Am 11. April Früh zahlte ich meine Hôtelrechnung aus, welche im ersten Hôtel in Kioto sehr mässig war. Für Sitz- und Schlafzimmer sammt der sehr guten Verpflegung rechnete man pro Tag nur 5 Yen = 6 fl. auf. Für Getränke, zwei Einladungen, Mundvorräthe für die Eisenbahnfahrt nach Yokohama und Trinkgelder hatte ich während meines fünftägigen Aufenthaltes 18 Yen = 21 fl. 60 kr. verausgabt.
C. Die Eisenbahnfahrt von Kioto nach Yokohama.
Die Rikschafahrt und der Transport meiner Bagage zum Bahnhofe, die Entlohnung des Hôteldieners, die Eisenbahnkarte erster Classe, sowie die Frachtgebühr für meine Effecten von Kioto nach Yokohama, einer Route von 14 Stunden, belief sich nicht höher als auf 15 Yen = 18 fl. ö. W.
Zum Abschiede hatte sich noch der Gouverneurssecretär Kobayaski im Nationalcostume im Hôtel eingestellt. Ich dankte ihm bestens für seine freundliche Führung und Begleitung während meines Aufenthaltes in Kioto, und gab ihm als Andenken meine mit einer entsprechenden Dedication versehene Photographie. Sodann begleitete er mich noch bis zur Bahn, gab seiner Freude Ausdruck, mir als Wegweiser haben dienen zu können, und dankte nochmals für das ihm gespendete Bild. Dieser Secretär hatte sich in früheren Jahren bei der Führung weiland unseres Herrn Kronprinzen und später des Herrn Erzherzogs Franz Ferdinand hervorgethan, und wurde dafür mit dem goldenen Verdienstkreuze mit der Krone und mit einer schönen Cravattennadel, welche die kaiserlichen und königlichen Initialen in Brillanten zeigt, ausgezeichnet.
Bei meiner Abreise musste ich abermals meinen Pass vorzeigen. Der Waggon erster Classe, in welchem ich mit Dr. F. untergebracht wurde, bestand aus zwei Reihen längs der Fenster sich hinziehenden gepolsterten und mit Leder überzogenen, einen halben Meter breiten Bänken, zwischen welchen sich ein 1¼ Meter breiter Gang befand. In demselben Waggon trafen wir am äusseren Ende ein junges und ein älteres englisches Ehepaar, das letztere mit einer Tochter, und am Eingange einen Japaner in mittleren Jahren mit seiner wenig schönen Frau und mit noch zwei älteren Japanerinnen an. Dr. F. und ich nahmen nebeneinander in der Mitte des Waggons näher den Engländern Platz. Die Aussicht, auf diesen Marterbänken in einem nichts weniger als reinen Wagen 14 Stunden lang ausharren zu müssen, war eben nicht sehr erquicklich. Um mir die Zeit zu kürzen und die Unbehaglichkeit ein wenig zu vergessen, begann ich mit der Fortsetzung meines Tagebuches, das einigermassen im Rückstande war, und dachte auf diese Art, wie durch die Besichtigung der Gegend, durch Lectüre und Conversation mit Dr. F. diese fatale Eisenbahnfahrt tant pis que mal überstehen zu können. Leider gestaltete sich aber die Sache ganz anders. Nach etwa drei Stunden bestiegen in irgend einer Station mehrere Japaner mit Koffern, Rollen, Bünden von Wein- und Bierflaschen unseren Waggon und richteten sich da häuslich ein. Der grösste derselben trug europäische Kleidung mit langem Gehrock und schien ein hoher Beamter zu sein, weil auf dem Bahnhofe vor dem Waggon, den er bestieg, sehr viele Japaner und Japanerinnen in Seidencostumen und auch japanische Officiere standen, und dem Abreisenden ihre Ehrfurcht bezeigten, welche sich besonders bei der Abfahrt durch tiefe Verneigungen kundgab. An dem entfernten Flügel der zum Abschiede vereinten Gesellschaft stand eine Anzahl von japanischen Polizeisoldaten in Reih' und Glied und grüssten militärisch bei der Vorbeifahrt des beschriebenen Japaners. Derselbe hatte einen Secretär bei sich, welcher gleichfalls europäisch gekleidet war. Der Secretär begann nun die Rollen zu öffnen und Plaids herauszunehmen, welche auf die Bank ausgebreitet wurden, dann stellte er auf den Boden eine kleine Theekanne und Schalen sammt Schnellsieder auf und bereitete hier den Thee.
Die eingetretenen Japaner hatten uns so gegen die Engländer zusammengedrängt, dass wir gar keinen freien Raum zwischen uns mehr hatten, während sie selbst sich Platz zum Niederlegen freiliessen. Nun war es mit dem Schreiben meines Tagebuches vorbei, und ich blieb darauf angewiesen, die recht monotone Gegend zu betrachten oder mich mit Lectüre oder Conversation zu beschäftigen. Aber auch diese Zerstreuung wurde mir durch das Benehmen der Japaner, die doch in der ersten Classe fuhren, ganz vergällt. Abgesehen von der Theebereitung war ihr Verhalten ein unglaubliches, welches sich durch Pfeifen, durch lautes, dröhnendes Gähnen, Ausziehen der Schuhe u. s. w. kundgab. Und Alles dies geschah in Gegenwart der höchst ladyliken englischen Damen, doch die Japaner schienen keine Ahnung davon zu haben, wie unschicksam sie sind. Den Engländerinnen sei es zur Ehre gesagt, dass sie alle diese Ausschreitungen unbeachtet liessen und hiervon weiter nicht Notiz nahmen.
