Am Abend besuchte ich mit dem Secretär und Dr. F. das dortige Theater. Wir verfügten uns in eine Loge, für welche ich 1½ Yen = 1 fl. 80 kr. zu zahlen hatte. Das Theater war in den Logen und im Parterre von Zuschauern angefüllt; überall, auch in den Logen, hatten sich ganze Familien, selbst mit ihren kleinen Kindern, am Boden sitzend, häuslich niedergelassen, und verzehrten, da die Vorstellung 12 Stunden dauert, hier mit den landesüblichen zwei Holzstäben die in kleinen hölzernen Kistchen mitgebrachten, meist aus gekochtem Reis, Wurzeln, Gemüsen und Früchten bestehenden Speisen. Thee, Zuckerwerk und Früchte wurden von Theaterdienern zum Verkaufe herumgetragen. Die Vorstellung im japanischen Theater hat wohl Aehnlichkeit mit jener im chinesischen, wie ich selbe in der Schilderung meines Aufenthaltes in Shanghai beschrieb, doch wird hier viel bescheidener gespielt, kein so entsetzlicher Lärm gemacht, und es kommen auch nicht so täppische militärische Aufzüge und Kämpfe zur Darstellung. Die Scenerie ist weit schöner als in China und ist auch auf Verwechslungen eingerichtet. Bei der Vorstellung, welcher wir anwohnten, wurde mit Rücksicht auf die Zeit der Kirschenblüte, welche in ganz Japan stets gefeiert wird, die Scene in einen reizenden Kirschenbaumblütengarten verwandelt und erschienen Tänzerinnen in Kleidern von der Farbe dieser Blüten und führten mimische Tänze auf. Die einen halben Meter langen und breiten Theaterzettel bringen bildlich einzelne Scenen aus der Vorstellung zur Anschauung.
Am 7. April Nachmittags promenirte ich in der Stadt und kaufte in verschiedenen Läden einzelne Gegenstände zu mässigen Preisen ein.
Die Stadt Kioto unterscheidet sich von Kobe dadurch, dass sie so wie Osaka sehr schmale Strassen hat, ganz in einer Ebene liegt, und sehr weit ausgedehnt ist. Bis zum Jahre 1590, in welchem Jahre die Residenzstadt nach Yedo, heute Tokio genannt, verlegt wurde, war Kioto die Landeshauptstadt. Der alte kaiserliche Palast in Kioto wurde nach einem Brande im Jahre 1854 ganz neu aufgebaut. Ich konnte denselben aber nicht besichtigen, weil hierzu die nöthige Erlaubniss vom Hofstaate in Tokio hätte ertheilt werden müssen und ich zur Einholung derselben keine Zeit mehr hatte.
Am Abend gingen wir in eine Vorstellung, welche nur zur Zeit der Kirschenbaumblüte stattfindet. Da der Zuschauerraum beschränkt ist und die Vorstellung nur eine Stunde währt, so werden die sich andrängenden Leute nur partienweise eingelassen und zuerst in einen Saal geführt, in welchem ihnen Thee und Gebäck servirt wird.
Der Schauplatz gleicht einem kleinen Theater, in welchem die Bühne und zwei sehr ausgedehnte Parterrelogen mit Bäumen und Zweigen der blühenden Kirschenbäume in Wirklichkeit und Bild reizend decorirt sind, und wo man vorerst in den besprochenen Logen etwa 20 Mädchen in allegorischen Kirschenblütenanzügen erblickt. Die Mädchen spielen auf verschiedenen japanischen Instrumenten, unter welchen die Guitarre die Hauptrolle einnimmt, heimatliche Weisen und singen abwechselnd dazu. Nach etwa einer Viertelstunde öffneten sich die Deckel von der beiderseits längs des Zuschauerraumes sich hinziehenden Bodenerhebung, und nun erschienen unter Begleitung der Instrumental- und Vocalmusik, sehr langsam aus dem Unterraume emporgehoben, nach und nach zu beiden Seiten etwa 18 Mädchen in denselben oben beschriebenen Costumen, miteinander durch Kirschenblütenguirlanden verbunden, und bewegten sich, mit diesen Zweigen fächelnd und tanzend, gegen die Bühne. Auf der Bühne wurden dann bei glänzender Beleuchtung und mit Musikbegleitung Tänze mit hübschen Gruppirungen vorgeführt. Die ganze Vorstellung bot eines der reizendsten Bilder, die ich je gesehen habe. Nach beendigtem Theater begaben wir uns in ein Theehaus, wo wir ein Glas japanisches, ganz wohlschmeckendes Bier tranken, und dann ging es heimwärts.
