seine natürlichen Hilfskräfte und wirtschaftlichen und Handels-Verhältnisse eingehend untersuchen. Es ist erfreulich, festzustellen, dass die Expedition von den englischen Behörden und Kaufleuten in Nigeria das freundlichste Entgegenkommen erfahren hat.

Durch die Siege der französischen Waffen am Schari und im Süden des Tschadsees, der Engländer bei Yola und Bautschi und durch unsere eigenen Erfolge in Adamaua ist das Prestige der Weissen gerade jetzt am Benue und im deutschen Tschadseegebiet sehr hoch gestiegen.

[71] Mir wurde auch ein Sohn Abu Kiaris, namens Omar Sanda, als der gegenwärtige Senior und ehestberechtigte Prätendent der alten Bornu-Dynastie bezeichnet. Es mag dieses der vorerwähnte Sohn Abu Kiaris sein, der jetzt in Dikoa lebt; anderenfalls müsste eine Verwechselung mit dem ältesten Sohne Haschems vorliegen. Vielleicht ist der jetzige Sultan Djerbai mit einem Bornu-Prinzen Djebril zu identificieren, der zur Zeit der Rabeh’schen Schreckensherrschaft in Sia (Kuno), im Südwesten des Tschadsees, am Schari, gestützt auf eine Schar treu ergebener Leute, eine gewisse Selbständigkeit erworben hatte und seinen Einfluss vor allem der Ausübung erfolgreicher Wunderkuren, wie Mitglieder der Bruderschaft der Kaderi sie auszuführen pflegen, verdankte. Er hatte sich den Franzosen gegenüber freundlich gezeigt, und auch Prins, als dieser durch Gaza kam, wo er sich damals aufhielt, in geschickter Weise die Verstauchung einer Hand geheilt.

[72] Mit dem Namen Musgu hörte ich sowohl den in Mandara und im Osten bis zum Schari lebenden eingeborenen Stamm bezeichnen, wie er ausserdem für Heiden überhaupt im Süden des Tschadsees im Gegensatze zu Muhammedanern angewandt wurde.

[73] In den letzten Jahrzehnten war der Sultan von Mandara nicht nur Bornu, sondern auch dem Emir von Yola und dadurch indirekt dem Kaiser von Sokoto tributpflichtig geworden. Doch hinderte dieses den Emir von Yola nicht, von Zeit zu Zeit Raubzüge gegen die heidnischen Distrikte von Mandara zu unternehmen, um Sklaven zu erbeuten, die er wiederum zum Teil als Tribut seinem Oberherrn nach Sokoto sandte.

[74] Der Benuë ist eine breite Wasserstrasse. Grössere Schiffe, die etwa 250 Tonnen halten, können ihn drei Monate des Jahres bis nach Garua aufwärts befahren. Für kleinere Schiffe dürfte der Fluss während des ganzen Jahres bis Bifara an der französischen Grenze passierbar sein. Die Frage, ob zwischen dem Benuë und dem Logon, also zwischen dem atlantischen Ocean und dem Schari und dem Tschadsee eine nicht unterbrochene Verbindung zu Wasser besteht, wäre nach den Mitteilungen des französischen Forschers Bonnel de Mezières zu bejahen. Seiner Ansicht nach könnten zu gewissen Zeiten des Jahres Schiffe vom Benuë über den Majo Kebbi bis zum Schari gelangen. Die Dampfer, welche im Herbst vom atlantischen Ocean über den Niger ihre Bergfahrt beginnen, würden die europäischen Waren nach Garua bringen können und hätten volle Zeit, die dort aufgestapelten Erzeugnisse des Landes wieder nach dem Ocean zurückzuführen. Von Garua aus würden kleinere Bote bis nach Bifara und zum Logon verkehren können, von wo aus die Waren — immer auf der Wasserstrasse — bis zum Tschadsee gelangen würden und umgekehrt. In jüngster Zeit hat Leutnant de Thézillat die Gelegenheit des Antritts eines Heimatsurlaubs benutzt, um vom Fort Lamy aus den Logon aufwärts auch auf deutschem Gebiete zu erforschen.

[75] Es hiess eine Zeit lang, dass er sich mit der Absicht tragen solle, die Pilgerfahrt nach Mekka zu machen.

[76] In jüngster Zeit soll Sultan Djerbai Dikoa verlassen haben und auf englisches Gebiet übergesiedelt sein.