Als Soliman, der Sohn Zubers, den für ihn so verderbenbringenden Entschluss fasste, sich Gessi Pascha auszuliefern, stand Rabeh an der Spitze derjenigen, die ihm hiervon abrieten und das vollständige Verlassen der alten Heimat, eine unbestimmte Zukunft und ein wildes Nomadenleben der Übergabe an Gessis Leute vorzogen. Damals (1879) muss Rabeh nach der Berechnung Zubers, der ihn als einen Mann von besonderer Energie, grosser Klugheit und rücksichtsloser Tapferkeit schildert, etwa 30 Jahre alt gewesen sein. Als er unter dem Vorantritt der dröhnenden Kriegstrommeln, jener grossen mit einer Ochsenhaut bespannten kupfernen Kesselpauken, das Lager Solimans in Djerra verliess, folgten ihm wohl tausend, vielleicht sogar mehrere tausend der besten Basinger Zubers, der Kern der Leute, denen er seine späteren gewaltigen Eroberungen verdankte, und denen er bis in die letzte Zeit hinein die Offiziere seiner Umgebung mit Vorliebe entnahm.

Die Tapferkeit der Basinger ist bekannt. Wir selbst haben sie in unseren Kolonien vielfach erprobt. Die Askari der deutsch-ostafrikanischen Schutztruppe rekrutieren sich heute noch zum Teil aus solchen sudanesischen Söldlingen. In den Kriegen zur Wiedereroberung des dem Mahdismus verfallenen Sudan haben sie sich in den Reihen der egyptischen Armee auf das glänzendste geschlagen, wie sie im feindlichen mahdistischen Lager den Egyptern und den Engländern schwere Verluste und in früherer Zeit manche Niederlage bereitet haben. Denn der Basinger ist ein Söldner in des Wortes wahrster Bedeutung. Wie der Landsknecht kämpft er für den, dessen Brot er isst; aber er dient auch dem Feinde, nachdem dieser ihn besiegt, ihn erbeutet hat, und ihm nunmehr den Lebensunterhalt gewährt und Aussicht bietet, mit seinen Weibern weiter zu leben oder neue Weiber und neue Beute zu erwerben. Der Abstammung nach sind die Basinger Schilluks, Dinkas und Angehörige anderer meist heidnischer Stämme des oberen Nils und seiner Nachbarländer. Als Kinder, oft aber auch erst als erwachsene Männer gefangen, werden sie nach kurzer Einübung tüchtige Soldaten und dienen dann, bis ihre Haare weiss werden und sie die Waffen nicht mehr tragen können. Sie werden regelmässig Muhammedaner und eignen sich die arabische Sprache nach Möglichkeit an.

Die Basinger, welche Rabeh nach dem Westen folgten, nahmen natürlich ihre Weiber mit sich. Später erhielt Rabeh beträchtlichen Nachschub aus dem egyptischen Sudan. Die Mannschaften, aus welchen sein Heer sich in der Folge weiter ergänzte, die von ihm auf seinen Kriegsfahrten erbeuteten Sklaven, gingen in seine Truppen auf, auch sie wurden Muhammedaner. Die Eroberungszüge Rabehs, die ihn immer mehr nach dem Westen geführt haben, sind als eine Art von Völkerwanderung im Kleinen anzusehen, bei welcher seine ursprünglich aus zahlreichen verschiedenartigen Stammeselementen bestehenden muhammedanischen Truppen einen neuen einheitlichen, fremden, erobernden Stamm in dem vielfach noch heidnischen neugewonnenen Gebiete darstellen.

Es gelang Rabeh, mit Geschick sich den Verfolgungen Gessi Paschas zu entziehen. Er wandte sich zunächst nach Dar Fertit und setzte sich hier in dem gebirgigen Gebiete von Dar Manga[9] fest. Diese Landschaft bildet eine grosse, leicht zu verteidigende natürliche Festung, und hier baute Rabeh sich seine erste Zeribe, von der aus er, vor jeder Verfolgung sicher, bis auf weiteres seine Sklavenjagden nach Süden hin ausführte.

Demnächst unterwarf Rabeh die kleinen Häuptlinge von Dar Banda und dehnte seine Eroberungszüge bis nach Bangasso am Mbomu, also bis in die nächste Nachbarschaft des Ubangi, aus. Auch gegen Semio und Rafai, die gleich Rabeh früher in Zubers Diensten gestanden und sich später im Heidengebiet der Niamniam, nordöstlich von Bangasso, selbständige Fürstentümer gründen konnten, unternahm er erfolgreiche Beutezüge, die damit endeten, dass die Genannten sich zu einem Tributverhältnis ihm gegenüber bequemten. Im Niamniam-Lande hatte Rabeh schon zur Zeit Zubers das Sklavenjagdgewerbe ausgeübt.[10]

