Im Jahre 1884 sandte der Mahdi ein Schreiben an Rabeh, in welchem er diesen auffordern liess, ihn als den geweissagten Welterlöser und Herrn der Welt anzuerkennen. Rabeh antwortete nicht. Drei Jahre später liess der Chalifa Abdullahi, der im Jahre 1885 dem Mahdi gefolgt war, durch seinen Vetter Osman Adam an Rabeh die schriftliche Aufforderung richten, seinen Fahnen zu folgen. Auch dieses Schreiben wurde ignoriert. Erst viel später benutzte Rabeh die Sache der Derwische für seine eigenen Interessen. —

Mehrere Jahre setzte Rabeh von Kuti aus das Handwerk seines früheren Herrn und Lehrmeisters Zuber fort, mit seiner Soldateska die kleinen Negerfürsten und Dorfschaften in der Nachbarschaft von Dar Runga bekriegend und besiegend, hauptsächlich um Sklaven einzujagen, die wiederum Ersatz für die naturgemäss in diesen Kämpfen sich aufreibenden alten Truppen bildeten. Die Weiber wurden den Soldaten zu Frauen gegeben, der Überschuss nach Norden hin verkauft und gegen Waffen und Munition eingetauscht. Gleichzeitig versuchte er überall, ebenfalls nach dem Vorbilde Zubers, eine Art Regierung einzuführen, indem er in den von ihm eroberten Gebieten eigene Gouverneure einsetzte oder von den Stammesfürsten Tribut erhob. In Kuti behielt er den Schech Muhammed waled Abu Bekr es Senussi, dessen Tochter Hadja er mit seinem Sohne verheiratete, als seinen Statthalter bei. Der Schech von Kuti hat später viel von sich reden gemacht. Im Mai 1891 liess er im Auftrage seines Oberherrn Rabeh die französische Expedition unter Crampel massakrieren. Dadurch fielen Rabeh 50 Repetiergewehre, 200 gewöhnliche Gewehre und reiche Munition in die Hände.[16] Einige der Senegalesen Crampels erscheinen später als Offiziere im Heere Rabehs.

[9] Die viel gebrauchte Pluralbildung des Namens lautet Mangiat.

[10] Übrigens haben sich Semio und Rafai, sowie einige andere Häuptlinge im Niamniam-Gebiete, deren Land von den Franzosen kurzweg „les Sultanats“ genannt wird, gegen die mahdistische Invasion halten können. Im Jahre 1884 konnten sie einen Angriff der Mahdisten mit Erfolg abweisen, und seither scheinen sie nicht mehr belästigt worden zu sein. In der Folge haben sie aus Opportunitätsgründen den durchkommenden Belgiern und Franzosen keine Schwierigkeiten gemacht und sich der Handelsexpedition des Bonnel de Mezières entgegenkommend gezeigt. Rafai ist unlängst gestorben, ihm ist sein Sohn Osman gefolgt.

[11] Belgische Quellen (vergl. A. J. Wauters, Mouvement Géographique, 1899, No. 44) geben die ersten Geschicke Rabehs, nachdem er den Verfolgungen Gessis sich hatte entziehen können, wie folgt: Zunächst habe er sich südwestlich nach Dar Fertit gewandt, das er vernichtete. Darauf wäre er, weiter südwestlich ziehend, in das Gebiet der Kresch und der Banda eingedrungen, die er sich unterworfen habe. Dann sei es zu einem grossen Kampfe zwischen ihm und den Sakkara gekommen, deren Anführer damals Bali, der Vater ihres gegenwärtigen Schech Bangasso, gewesen sei. Die Schlacht habe am Bali, einem Nebenflusse des Ubangi, unweit des Dorfes Baso, also in der nächsten Nähe der nördlichen Grenze des Kongostaates, stattgefunden. Die Sakkara seien vollständig geschlagen worden, und ihr Gebiet wäre der Verwüstung und Unterwerfung in derselben Weise wie das der Kresch und Banda anheimgefallen, wenn der Sieger in seinem Marsche nach dem Ubangi nicht durch absoluten Mangel an Lebensmitteln und die Furcht, auch im Süden sich nicht verproviantieren zu können, aufgehalten worden wäre. Infolgedessen habe er sich nunmehr nach dem Nordwesten gewandt. Nach der Überschreitung des Koto, eines anderen Nebenflusses des Ubangi, sei er nach Dar Runga marschiert, dessen in Kuti residierender Sultan, ein Vasall von Wadai, sich ihm unterwerfen musste. Bei dieser Gelegenheit seien Rabeh grosse Waffenvorräte in die Hände gefallen, und von dem Augenblicke an datiere seine eigentliche Macht. Die gedachten belgischen Quellen verlegen diese Ereignisse in die Jahre 1883 und 1884.

Es ist schwer zu entscheiden, ob der gegen die dem Kongostaate nahe liegenden Sakkara gerichtete Kampf der Festsetzung Rabehs in Kuti wirklich vorangegangen ist. Es ist mir wahrscheinlicher, dass es sich dabei um einen jener Kriegs- und Raubzüge handelt, welche Rabeh von Kuti aus strahlenförmig nach dem Südwesten und Südosten ausführte.

