Ob die alte Bornu-Dynastie, die zur Zeit durch Djerbai repräsentiert wird, sich in der Zukunft wieder in derselben führenden Rolle wird behaupten können, wie in der Zeit vor Rabehs Einbruch, ist zweifelhaft. Nach den letzten Umwälzungen ist es nicht abzusehen, welche der früheren Vasallenfürsten der Bornu-Sultane dem Schech Djerbai die Treue bewahren werden. Die Kanuri selbst, seine Stammesgenossen, haben sich als nur noch wenig kriegstüchtig erwiesen. Nach französischer Schätzung verfügte Djerbai bei seiner Einsetzung in Dikoa über 1000 Gewehre, von denen er jedoch in seinen Kämpfen gegen Fadel Allah eine ganze Anzahl verloren hat. Die Bornu-Prinzen haben sich seit ihrer Rehabilitierung durch die Franzosen nicht gerade als sehr zuverlässig gezeigt. Es sind ebenso prahlerische und eitle, wie verweichlichte und ränkesüchtige Leute. Bis jetzt gehörten sie zu der muhammedanischen Bruderschaft der Kaderi, vielleicht ist Schech Djerbai neuerdings Senussi geworden. Djerbai hat noch zahlreiche Brüder. An seinem Hoflager in Dikoa leben jetzt zwei derselben. Ein anderer, der jüngste Sohn Haschems, Namens Rafai, ist mit Omar Sanda in Krebedji interniert. Ausserdem sollen noch zwei weitere Bornu-Prinzen in Dikoa sich befinden, nämlich ein Onkel des regierenden Schech — es wäre dies also ein jüngerer Bruder des Sultan Haschem — und ein Sohn des mutigen Abu Kiari, der seinen Bruder Haschem erschlagen und zuletzt Rabeh Widerstand geleistet hatte. Der Stammbaum der Dynastie der Kanemi stellt sich daher der umstehenden Tabelle entsprechend dar.[71]

Für unsere Kamerun-Kolonie ist es von grosser Bedeutung, dass das auf deutschem Tschadsee-Gebiete gelegene Dikoa, die ehemalige Hauptstadt Rabehs, in der auch Fadel Allah immer wieder seinen Centralsitz zu etablieren sich bemühte, thatsächlich das Erbe der alten Bornu-Hauptstadt Kuka angetreten hat. Es ist bereits darauf hingewiesen worden, wie Dikoa in kurzer Zeit sich zu einer riesigen Stadt entwickelt hat und jetzt der Centralpunkt eines grossen Teiles von Innerafrika geworden ist. Es ist auch heute noch die Residenz der wieder auf den Thron gelangten Bornu-Sultane, deren Machtbereich zwar gegenwärtig arg zusammengeschrumpft sein mag. In Dikoa haben jetzt auch einige tripolitanische Kaufleute ihre Niederlassungen, teils aus der Stadt Tripolis, teils Mudjabera aus Djalo im Süden von Benghazi. Diese sind Senussi; in ihren Händen liegt jetzt der ganze Handel im Norden der Mandara-Berge.

Das auf englischem Gebiete liegende Kuka ist immer noch ein Trümmerhaufen; allerdings ist in neuester Zeit hier wieder eine kleine Niederlassung und gleichzeitig eine Zauija der Senussi entstanden.

Neben den Kanuri, die den Hauptbestandteil der Bevölkerung der Ebene im Süden des Tschadsees bis nach Mandara bilden, kommen hier in erster Linie nomadisierende Araberstämme in Betracht, Nachkommen der vor vielen Jahrhunderten hierher gelangten Einwanderungen aus dem Osten. Einer der bedeutendsten dieser Stämme sind die Schoa, als deren erste Schechs Musa und Dahman genannt werden. Diese Araber bilden ein kräftiges und kriegerisches, aber auch unruhiges Element, das gewiss eine scharfe Überwachung notwendig machen wird. Wie wir sahen, lagerten die Schoa 10- bis 12000 Mann stark kurz vor der Entscheidungsschlacht zwischen den Franzosen und Rabeh in ostentativer Weise unthätig unweit des französischen Lagers.

