Von Vieh- und Geflügelzucht ist in allen jenen Theilen Japans, die ich durchreiste, gar nichts zu sehen, eine merkwürdige Erscheinung, die sich dadurch erklärt, dass die Japaner beinahe nur Fleisch von Fischen essen, auch keine Milch trinken, und dass zum Feldbau keine Thiere benöthigt werden. Nur auf der Insel Yezo soll, wie man mir sagte, Viehzucht betrieben werden. In den Städten verwendet man sporadisch Stiere, welche eine grosse und starke Race zeigen, zum Ziehen von schweren Lasten, und versieht deren Hufe mit Strohschuhen, welche lange Zeit vorhalten sollen.

Die inländischen Pferde, welche eigentlich nur bei der Cavallerie in Verwendung stehen, sind von einer kleinen, elenden Race. Hierüber werde ich noch eingehend, bei meinen Beobachtungen und Studien über das japanische Militär, zu schreiben Gelegenheit haben.

Die Strassen und Wege auf dem Lande befinden sich in einem sehr guten Zustande und werden vorzüglich erhalten, was indess wohl hauptsächlich auf den Umstand zurückzuführen ist, dass dieselben nicht von mit Thieren bespannten Wagen befahren werden. Sowohl auf dem Lande als auch fast ausnahmslos in der Stadt werden die grössten Lasten von Menschen auf zweiräderigen Karren fortgeschafft.

Nach zweistündiger Eisenbahnfahrt waren wir glücklich in Nara eingetroffen. Nara war durch etwa hundert Jahre — im 7. Jahrhundert n. Chr. — die Hauptstadt des Landes gewesen, jetzt verdankt es seine Berühmtheit einem auf dem Berge stehenden, bei den Japanern sehr hoch gehaltenen Tempel, welcher von einem sehr ausgedehnten Wildparke eingeschlossen ist, in dem sich von den Einheimischen für heilig angesehene Hirsche befinden. Dorthin begaben wir uns zuerst; unser Weg führte uns an uralten Bäumen vorüber, die oft einen Umfang von 12 m und eine immense Höhe haben, wenn sie nicht, wie dies bei manchen solchen Bäumen der Fall ist, altershalber im oberen Theile abgestorben und abgebrochen sind. Der Weg war von steinernen, ungefähr 2 m hohen Säulen, die ein Häuschen mit japanisch geformtem Steindache tragen, und welche in gewissen Distanzen von einander entfernt standen, beiderseits umgeben. Diese Häuschen sind bestimmt, Lichter aufzunehmen, welche an gewissen Festtagen angezündet werden.

Wir begegneten auf unserer Wanderung vielen Rudeln von Hirschen, welche sämmtlich ganz zahm waren, und welche die eigens für sie erzeugten Kuchen, die stellenweise zum Verkaufe angeboten wurden, ganz ungescheut aus der Hand annahmen. Nach einer approximativen Schätzung mag ich sicher hundert Hirsche, Thiere und Kälber gesehen haben.

Der auf der Bergesspitze erbaute Tempel imponirt durch Grossartigkeit und Schönheit, und hat neben sich einen Glockenthurm mit einer Riesenglocke; sonst gleicht er ganz den anderen Tempeln, wie ich dieselben bereits beschrieben habe.

Die Einheimischen, welche in diesen Tempel gehen, werfen auf den Boden vor dem Gotte, den sie für ihre Wünsche geneigt machen, oder vor jenem, dessen Zorn sie abhalten wollen, Kupfermünzen in einer gewissen Anzahl hin, ein Cultus, den ich übrigens schon in den meisten anderen Tempeln ebenfalls wahrgenommen hatte.

Nach der Besichtigung des Tempels kehrten wir in ein bei dem nahe gelegenen Orte Musashino befindliches Gasthaus ein, wo sowohl europäische als japanische Speisen zu haben sind. Ich bat den Secretär, für uns ein Tiffin zu bestellen, und so erhielten Dr. F. und ich je eine Eierspeise, Schnitzel mit Salat und Käse nebst Bier, während mein japanischer Begleiter für sich einen rohen Fisch mit der dazu gehörigen Sauce und Saki bestellt hatte. Nachdem ich der Wirthin die sehr mässige Rechnung ausgezahlt hatte, gab sie mir, wie dies in den Gasthäusern auf dem Lande allgemein der Brauch sein soll, ein kleines Andenken, und zwar in der Gestalt einer sehr gut hergestellten Photographie ihres Etablissements. Auf dem Rückwege zur Bahnstation kaufte ich in den nahe dem Tempel aufgestellten Verkaufshallen mehrere grössere Bronzefiguren und eine Menge von originell geformten Haarnadeln.

Wenn auch die bevorstehende Eisenbahnfahrt von Kioto nach Yokohama einen ganzen Tag in Anspruch nahm, so miethete ich mir hierfür dennoch keinen japanischen Diener, sondern traf nur die Vorsorge, dass uns die für einen Tag nöthigen Trink- und Esswaaren mitgegeben werden, weil auf der ganzen Strecke keine europäisch eingerichteten Bahnhofrestaurationen existiren. Es wurde mir zwar gerathen, meine Fahrt um ungefähr 1 Uhr Mittag bei Nogaya zu unterbrechen, wo man ein europäisch eingerichtetes Hôtel antrifft, und am nächsten Tage von da aus nach Yokohama zu reisen. Da mir aber diese Umsiedlung in Nogaya von der Bahn zum Hôtel und am nächsten Tag von dort zur Bahn sehr unangenehm erschien, so entschloss ich mich, die Fahrt Kioto-Yokohama in einer Tour zu machen.