Am 8. April machte ich nach dem Frühstück nochmals einen Rundgang durch die Stadt und besorgte dabei einige Einkäufe.
Ich hatte den Secretär des Gouverneurs schon gestern zum Diner geladen und wiederholte diese Einladung für heute. Da er beide Male unter Vorschützung von dringenden Geschäften meine Einladung dankend ablehnte, so erkannte ich daraus, dass er dies wohl aus Toiletterücksichten thun wolle, weil in den hiesigen Hôtels, sowie in Indien die Gepflogenheit herrscht, zum Mittagstische im Smokinganzuge zu erscheinen. Ich bat ihn nun, bei mir das Tiffin nehmen zu wollen, weil für diese Mahlzeit keine besonderen Bestimmungen für die Kleidung bestehen. Diese Einladung nahm der Secretär mit Vergnügen an und er erschien dann in lichter, europäischer Tracht, die ihn aber nicht gut kleidete.
Nachmittag fuhr ich mit dem Secretär und Dr. F. auf der Bahn ungefähr eine halbe Stunde nach Mukömachi, von wo aus wir einen Spaziergang nach Arashiyama machten. An diesem Orte nimmt ein enges Thal seinen Anfang, welches von einem Flusse durchzogen wird, der im oberen Laufe von Felsen eingeengt wird und dort auch schöne Katarakte bildet. Das Thal war eben mit vielen blühenden Kirschenbäumen, welche bis hoch oben auf den Hügeln standen, allerliebst geschmückt. Wir trafen dort an tausend Japaner an, und so konnte ich mir ihr Volksleben mit Musse betrachten. Die Leute sassen längs des Ufers theils unter den von Theehausbesitzern erbauten freien Dächern auf dem mit Matten bedeckten Boden, theils ganz im Freien auf hergerichteten niederen Platten familienweise beisammen, assen von den in Schachteln mitgenommenen Speisen und tranken dazu Thee, welcher in den Theehäusern sehr billig zu haben ist. Hie und da tranken Schüler höherer Classen auch Saki. Die ganze Unterhaltung war absolut nicht lärmend, und gab es keinen einzigen irgendwie angetrunkenen Japaner. Alles war seelenvergnügt, scherzte und lachte, und freute sich stillvergnügt des Daseins. Eine einzige lärmende, aber ganz kurz währende Kundgebung erfolgte, als wir Europäer bei einem Theehause, in welchem sich japanische Studenten befanden, vorübergingen. Die jungen Leute lachten wohl über unsere, ihnen nicht bekannte europäische Kleidung.
Wir gingen in dem sehr schönen Gebirgsthale aufwärts, bestiegen ein Boot, liessen uns weiter aufwärts, sonach an's andere Ufer führen, besichtigten auch von dieser Seite das Felsenthal, tranken in einem Theehause, in welchem Tische und Stühle vorhanden waren, ein Glas Japanerbier, liessen uns dann auf dem Boot thalab an's andere Ufer bringen, gingen hierauf zur Bahn und kehrten schliesslich sehr befriedigt von diesem Ausfluge heim.
Am 9. April ging ich Vormittags mit den beiden mich hier gewöhnlich begleitenden Herren in die gerade eröffnete Industrie-Ausstellung von Kioto. Es waren daselbst ganz ähnliche Artikel zur Schau gestellt, wie in dem ständigen Bazar von Kobe, nur waren die Preise hier höher gehalten. Was die Kunstarbeiten anbelangt, namentlich Malerei auf Papier oder auf Stoff, Bronze- und Cloisonet-Gegenstände, so überragte hierin die Ausstellung den Bazar von Kobe. Besonders fiel mir ein in Sepia ausgeführtes, ¾ m hohes und ¼ m breites Bild auf, welches in frappanter Naturtreue einen Baum darstellte, in dessen oberen Aesten ein Adler stand. Der Preis des Bildes, welches von einem der ersten Maler in Kioto herrührte, war mit 80 Yen = 96 fl. angegeben. Der Besuch der Ausstellung war zur Zeit, als wir dort waren, seitens der Bevölkerung ein recht mässiger; vielleicht war die Vormittagsstunde die massgebende Ursache hierfür.