Ich stieg nun an das Land, nahm einen von Chinesen gezogenen kleinen zweiräderigen Wagen (Jinriksha), machte unserem Generalconsul meinen Besuch und fuhr dann durch die Stadt und in die Umgebung derselben.

Die sanitären Verhältnisse in Shanghai sind nicht gut. Die Erhebung der Stadt über das Wasserniveau ist eine sehr geringe, und viele Meilen weit gibt es keine Berge; das Wasser hat demnach nur einen sehr schwachen Abfluss und steht beinahe unbeweglich in allen Gräben, wo dann alle dort befindlichen organischen Stoffe verwesen. Hierzu kommt noch die entsetzliche Unreinlichkeit der Chinesen und ihre sanitätswidrigen Gepflogenheiten. So werden z. B. die Gemüse auf den Feldern, des besseren Wachsthumes halber, überall mit flüssiger Jauche übergossen, welche in der heissen Jahreszeit die Luft verpestet; die Verstorbenen der armen Leute werden nur in eine Holzkiste gelegt und mit Kalklösung übergossen; hierauf werden diese Kisten mit Strohmatten umwunden und in diesem Zustande, ohne sie zu vergraben, auf das freie Feld hinausgestellt! Wo die Engländer die alleinigen Besitzer einer Stadt sind, werden von denselben umfassende Vorkehrungen für sanitäre Anlagen gemacht. In Shanghai aber gibt es drei nebeneinander liegende Niederlassungen (Settlements), die der Engländer, der Amerikaner und der Franzosen, und daran stosst die alte Stadt der Chinesen. Die verschiedenen Nationen unternehmen gemeinschaftlich sehr wenig zur Hebung der sanitären Lage, und die autonome chinesische Gemeinde thut gar nichts.

Die alte Stadt der Chinesen ist mit einer Mauer umgeben, welche sieben Eingangsthore besitzt, die von Abend bis Morgen geschlossen sind, weil kein Europäer dort übernachten darf. Auf den Wällen ihrer Stadt haben die Chinesen eiserne Kanonen stehen, welche sich aber, wie ich es selbst gesehen habe, in einem ganz verwahrlosten und gebrauchsunfähigen Zustande befinden. Die Gassen im Innern der Stadt sind kaum meterbreit, und neben der Hauptstrasse liegt ein mit faulendem Wasser und Sumpf gefüllter Graben, welcher alle organischen Abwurfsstoffe aufnimmt und beinahe gar keinen Abfluss hat. Im Centrum der Stadt ist ein kleiner See gelegen, welcher die gleichen Verhältnisse zeigt wie der eben beschriebene Graben, und inmitten des Sees steht ein aus Holz erbautes, sehr grosses Theehaus, zu welchem man auf Holzstegen hingelangt. Die überall herrschende Unreinlichkeit und der pestilenzartige Gestank sind geradezu entsetzlich, und es ist auch die natürliche Folge davon, dass typhöse Krankheiten, Cholera, Blattern, Dysenterie u. s. w. fortwährend sehr viele Opfer fordern. Die Reconvalescenten nach solchen Krankheiten sollten, da es bei Shanghai auch landeinwärts keine besseren sanitären Verhältnisse gibt, baldmöglichst ein anderes Land aufsuchen, am besten nach Europa reisen.

Nachdem ich mit unserem Generalconsul und seiner liebenswürdigen Frau in einem zweispännigen Wagen eine Spazierfahrt in dem europäischen Theile von Shanghai und in dessen Umgebung gemacht hatte, kehrte ich zum Dampfschiffe zurück und unternahm dann wieder gegen Abend in Gesellschaft des Schiffscapitäns und des Schiffsdoctors eine von unserem Consulatssecretär geleitete Excursion in die Stadt. Wir fuhren mit Rikschas zuerst in die Hauptstrasse des englischen Settlements, wo Tausende von Chinesen in der elektrisch beleuchteten Strasse hin- und herwogten, oder von Rikschas in Wagen gezogen oder in Sänften getragen wurden. Die Auslagen waren hier dicht aneinander gereiht und aussen über denselben hingen lange schwarze, gelbe, blaue oder rothe Tafeln herunter, welche mit chinesischen Buchstaben in entsprechender Farbe beschrieben waren. Viele Theehäuser und mehrere chinesische Theater luden zum Besuche ein. Es herrschte hier ein ganz fremdartiges Leben, und dabei war das Verhalten der Chinesen, auch jenes der untersten Volksschichte, ruhig, ohne Lärm und Getöse. Als wir uns das Strassenleben zur Genüge besehen hatten, beschlossen wir, in ein Theehaus zu gehen.

Im Theehause war der grosse Saal elektrisch beleuchtet, bunt hergerichtet, von an langen Tischen nebeneinander sitzenden Chinesen erfüllt. In der Mitte des Saales befand sich ein Podium, wo gleichfalls an Tischen die sich im Gesange producirenden Mädchen, und hinter denselben die sie begleitenden Musikantinnen sassen. Kaum waren wir eingetreten, so wurde uns Thee in Schalen servirt und ein Teller mit einer gedörrten Getreideart zum Verzehren der einzelnen Körner vorgesetzt. Auch wurde eine Art Metallkrug (narguilé) zur Disposition gestellt, aus welchem man den Tabak raucht, indem man den Rauch vorher durch das Wasser ziehen lässt. Die Musikantinnen bestehen vornehmlich aus Holz- und Lautenschlägerinnen, welche ohne Unterlass einen sehr unmusikalischen Lärm hervorbringen. Die Sängerinnen sind dick aufgeschminkt und gelten bei den Chinesen als Schönheiten. Sie sind meistens in sehr reich mit Stickereien versehene Seidengewänder gekleidet, tragen mitunter kostbaren Schmuck und werden häufig in luxuriösen Sänften in das Theehaus getragen. Ihr Gesang ist ohrzerreissend — sie singen nur mit Fistelstimmen in langgezogenen Tönen ohne alle Harmonie. Eine echte Katzenmusik! Nach ungefähr einer halben Stunde entfernten wir uns, und hatte ein Jeder für den Genuss von Thee und Gesang 40 Sens (50 kr.) zu zahlen.