Sodann wohnen im Schari-Delta und am Tschadsee-Ufer Leute, die mehr zu den Baghirmi-Stämmen gehören. Von ihnen hatten vor Rabehs Einbruch die Kotoko unter dem Sultan Wagaia ibn Ogari und die Makari unter dem Sultan Barao ibn Joga die grösste Bedeutung. Sie sind sehr dunkelfarbig und hauptsächlich Fischer. Ein Bezirk von mehreren Städten auf dem linken deutschen Schari-Ufer, unter diesen Gulfei, Kusseri und Logon, unterstand einem in Karnak Logon residierenden eigenen Sultan, namens Musa, der ein Tributärfürst des Königs von Bornu und der mächtigste Mann zwischen Kuka und Massenja war. In der Tschadsee-Ebene besitzen ferner die geistig und körperlich hoch entwickelten Fulbe eine Anzahl von Dörfern; sie betreiben hauptsächlich Viehzucht. Mehr im Süden hausen die hierher zurückgedrängten, allem Anscheine nach die Urbevölkerung des Tschadseegebietes ausmachenden heidnischen Bevölkerungsteile, (Musgu[72]). Haussa dürften nördlich von Mandara wohl nur in geringer Anzahl als Kaufleute verstreut leben. Der grösste Teil der Bevölkerung nördlich von Mandara ist muhammedanisch. Die am meisten vertretenen Bruderschaften sind die Kaderi und Tidjani, in jüngster Zeit scheinen auch hier die Senussi an Einfluss zu gewinnen.

In dem gebirgigen Teile des Hinterlandes von Kamerun, nördlich des Benuë, dürfte der Sultan Omar von Mandara jetzt der mächtigste Herrscher sein. Früher gehörten die Herren von Mandara zu den Vasallen der Könige von Bornu, wenn dieses Vasallenverhältnis auch in letzter Zeit bei dem Niedergange der Macht der Kanemiden stark ins Wanken geraten war.[73] Jedenfalls gewährte der Vater des Sultans von Mandara dem Bornu-Prinzen Omar Sanda nach dem Tode des Abu Kiari ein Asyl, und er war stark genug, seinen Gastfreund dem anstürmenden Rabeh nicht auszuliefern. Wohl wurde er von diesem besiegt und getötet; doch konnte sein Sohn Omar sich in seinen schwer zugänglichen Bergen gegen die sieggewohnten Leute Rabehs halten. Für das Selbstbewusstsein des Königs von Mandara spricht eine charakteristische Anekdote, die ich in Kairo gehört habe. Danach hätte Rabeh bei dem Vormarsch der Franzosen dem Fürsten von Mandara zehn Kamele mit Geschenken und eine Anzahl ausgesucht schöner Weiber gesandt mit der Bitte, die früheren Feindseligkeiten zu vergessen und ihm Hilfstruppen zu schicken, worauf ihm geantwortet wurde, er möge erst hundert Kamele senden, bevor in Verhandlungen eingetreten werden könne. Nach französischen Quellen dürfte der Sultan von Mandara nicht mehr als etwa hundert Gewehre besitzen, ausserdem verfügt er über eine Anzahl von Panzerreitern, — die übrigens im ganzen Tschadseegebiet vorkommen — und einige tausend Lanzenträger und Bogenschützen, welch letztere besonders gefürchtet sein sollen. Seine kriegerische Macht würde europäisch gedrillten Truppen weit weniger Schwierigkeiten bereiten, als die in seinem Terrain gelegenen Berge, in welchen er immer Zuflucht suchen kann. Nach dem Tode Rabehs war der Sultan von Mandara in gewisse Beziehungen zu den Franzosen getreten. Er bat diese um Rücksendung der ihm von Rabeh geraubten Leute, die als Sklaven fortgeschleppt worden waren, ein Wunsch, welcher erfüllt wurde.

Die Einwohner von Mandara, Musgu, gehören zur Urbevölkerung des südlichen Tschadseegebietes. Sie sind nur zum kleineren Teile muhammedanisch, zum grösseren Teile heidnisch. In ihren noch vielfach mit hochstämmigen Bäumen bestandenen Bergen haust die Bevölkerung in Hütten, die in diesen Bäumen selbst errichtet sind, oder in Höhlenwohnungen. Die Mandaraleute tragen im Winter Fellkleidung.