D. Aufenthalt in Yokohama.
Bei meinem Ankommen in die Stadt um 10 Uhr Abends erwartete mich am Bahnhofe ein Diener des dortigen Grand Hôtel, der mir einen Rikscha besorgte, und die Ueberführung meiner Bagage in das Hôtel vermittelte. Eine ausgiebige Nachtruhe war nun für mich ein grosses Bedürfniss.
Am 12. April begab ich mich um 11 Uhr Vormittags zu unserem dortigen Consul v. F., welcher auf dem Bluff (Anhöhe) eine reizende Villa mit Nebengebäuden und Garten bewohnt. Nach erfolgter Begrüssung lud mich der Consul ein, während der Zeit meines Aufenthaltes in Yokohama bei ihm zu wohnen und sein Gast zu sein; ich nahm natürlich diesen so liebenswürdigen Antrag dankbarst an, und kehrte nun in das Grand Hôtel zurück, um die Ueberführung meines Reisegepäckes in das Consulatsgebäude anzuordnen.
Im Grand Hôtel beträgt der Preis für ein Zimmer sammt Verpflegung täglich 8 Yen = 9 fl. 60 kr. Es sind aber in Yokohama noch andere, im europäischen Stile geführte Hôtels, welche weit billiger sind, z. B. das Club Hôtel, welches eine sehr schöne und angenehme Lage innerhalb der Hauptverkehrslinie am Meeresstrande hat.
Ich machte abermals, meinem Vorsatze getreu, einen Ankauf von 80 Ansichtskarten sammt Marken zum Preise von 8 Yen = 9 fl. 60 kr. und fuhr hierauf in die Villa des Consuls, wo mir ein allerliebstes Zimmer zur Verfügung gestellt wurde, in welchem ich mich in behaglichster und comfortablester Weise zurecht machte. Die Villa ist reizend gelegen und bietet eine herrliche Aussicht auf den unten liegenden Stadttheil und auf das Meer. Ihre schöne Einrichtung wetteifert mit der praktischen Eintheilung. Im Halbgeschosse befinden sich die Kanzleiräume, zwei Sitzzimmer, ein Salon und ein grosses Speisezimmer, und im ersten Stocke ist der Platz für Schlaf-, Fremden- und Badezimmer verwendet. Küche und Dienerschaft sind im Nebentracte untergebracht. Im Garten gibt es einen hübschen Tennisplatz, und jenseits des Gartens liegt das Stallgebäude, in dem die drei Reitpferde des Consuls stehen, woran sich die Wagenremise und ein Zimmer für das Stallpersonal anschliessen.
Am 13. April wurde in Tokio ein grosses und interessantes Fest gefeiert, nämlich das vom Kaiser von Japan (Mikado) alljährlich gegebene Kirschenblüten-Parkfest, zu welchem alle fremden Vertreter mit ihren Damen, die ersten Staatswürdenträger und die vornehmsten Familien des Landes geladen waren. Durch die Liebenswürdigkeit unseres Geschäftsträgers in Tokio hatte ich auch eine Einladung zu diesem Parkfeste erhalten, und fuhr daher an diesem Tage mit dem Consul mit Benützung eines Vormittagszuges nach der, eine Stunde entfernten japanischen Hauptstadt. Von dem dortigen Bahnhofe begab ich mich sofort auf die k. u. k. Gesandtschaft, welche sich nahe dem kaiserlichen Palais auf einem, eine hübsche Aussicht gewährenden Hügel befindet. Das Gesandtschaftshôtel ist nach Bauart und innerer Einrichtung sehr vornehm und von einem grossen Garten umgeben, in welchem sich auch die Villa des Gesandtschaftssecretärs und weiter ab die Nebengebäude für die Dienerschaft und der Tennisplatz befinden. An der Grenze des Gartens stehen die Stallungen, Schupfen und Unterkunftsräume für das Stallpersonal.