Vom Theehause aus begaben wir uns in ein chinesisches Theater. In demselben ist die Bühne wie bei uns erbaut, nur gibt es keinen Wechsel der Coulissen und kein Fallen des Vorhanges, dagegen befindet sich auf der Bühne eine Musikcapelle, welche aus Holzcinellen- und Lautenschlägern, sowie aus Trompetenbläsern zusammengesetzt ist. Das Theaterspiel besteht hauptsächlich aus Aufzügen, welche einer dem anderen unmittelbar folgen, oder welche auch gleichzeitig erscheinen, um sich auf der Bühne zu bekämpfen. Die Hauptrolle des chinesischen Theaters spielt der Bühnengeneral, welcher durch seine goldgestickten bunten Kleider, durch vier, auf dem Rücken befestigte, wehende Fahnen und durch einen sehr lang herabhängenden Bart erkenntlich ist. Dieser General, meist mit einer martialischen Maske vor dem Gesichte, erscheint mit seinem bunten Gefolge — etwa sechs bis acht Personen — auf der Bühne, schreitet sehr gravitätisch einher, streicht sich den langen Bart, fuchtelt mit seiner Hellebarde herum, schreit dann mit Fistelstimme einige Worte heraus und verschwindet hinter der Bühne. Kaum ist er verschwunden, so kommt ein anderer General mit womöglich noch grässlicherer Maske sammt seinem Gefolge heraus und hält einen Wedel aus Pferdeschweifhaaren in der Hand, zum Zeichen, dass er auf dem Pferde sitze. Auch dieses Ungethüm schreit einige Sätze mit Fistelstimme heraus. Es scheint eben, dass sich die Fistelstimme bei den Chinesen eine weitgehende Vorliebe erworben hat. An diese Aufzüge reihen sich andere an, wieder von Theatergeneralen geführt, und so geht es fort, bis zuerst einzelne, dann mehrere Generale mit Gefolge gleichzeitig auf der Bühne erscheinen und den Kampf durch das raschere Herumgehen darstellen, wozu dann die Musik im schnellsten Tempo einen unerhörten Lärm macht. Das Kommen und Gehen der Aufzüge wird immer lebhafter, und nun produciren sich, zwischen durch, geschickte Luftgymnastiker mit ihren famosen Salti mortali. Ist nun dieses Charivari auf dem Gipfelpunkte angelangt, so verschwindet mit einem Schlage das ganze Gewühl von der Bühne und es kommt dafür von der anderen Seite ein als Frau verkleideter Chinese heraus, welcher eine Liebesscene spielt und von einer Nebenbuhlerin verfolgt wird etc. Frauen und Mädchen dürfen auf den chinesischen Bühnen nicht auftreten.

Während der Vorstellung wurde uns Thee servirt und erhielten wir, wie dies auch im Theehause geschah, kleine, in heisses Wasser getauchte Linnentücher. Mit diesen Tüchern wischen sich die Chinesen Gesicht und Hände ab, weil dies eine kühlende Wirkung haben soll. Durch Vermittlung des Consulatssecretärs wurden wir von einem Polizeimann hinter die Bühne geleitet, wo wir die Schauspieler beim Umkleiden, Rauchen oder Theetrinken fanden. Ich beschenkte jeden der Chinesen, der einen Bühnengeneral dargestellt hatte, mit einem 20 Cents-Stücke (24 kr.), worüber dieselben bei ihrer grossen Anspruchslosigkeit hoch erfreut schienen.

Der Eintritt in das Theater, in welchem man sich nach Belieben in das Parterre oder auf die Galerie an Tischen setzt, kostet per Person einen halben Dollar = 60 kr.

Auf der Heimwanderung zum Schiffe sahen wir noch viele geschminkte Schöne, welche da und dort an den Hausthoren standen, und den Chinesen, aber nie den Europäern, freundliche Gesichter machten.

Am 28. März fuhr ich in die chinesische Hauptverkaufshalle für Seidenwaaren, Laou-Kai-Fook & Comp., Corner of Kiukiang and Hohen Road Nr. 8 and 9, um einige Seidenstoffe auszuwählen. Ich kaufte dort ein sehr schönes, schweres Seidenstoffstück in lichter Orangefarbe, 10 Yards, d. i. circa 9 m lang, um 20 Dollars = 24 fl., dann ein leichtes, blaues Seidenzeug mit Muster in langen Blättern, 15 Yards lang, um 15 Dollars = 18 fl., und endlich 3 Yards eines wunderschönen, lichtblauen Seidenstoffes mit reichen Goldstickereien um 18 Dollars = circa 22 fl. In einer anderen Verkaufshalle erstand ich noch zwei gestickte Seidentheile für Rücken und Brust um anderthalb Dollars und ein Paar von den kleinen, gestickten chinesischen Schuhen um einen halben Dollar.