Die Fahrt von Hongkong durch die vielen, dem Festlande vorgelagerten Inseln bis hinaus in's offene Meer war sehr interessant. Ueberall auf den Lehnen und auf den Höhen der ringsum sich erhebenden Berge, sowie in den Thälern zeigten sich Befestigungen und Kasernen, dann Fabriken und Häusergruppen, schöne Paläste und Villen. Der Charakter der Berge ähnelt jenem des Karstes — sehr wenig Vegetation, dagegen viel Gestein und Felsen.

Als neue Passagiere kamen vier Amerikaner, anscheinend der Mittelclasse angehörig, an Bord, dagegen hat das englische Ehepaar mit dem unartigen Kinde das Schiff in Hongkong verlassen. Einer von den vier Amerikanern ist ein Freiwilliger von der Armee der Vereinigten Staaten auf den Philippinen, welcher von dort seinen Abschied genommen hat und nach Amerika zurückkehrt. Viele Einwohner der Philippinen bedauern jetzt schon, wie mir von vielen Seiten mitgetheilt wurde, im hohen Grade, sich gegen ihr Mutterland Spanien aufgelehnt zu haben. Die vielen, vielen aus ihrer Heimat, den Philippinen, geflohenen Familien, welche jetzt in Penang, in Singapore und in Hongkong leben müssen, geben ein beredtes Zeugniss ab, über das »völkerbeglückende« Eingreifen der Amerikaner.

Die Temperatur ist sehr stark herabgegangen, sie beträgt nur 17° R. und wirkt des fortgesetzt heftigen Windes halber so empfindlich, dass man wärmere Kleider anziehen muss. Es ist erstaunlich, dass die Südgrenze von China, welche doch noch in der tropischen Zone und im gleichen Breitegrade mit der Wüste Sahara liegt, ein so gemässigtes Klima hat.

Am 24. und 25. März fuhr unsere Marie Valerie längs der chinesischen Küste in dem chinesischen Meere, einem Theile des Grossen oder Stillen Oceans Anfangs nordöstlich, dann aber mehr nördlich vorwärts, passirte die Meeresstrasse von Formosa und hatte durch beständiges Ausweichen von Inseln und Sandbänken einen wirklich schwierigen Weg zu hinterlegen.

Die Sonne schien, und obwohl der Wind sehr heftig blies, war das Schaukeln unseres famosen Dampfers ein recht mässiges. Das Thermometer wies nur mehr 14° R. auf, und bei dem herrschenden Sturme fing es an, unangenehm kühl zu werden. Nach Ansicht des Schiffscapitäns muss es in Ost-Sibirien einen abnorm kalten Winter gegeben haben, und dem sei es zuzuschreiben, dass es auch in China so ausnahmsweise kalt ist. Es regnete so ziemlich den ganzen Tag — der erste Regentag auf meiner nun zweimonatlichen Reise — und es blieb nichts Anderes übrig, als warme Winterkleider zu nehmen.

Am 26. März (Sonntag). Die Temperatur sinkt immer weiter, heute hat es selbst im geschlossenen Raume nur mehr 10° R. und dabei sind wir im 30. Grade nördlicher Breite, das ist in der Höhe der nordafrikanischen Küste. Ein dichter weisser Nebel umgibt uns, und bei dem Umstande, dass wir uns in der Hang-tschan-Bai befinden, vor welcher der Tschou-hang-Archipel mit seinen sehr vielen Inseln vorgelagert ist, wird dadurch die Fahrt des Dampfers sehr gefährdet, deshalb die Fahrtgeschwindigkeit sehr vermindert und mitunter die Maschine ganz gestoppt. Es wird fortwährend sondirt und erst nach genauer Prüfung der Stellen streckenweise weitergefahren. Vorsicht erfordert wohl Zeit, doch dieser Zeitverlust ist verschwindend klein gegen jenen, welchen ein Accident in Anspruch nehmen würde.

Gegen Abend langten wir zur Einfahrt von Shanghai an. Dort wurde das Schiff verankert, um erst den anderen Tag nach Eintritt der Fluth um 8½ Uhr Morgens mit dem Lotsen auf dem Wusungflusse bis nach Shanghai zu fahren, welches 20 km von der Küste entfernt ist und an dem Wusungflusse liegt. Dieser Fluss hat für die Marie Valerie die nöthige Tiefe, während unser Kriegsschiff Kaiserin Elisabeth, welches in der nächsten Woche hier eintreffen soll, wegen seines Tiefganges nicht bis nach Shanghai kommen kann, sondern im Flusse, auf dem halben Wege dorthin, bei dem Orte Wusung anhalten muss.

Aufenthalt in Shanghai.

Am 27. März ging der Wind nur mehr ganz schwach, und somit war die Temperatur, die zwar noch immer nicht mehr als 10° R. erreichte, immerhin erträglicher als gestern.

In Shanghai wollten die vier Amerikaner das Schiff verlassen, doch spielte sich vorher noch eine kleine Episode ab. Als wir uns schon dem Hafen näherten, bei welchem wir anlegen sollten, kamen mit einem kleinen Localdampfer drei Engländer an uns heran und bestiegen unser Schiff. Nach dem Anlegen im Hafen entpuppten sich die Engländer als ein Polizeicommissär und zwei Detectivs, welche einen der Amerikaner verhafteten, weil von Hongkong die telegraphische Anzeige an die Polizei-Direction in Shanghai eingetroffen war, dass derselbe dort vor seiner Abreise einen Diebstahl begangen hatte. Eine nette Gesellschaft — diese Amerikaner. Ein Anderer von ihnen, ein grosser, ungeschlachter Kerl, soll der Besitzer eines Circus in Hongkong sein, den er nun nach Shanghai bringen will; dieser Mann brachte während der Ueberfahrt die Figur des formlosen und selbstsüchtigen Amerikaners in einer sehr unterhaltenden Weise zur Darstellung.