Wieder eine Stunde mochte vergangen sein, als eine sehr alte Japanerin mit einem Manne von etwa 40 Jahren, vermuthlich ihrem Sohne, in unseren Waggon kam und mir gegenüber Platz nahm. Die Frau war in einfachster japanischer Tracht, ihr Begleiter europäisch gekleidet; sie selbst setzte sich nach japanischer Sitte mit unterschlagenen Füssen auf die Bank. Als dies geschehen war, sagte der Secretär seinem Vorgesetzten etwas in's Ohr, wahrscheinlich nannte er ihm den Namen der alten Frau und ihres Sohnes, worauf der erwähnte Dignitär aufstand und sich zuerst vor der alten Frau und dann vor ihrem Begleiter mit dem Oberleibe ganz tief hinunter verbeugte, was hierauf auch der Secretär that. Der Dank der alten Japanerin bestand darin, dass sie in sitzender Stellung ebenfalls ein tiefes Compliment machte und hierzu ihre Hände auf dem Sitze aufstemmte; ihr Sohn erwiderte den ihm dargebrachten Gruss in ganz gleicher Weise, wie er ihn empfangen hatte. Unzweifelhaft gehörten Mutter und Sohn dem hohen Geburtsadel an, der in Japan in grossem Ansehen steht. Die Begrüssungsform kam sowohl dem Dr. F., wie mir höchst komisch vor, doch liessen wir, selbstredender Weise, dies absolut nicht merken. Um die Mittagszeit packten alle Japaner ihre in flachen Schachteln eingepackten Esswaaren aus, welche vornehmlich aus gekochtem Reis, Wurzeln und dergleichen mehr bestanden, und verzehrten dieselben in der bekannten landesüblichen Art. Auch die mitgebrachten Bier- und Weinflaschen wurden hierbei ausgeleert. Auch wir Beide nahmen unser bescheidenes Mahl zu uns und konnten dann sehen, wie sich die Japaner nach ihrer Mahlzeit, wenn auch zusammengekauert, zum Schlafen niederlegten. Die Engländer folgten dem Beispiele der Eingeborenen und machten sich auf dem Fussboden ihren Thee zurecht. Nach dem Essen war der Boden des Waggons mit Kistchen, Flaschen, Theekannen und Schalen ganz bedeckt, weil es keinem Japaner einfiel, seine Sachen wegzuräumen und den Gang freizuhalten. Wollte man in einer Station mit etwas längerem Aufenthalte ein wenig aussteigen, so musste man über alle diese Gegenstände wie eine Balleteuse hinüber hüpfen, eine wahrlich nicht leichte Aufgabe. Nachmittags schliefen die Japaner um die Wette und führten ein ganzes Schnarchconcert auf. Am anständigsten war zweifelsohne das Benehmen der alten Frau und ihres Sohnes. Dieselbe blieb fortwährend mit unterschlagenen Beinen auf der Bank sitzen und wendete nur hie und da den Oberkörper um, was wohl Niemandem lästig fiel.
Was die Gegend anbelangt, welche wir durchfuhren, so war ich vorerst sehr enttäuscht bei dem Anblicke des Biwa-Sees, den die Japaner als eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges rühmen, welcher aber weit hinter allen unseren heimatlichen Gebirgsseen zurücksteht. Späterhin sah man zu beiden Seiten der Bahn nur bebaute Felder und im Norden auf weitere Entfernung hin bewaldete Berge. Hierauf gelangten wir in die Nähe des Meeres, längs dessen Ufer wir dann, auf sehr vielen und mitunter sehr langen Eisenbahnbrücken viele breite Flüsse und Rinnsale übersetzend, bis nach Yokohama fuhren. Eine sehr erwünschte Zerstreuung bot der Anblick des nördlich gelegenen, 12.000 Fuss hohen Fugyiberges, welcher, alle anderen Berge weit überragend, schon von Ferne sichtbar ist, bis er sich später in seiner Riesengestalt, aus der Ebene aufsteigend, zeigt. Es ist ein feuerspeiender Berg, dessen letzte Eruption im Jahre 1708 stattfand. Der Blick auf diesen gewaltigen Riesen ist wahrlich einzig in seiner Art.
Als nach 6 Uhr Abends die Dunkelheit anbrach, verzehrten wir noch den zweiten Theil unseres frugalen Mittagessens und warteten hierauf Gott ergeben und geduldig die Ankunft in Yokohama ab.
Diese ganze Eisenbahnfahrt war für mich eine wahre Pein; sie brachte mir aber doch den Anlass, einen Einblick in das innere Leben der Japaner und dazu noch der besseren Gesellschaft zu gewinnen. Das, gelinde gesagt, der guten Sitte sehr wenig entsprechende Benehmen derselben beweist recht drastisch den Mangel an wirklicher Civilisation. Mit Anerkennung und mit aufrichtigem Dankgefühle muss ich noch erwähnen, dass Dr. F. das Möglichste that, um mir die Beschwerlichkeiten der Reise erträglicher zu machen.