[12] Kuti ist der Name einer der Landschaften, in die Dar Runga zerfällt und gleichzeitig der Name der früheren Hauptstadt des Landes. In jüngster Zeit wird N’Delle als Residenz des Schech Muhammed waled Abu Bekr es Senussi genannt. Der Herr von Kuti hat nichts mit der religiösen Bruderschaft der Senussi zu thun. Der Name es Senussi kommt mehrfach vor. Ihn trägt auch eine reiche Kaufmannsfamilie in Alexandrien und ein ganzer tunesischer Beduinenstamm.

[13] Dieser erste Kampf, der zwischen Rabeh und Wadai noch bei Lebzeiten des eigentlichen Mahdi im egyptischen Sudan stattfand, wurde mir von einem Wadai-Manne in seinen Einzelheiten etwas anders dargestellt. Der Kampf sei durch Regen unterbrochen worden. Auf beiden Seiten seien 3–400 Mann gefallen. Oberbefehlshaber auf Seiten Wadais sei der Eunuch Scharaf ed Din, der Akid es Salamat, gewesen. Von hervorragenden Wadai-Leuten, die gefallen, nannte er el Makua Hlata, den Akid der Chamis, den der Djamie u. a. Nach diesem Kampfe habe sich Rabeh zunächst vom Salamat-Gebiet, woselbst der Kampf stattgefunden habe, ostwärts nach dem Bahr el Iro, dann sudwärts nach Dar Runga und Kuti gewandt.

[14] Der Orden der Senussi, deren Namen in diesen Blättern häufig wiederkehrt, ist eine religiöse muhammedanische Bruderschaft, die sich in den letzten Jahrzehnten zu einem nicht zu unterschätzenden Machtfaktor in der afrikanischen Politik herausgebildet hat und namentlich in gewissen Gegenden des nordöstlichen Afrika ausschlaggebenden Einfluss besitzt. In religiöser Beziehung auf puritanischer, den starren ursprünglichen Islam betonender Grundlage stehend, zeichnet sie sich durch eine ausserordentlich straffe Organisation aus, die in blindem Gehorsam dem Ordensoberhaupt gegenüber gipfelt. Unter sich sind die Ordensbrüder zu gegenseitiger Unterstützung gezwungen. Der Gründer des Ordens, der Vater des gegenwärtigen Oberschechs, ein Algerier von Geburt, hat Ende der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts, nachdem er lange Zeit im Hedjaz gelebt, den Ordenssitz in Djerabub, an der tripolitanisch-egyptischen Grenze, in einer Oase aufgeschlagen, die mitten in der Wüste, weitab vom Meere, gelegen ist. Von hier hat der gegenwärtige Schech der Senussi im Jahre 1896 seinen Centralsitz nach der Oase Kufra und im Jahre 1899 noch weiter nach dem Innern, nach Borku, verlegt. In sehr geschickter Weise hat sich das Ordensoberhaupt mit einem mystischen Nimbus zu umgeben gewusst, und der heutige Schech der Senussi wird von seinen Anhängern als der erwartete, wahre Mahdi angesehen. In zahlreichen Orten Innerafrikas, auf den Karawanenstrassen nach Mekka u. s. w. haben die Senussi klosterartige Etablissements, Zauijas, errichtet, welche unter eigenen Beamten, Mokaddims, stehen, und in denen die Gläubigen und vor allem die Ordensbrüder bewirtet und die Lernbegierigen in eigenen Schulen unterrichtet werden. Von diesen Zauijas aus wird die Propaganda für den Islam und für den Orden eifrig betrieben. Gleichzeitig sind sie durch ihre Schulen die Träger einer gewissen Kultur geworden. Die Senussi betonen die Nützlichkeit der Arbeit, und die Zauijas geben in dieser Beziehung selbst ein gutes Beispiel durch Anlage von mustergiltigen Ackerbauwirtschaften und Palmenwäldern. Sie unterstützen nach Kräften den Handel, von dem sie selbst möglichsten Nutzen ziehen. Ein Teil der Einkünfte der Zauijas wird für den Unterhalt derselben verwandt, der Rest wird an die Centralstelle abgeführt. Besonders in letzter Zeit hat sich der Orden der Senussi mehr und mehr im Interesse seiner zahlreichen im Nordosten Afrikas vom Karawanenhandel lebenden Anhänger um die Aufrechterhaltung friedlicher Zustände im Innern des schwarzen Erdteils bemüht. Der Oberschech der Senussi ist über alle Vorgänge in Afrika genau orientiert. Stets stehen in seiner Centrale Sendboten bereit, um seine Befehle und Ratschläge nach den entferntesten Gegenden zu tragen. Der europäischen Expansionspolitik in Afrika haben sich die Senussi stets feindlich gezeigt. Auch ausserhalb Afrikas zählt der Orden zahlreiche Anhänger.

[15] Irrtümlich wird vielfach angenommen, dass Rabeh, nachdem er seinen früheren Herrn, Soliman ibn Zuber, verlassen hatte und bevor er nach Westen zog und seine grossen Eroberungen in Baghirmi antrat, zunächst sich nördlich nach Borku gewandt habe, woselbst er unter Respektierung der geistigen Autorität des Schech der Senussi längere Zeit sich aufgehalten habe. Dieser Irrtum beruht meines Erachtens neben der besprochenen Namensverwechslung des Oberhauptes des Senussiordens mit dem Herrn von Kuti darauf, dass von vielen Afrikanern der Sultan von Wadai auch Sultan von Borku genannt wird. Die im Norden von Wadai gelegenen Berggebiete von Borku sind dem Sultanate Wadai tributär.