Nunmehr wandte sich Rabeh nordwestlich und unterwarf sich die zwischen Dar Banda und Dar Runga gelegene Landschaft Kuti.[11] In Kuti regierte damals ein den Titel Schech führender Duodezfürst, Namens Muhammed waled Abu Bekr es Senussi,[12] der seinerzeit mit Zuber in Beziehung gestanden und ihm eine Art von Tribut gezahlt hatte, als dieser Sklavenfürst seine Menschenjagden so weit nach dem Westen ausdehnen konnte. Gleichzeitig stand der Herr von Kuti aber auch im Vasallenverhältnis zu Wadai, wie ein solches doppeltes Vasallentum in den afrikanischen Staatswesen an der Regel war und ist. Der Schech Muhammed es Senussi von Kuti gehört zur herrschenden Familie von Baghirmi. Er ist ein Enkel des Sultans Osman Burkomanda von Baghirmi, der 1807–1846 regierte. Muhammeds Vater, Abu Bekr, war aus Baghirmi geflohen, als der älteste Sohn Burkomandas, Abd el Kader, auf den Thron seiner Väter gelangte. Nachdem Abu Bekr eine zeitlang heimatlos umhergeirrt war, machte er die Pilgerfahrt und gewann, nach Afrika zurückgekehrt, im Süden des Bahr es Salamat das Zutrauen des mächtigsten der heidnischen Fürsten in Dar Runga, dessen Tochter er heiratete. Nach dem Tode seines Schwiegervaters gelangte er zur Regierung, nachdem er natürlich seinen Schwager hatte ermorden lassen. Ihm war sein ältester Sohn Muhammed, der gegenwärtig noch Schech von Kuti ist, im Jahre 1875 gefolgt.

Als Rabeh im Gebiete von Kuti erschien, verhielt sich der Schech ihm gegenüber misstrauisch; Rabeh wurde gezwungen, ausserhalb der Hauptstadt zu lagern. Bald traf eine nicht unbedeutende Truppenmacht ein, welche der damalige Sultan Ali von Wadai gegen Rabeh entsandt hatte, vielleicht von dem Schech von Kuti zu Hilfe gerufen, vielleicht aber auch deshalb, weil Rabeh sich auf dem Marsche nach Dar Runga in den anderen zu Wadai gehörigen Distrikten Gewaltakte hatte zu schulden kommen lassen. Rabeh wurde zu einer friedlichen Besprechung aufgefordert. Statt darauf einzugehen, überfiel er nachts die übermächtigen Wadaileute und schlug sie glänzend.[13] Die zersprengten Reste des Wadai-Heeres flüchteten in die schwer zugänglichen heimatlichen Berge im Norden. Rabeh zog dann in Kuti ein, dessen Bewohner ihm huldigten. Damit war seine Stellung in Innerafrika begründet. Der bisherige Gebieter von Kuti und Dar Runga erkannte ihn als Oberherrn an, und von Kuti aus, wo er sich nunmehr consolidierte, begann Rabeh seine Herrschaft nach Süden und Westen auszudehnen. Sehr bald wurde seine Truppenmacht durch weitere frühere Gefolgsleute Zubers, welche sich der Regierung Gessis und der egyptischen Effendis nicht hatten fügen wollen, sowie später auch von solchen, die in den durch den aufkommenden Mahdismus geschaffenen Verhältnissen im Bahr el Ghazal und in Darfur sich nicht mehr wohl fühlten, verstärkt.

Zwischen Wadai und Rabeh kam eine Art stillschweigenden Kompromisses zu Stande. Zuber Pascha teilte mir mit, dass er von Kairo aus mit dem Sultan Ali von Wadai und mit Rabeh in Verbindung geblieben und dass es seiner Vermittlung gelungen sei, ein gutes Verhältnis zwischen beiden herzustellen. Jedenfalls respektierten beide Teile einander, und es ist wahrscheinlich, dass damals Handelsbeziehungen zwischen Rabeh und Wadai bestanden haben, durch die der Eroberer sich von Norden her mit frischen Waffen und Munition versehen konnte.

In den ehemaligen egyptischen Provinzen des Sudan, in Kordofan, Darfur und im Bahr el Ghazal bis Lado hin, wo Emin Pascha die egyptische Fahne noch hoch halten konnte, war inzwischen das theokratische Reich des aus Dongola stammenden Mahdi Muhammed Ahmed zur That geworden. In geradezu verblüffender Weise hatte der Dongolaner die gegen ihn entsandten egyptischen Truppen immer wieder geschlagen. Es war ihm gelungen, in den Völkern der Nilländer einen religiösen Fanatismus zu entfachen, dessen man die zum Teil vor gar nicht langer Zeit erst dem Islam gewonnenen Neger nicht fähig gehalten hatte. Im August des Jahres 1881 hatte Muhammed Ahmed seine „göttliche Mission“ begonnen. Im Jahre 1882 lagen seine Scharen in der Nähe von Chartum. Nachdem schon der ganze egyptische Sudan ihnen verfallen, wurde auch Chartum im Jahre 1884 genommen, bei der Einnahme der Stadt fand der englische Generalgouverneur Gordon seinen Tod. Bald darauf erstreckte sich das Reich des Mahdi nilabwärts bis in die Gegend des zweiten Kataraktes, in die Nachbarschaft von Wadi Halfa, im Osten bis zum Roten Meere hin reichend, wo Suakin eine egyptische Enclave bildete, im Süden bis nach Lado; im Westen war es begrenzt von den Negerstämmen von Dar Fertit und Dar Banda, weiter nördlich von Wadai und endlich von der Libyschen Wüste, in deren Oasen der Oberschech des Senussiordens allmächtig war.[14] Sowohl mit Rabeh, als auch mit Wadai und dem Schech der Senussi versuchte der Mahdi Beziehungen anzuknüpfen, jedoch ohne Erfolg. Der Oberschech der Senussi hatte offen den Mahdi als einen Ketzer dargestellt. Wadai und Rabeh wollten ihre Selbständigkeit zu Gunsten des Schreckensfürsten am Nil nicht aufgeben, und zwischen Rabeh und Wadai herrschte Frieden, auf Interessengemeinschaft begründet.[15]