Das theokratische Fürstentum Balda, welches der Sokoto-Prinz Haiatu im Osten von Mandara sich und seinem Sohne Mundjeli schaffen konnte, scheint mit dem Zusammenbruch seines Begründers aufgehört zu haben.

Südlich der Mandara-Berge bis zum Benuë haben keine Stammverbände oder Dorf- und Stadtvereinigungen besondere Bedeutung. Das Land gehört zu Adamaua und ist dem Emir von Yola tributär. Auch hier besteht das Gros der Bevölkerung aus Musgu; in den grösseren Ortschaften hausen muhammedanische Stadtfürstengeschlechter: wie ihr Lehns-Oberherr, der Emir von Yola und Adamaua, meist Fulbe. Einer der grössten Orte ist Marrua im Südosten von Mandara, der nordöstlichste Punkt, den die Herren von Üchtritz und Passarge im Hinterlande von Kamerun erreicht haben.

Am Benuë[74] ist auf deutschem Gebiet Garua der wichtigste Ort, auch hier residiert ein von Yola abhängiger Fulbefürst oder Statthalter. Schon jetzt entwickelt Garua, das kommercielle Centrum für weite Gebiete im Norden und Süden des Benuë, eine für jene Gegenden nicht unbedeutende Handelsthätigkeit. Zwischen Garua und Yola besitzt der Emir von Adamaua eine Sommerresidenz, Ribago genannt, am Flusse, in der er einen Teil des Jahres zuzubringen pflegt.

Herr von Yola und Adamaua war bis vor Kurzem der Emir Zuber, ein Nachkomme des Adama, welcher im Anfange des 19. Jahrhunderts das Fürstentum Adamaua gründete und sich dann der Oberhoheit des Kaisers von Sokoto unterstellte. Seine Residenz befindet sich auf englischem Einflussgebiete in nächster Nähe des Benuë. Die Stadt Yola bildet mit ihrer Umgebung eine englische Ausbuchtung nach Osten in unseren Besitz, das Land des Fürsten von Adamaua liegt zum grossen Teile in unserer Kamerun-Kolonie. Zu seinen Vasallen gehören ausser dem Herrn von Mandara eine ganze Anzahl von Statthaltern, deren Land auf deutschem Gebiete liegt. Alle diese sind, wie erwähnt, ebenso wie der Emir von Yola muhammedanische Fulbe. Ihre Vorfahren waren zum Teil schon von Adama in einzelnen grösseren Städten von Adamaua eingesetzt worden. Es sind dies die Herren von Tibati (mit Unterstatthaltern in Yoko und Ngute), Ngaundere, Banyo, Gaschaka, Kontscha, Tschamba, Bubandjidda, Garua und Marrua.

Inzwischen haben sich die Verhältnisse in Yola gleichfalls überstürzt. Der Emir Zuber wurde von der Royal Niger Company stets als zweifelhafter Freund betrachtet. Er hatte von den Franzosen, die unter Mizon flussaufwärts gekommen waren, zwei Kanonen erhalten, was seinerzeit zu den englischerseits dem französischen Expeditionschef bewirkten Schwierigkeiten geführt hat. Die Company, die eine Zeit lang eine Station am Benuë bei Yola eingerichtet hatte, hielt es später für besser, diese weiter flussabwärts zu verlegen. Vor zwei Jahren trat die Gesellschaft ihre Hoheitsrechte an die britische Regierung ab. Diese teilte das Niger-Benuë-Gebiet in die Distrikte Süd- und Nordnigeria — zu letzterem gehört Yola — und richtete hier eine mehrere Tausend Mann starke Truppenmacht ein, um nunmehr ernsthaft die durch die internationalen Verträge der englischen Einflusssphäre zugesprochenen Landesteile in Besitz zu nehmen.