Sofort nach dem Tiffin fuhren wir in zwei Equipagen zur kaiserlichen Residenz. Dort waren an den Eingängen und längs des Weges bis zur Versammlungsstelle der Gäste Wachen und reich gallonirte Lakaien aufgestellt. Der Park mit seinen vielen alten Bäumen, darunter eine grosse Menge von Kirschenbäumen der blütenreichen Gattung, seinen Zierpflanzen und Blumen, seinen Teichen und sorgsam gehaltenen Bächen macht einen ebenso hübschen als vornehmen Eindruck. Der Versammlungsort der Eingeladenen bot ein fremdartiges und fesselndes Bild. Bunt gemengt zwischen den Europäern sah man die Japaner und Japanerinnen, sämmtlich in europäischer Kleidung, sowie die japanischen Generale und sonstigen höheren Officiere in ihren Uniformen. Man merkte es aber den einheimischen Damen häufig an, dass sie sich in unserer Tracht nicht recht heimisch fühlten. Sehr eigenthümlich sahen bei dieser Adjustirung die Complimente aus, welche die einheimischen Damen in japanischer Weise mit einer tiefen Verbeugung des Oberleibes ihren Bekannten machten, eine Begrüssungsart, welche zur europäischen Kleidung wohl nicht passt. Unser zuvorkommender Geschäftsträger v. G. liess es sich angelegen sein, mich nach Möglichkeit den hohen Civil-Würdenträgern, Marschällen und Generalen vorzustellen, und ich habe an Jeden einige englische oder französische Worte gerichtet.
Plötzlich wurde gezischt zum Zeichen, dass sich die Majestäten mit ihrem Hofstaate nähern. Die Gäste bildeten eine Gasse, durch welche der Kaiser voraus, dann zehn Schritte hinter ihm die Kaiserin und wieder nach zehn Schritten der Hofstaat — alle europäisch gekleidet — gegen den weiter im Innern gelegenen, sehr geräumigen Pavillon schritten. Der Mikado ist mittleren Alters, ziemlich wohlbeleibt, und hat einen etwas schleppenden Gang; die Kaiserin ist fast klein zu nennen, zeigt Geist in ihrem Ausdrucke und Anmuth in ihrer Erscheinung. Dem Hofstaate schlossen sich dann die Gäste an, und ich hatte auf dem Wege zum Pavillon noch vollauf Gelegenheit, die schönen Anlagen des Parkes und die Pracht der in vollen Blüten entwickelten herrlichen Kirschenbäume zu bewundern.
Sofort beim Erscheinen der Majestäten intonirten die im Parke vertheilten Militär-Musikcapellen die japanische Volkshymne, welche so lange fortgesetzt wurde, bis Kaiser und Kaiserin zum Pavillon gelangt waren. Dieser Pavillon bestand aus einem sehr langen und breiten Raum, in dessen Mitte, etwas weiter zurückstehend, sich ein grosser Saal befand, in welchem die Majestäten mit dem Hofstaat Aufstellung nahmen, und den zu ihnen herangerufenen Personen Audienzen ertheilten. In den Gängen des Pavillons waren kleine Tische, Sessel und ein Buffet aufgestellt.
Der Geschäftsträger wollte mir ebenfalls eine Audienz verschaffen, erhielt aber von dem Obersthofmeister die Mittheilung, dass mich die Majestäten in Privataudienz empfangen werden, dass ich aber hierzu in Uniform zu erscheinen habe. Nachdem die Audienzertheilungen beendet waren, gingen die Majestäten mit ihren Suiten an das eine Ende des Ganges und liessen sich dort an dem für sie hergerichteten Tische nieder, worauf sich die Gäste an den übrigen Tischen vertheilten. Nun wurde das Goûter servirt, welches aus kalten Speisen, Süssigkeiten, Obst und Champagner bestand. Das Serviren wurde in guter und prompter Weise von den Lakaien besorgt, aber auch die hohen Würdenträger, Minister u. s. w. machten den fremdländischen Gästen die Honneurs und präsentirten ihnen verschiedene Platten. Während des Goûters executirten die Musikcapellen europäische Tonstücke.