In den letzten Jahren scheint nach englischen Berichten der Emir Zuber dem britischen Handel wieder Schwierigkeiten bereitet zu haben, und dies wie seine Sklavenjagden und sein unbotmässiges Verhalten gegen Befehle der Regierung von Nord-Nigeria waren der Grund für das Ende August 1901 erfolgte Vorgehen der Engländer. Auf mehreren Dampfschiffen bewegte sich eine englische Truppe von 12 Offizieren, 7 europäischen Unteroffizieren, 2 Ärzten, 360 eingeborenen Soldaten, 2 Feldkanonen und 4 Maximgeschützen den Benuë stromaufwärts. Der Oberanführer, Oberst Morland, versuchte zunächst Zuber zur friedlichen Übergabe zu bewegen; er fand kein Gehör. Am 2. September wurde die Stadt im Sturm genommen. Unter den 41 Verwundeten befanden sich Oberst Morland selbst und Major Mac Klintock. An Toten hatten die Engländer nur wenige. Der Feind verlor 150 Tote und Verwundete. Den grössten Widerstand hatte eine Anzahl aus dem ehemaligen Rabeh’schen Heer versprengter Streiter geleistet, Bornu-Leute und Araber, die nach dem Tode des sudanesischen Eroberers ihren Weg nach Yola gefunden hatten und sich von dem Emir als Soldaten hatten anwerben lassen. Es gelang Zuber, mit einem Häuflein Getreuer in südöstlicher Richtung zu entkommen. Die Engländer sandten am folgenden Tage ein Verfolgungskorps auf einem Heckrad-Dampfer und landeten bei Ribago oberhalb Yola, um Zuber zu verhindern, seine Absicht auszuführen, hier den Fluss zu überschreiten und nach Norden zu fliehen. Doch konnte Zuber auf deutschem Gebiete bei seinen Stammesgenossen und Vasallen einen Zufluchtsort finden.[75]

Der Stellvertreter Sir Frederick Lugards, Mr. William Wallace, setzte darauf den Bruder Zubers, Achmed (Bobo Amadu), als Emir von Britisch Adamaua in Yola ein. Auf einem beherrschenden Punkte ausserhalb der Stadt wurde ein befestigter Posten errichtet und mit einer starken Besatzung belegt und Kapitän Ruxton als Resident bei dem neuen Emir zurückgelassen. Diesem ist die Ausübung der Sklavenjagden untersagt worden, doch will sich die Regierung einstweilen noch nicht in die Frage der Haussklaverei einmischen.

Ende des Jahres 1901 kehrte Sir Frederick Lugard nach Nigeria zurück. Er fand Fadel Allahs Macht vernichtet. Auf seinen Befehl ging eine 300 Mann starke Expedition unter dem Oberst Morland nach dem Nordosten von Nigeria ab, um genaue Ermittelungen über das Land und die Bevölkerungsverhältnisse, sowie über die Folgen der Herrschaft Rabehs und der Vernichtung derselben durch die Franzosen anzustellen. Unterwegs mussten mehrere aufständische Heidenstämme am nördlichen Ufer des Benue gezüchtigt werden, die sich Räubereien und Morde hatten zu Schulden kommen lassen. In Bautschi wurde der Sultan Omar durch einen Verwandten ersetzt. Die Expedition begab sich demnächst nach Ebi und Lokoja. Von Lokoja aus sollte zu Ende dieses Jahres ein Vorstoss zur Erschliessung des Bussalandes unternommen werden. Der Bestand der britischen Truppen in Nigeria soll jetzt eine weitere Verstärkung erfahren. Demnächst wird auch eine Expedition nach Kano und Sokoto geplant, deren Herrscher in direkte Abhängigkeit zu der Regierung von Nigeria gebracht werden sollen. Der Centralsitz der Verwaltung der englischen Kolonie ist von Djebba nach Wuschischi in die Nähe des Katonaflusses im Nordosten von Bida verlegt worden. Der Ort ist durch eine Eisenbahn mit dem Katonaflusse verbunden.

Deutscherseits ist jetzt gleichfalls mit der Eröffnung des nach den Verträgen mit Frankreich und England uns zustehenden Tschadseegebietes begonnen worden. Durch den Vertrag vom 15. November 1893 mit England ist unsere Grenze im Westen und durch den Vertrag vom 15. März 1894 mit Frankreich im Osten festgelegt worden.

Am 12. Oktober 1901 war Oberleutnant Dominik, der bereits erfolgreich in Tibati und in anderen Orten Adamauas thätig war, und dem der Oberleutnant von Bülow beigegeben ist, mit einer Expedition von der Küste von Kamerun aus nach dem Benuë marschiert. Er hatte die Aufgabe, auf friedlichem Wege die Einrichtung eines ständigen Beobachtungspostens in Garua und den Beginn der Entfaltung deutscher Handelsthätigkeit im Hinterland unserer Kolonie in die Wege zu leiten, sowie die spätere Festsetzung der deutschen Herrschaft am Tschadsee vorzubereiten.