E. Aufenthalt in Tokio.
Am 17. April nahm ich von Yokohama und meinem liebenswürdigen Gastgeber Abschied und machte die glücklicherweise recht kurze Reise nach Tokio. Bei meiner Ankunft in der japanischen Landeshauptstadt hatte der österreichisch-ungarische Geschäftsträger die grosse Aufmerksamkeit, mich am Bahnhofe abzuholen und mich in Begleitung seiner charmanten Gemahlin nach dem Gesandtschaftshôtel zu führen, wo ich, seiner Einladung gemäss, mein Absteigequartier nahm. Ich erwähne gerne diesen Umstand, weil er einen erfreulichen Beweis dafür bietet, wie ausserordentlich zuvorkommend sich unsere Vertretungsbehörden in jenen so weit entlegenen Ländern ihren Landsleuten gegenüber erweisen. An demselben Tage noch stattete ich in Begleitung unseres Vertreters den verschiedenen officiellen japanischen Persönlichkeiten Besuche ab. Ganz flüchtig will ich bemerken, dass sich zur Zeit fast alle hohen japanischen Würdenträger im Besitze von europäischen Adelstiteln befinden. Diese Einrichtung rührt erst von dem jetzt regierenden Mikado her, während früher nur die ältesten und grössten Familien den Titel »Daimo« (Fürst) inne hatten; diese Familien stehen auch heutzutage noch bei den Japanern in grösstem Ansehen.
Am 18. April machte ich mit Rikscha eine Spazierfahrt durch die Stadt. Die Adjustirung der zum Ziehen des Wagens bestimmten zwei Leute bestand aus einer Kopfbedeckung, deren weisser flacher Deckel nach innen zu ein leichtes Rohrgestell hat, welches den Kopf frei erhält, dann aus einem Wollhemd, einer blauen Blouse und einer Art von Leinenschwimmhose. Der eine der beiden Rikschas lief in der Wagengabel, und der andere zog den Wagen zwei Meter voraus an einem Stricke, welchen er über eine Schulter und die Brust geschlungen hatte. Ich begab mich in meinem Gefährte sodann zu dem Bazar, wo ich die verschiedenen Kaufläden aufmerksam musterte. Dieser Bazar steht indess hinter jenem in Kobe entschieden zurück, sowohl was die Menge als auch die Qualität der Waaren betrifft.
Nach dem Tiffin setzte ich in dem mit Pferden bespannten Wagen des Geschäftsträgers meine Besuche von Tags zuvor fort.
Bei diesem Anlasse möchte ich einige Worte über die japanischen Privatwagen und über die eigenthümliche Aufgabe sagen, welche den Bedienten bei den dortigen Equipagen zufällt. Die Wagen sind nach europäischem Muster, aber, mit wenig Ausnahmen, nicht sehr elegant gebaut; Kutscher und Bediente haben dann und wann goldbetresste Cylinder und auch mit Wappenknöpfen versehene Livréen, doch in der Mehrzahl der Fälle sieht man dieselben in einer kleidsamen japanischen Tracht. Der japanische Bediente schwingt sich, bevor der Wagen zu einer Wendung, zu einer Kreuzung des Weges oder in's Gedränge kommt, während des Trabfahrens von demselben herunter, läuft vor dem im Trab weiterfahrenden Wagen voraus, um den Weg freizumachen, oder um dem Kutscher ein Zeichen über entgegenkommende Hindernisse zu geben, läuft dann noch so lange mit den Pferden, bis dieselben wieder vollkommen freie Bahn haben, und springt sonach auf den Bock oder auf den Rücktritt hinauf. Dieses Auf- und Abschwingen, sowie das Mitlaufen der Bedienten wiederholt sich bei der Fahrt so häufig, dass dieselben sicher ein Drittheil, wenn nicht die Hälfte des ganzen Weges zu Fuss zurücklegen.
Bei Galafahrten der hohen japanischen Persönlichkeiten laufen etwa 20 Schritte vor den Pferden zwei, vier bis sechs Vorläufer voraus.
Am 19. April fuhr ich Vormittags abermals in den Strassen der Stadt herum, um ein richtiges Bild von derselben zu erhalten.
Tokio, die Hauptstadt Japans, hat gegen zwei Millionen Einwohner, nimmt einen Flächeninhalt von 250 km² auf gewelltem und von Wasserläufen durchzogenem Terrain ein und hat einen Umfang von 65 km. Diese riesenmässige Ausdehnung kommt hauptsächlich daher, weil der kaiserliche Palast mit seinen Nebengebäuden und seinem Parke einen Flächeninhalt von etwa 8 km² hat und in der Mitte der Stadt liegt, weil sich überhaupt sehr viele Paläste mit ausgedehnten Gärten im Weichbilde der Stadt befinden, und weil beinahe sämmtliche Häuser nur ein Stockwerk hoch sind. Die Stadt ist elektrisch beleuchtet, von Pferde- und elektrischen Bahnen durchzogen, und besitzt ein sehr umfangreiches Telegraphen- und Telephonnetz. Die grossen Verkaufshallen trifft man vereint nur in der Strasse Naka döri und dann in den mit derselben parallel laufenden Strassen Kyöbashi und Nihonbashi an, — mehrere andere liegen zerstreut in den übrigen Stadttheilen. Bei dem Umstande, als in Tokio weit weniger Kaufleute etwas Englisch sprechen als in Kobe und Yokohama, und dieselben auch für die Fremden die Preise viel höher ansetzen als in den genannten beiden anderen Städten, so ist es rathsamer, die Haupteinkäufe nicht in Tokio zu machen. Mit Rücksicht auf die so grosse Ausdehnung der Stadt ist die Besichtigung der vielen Sehenswürdigkeiten nur mit einem bedeutenden Zeitaufwande möglich, und so musste ich zu meinem grossen Bedauern, bei meinem nur auf zehn Tage bemessenen hiesigen Aufenthalte, darauf verzichten, mir Alles gründlich anzusehen. Besonders leid that es mir, dass ich nicht dazu kam, in den grossen Ueno-Park (mit dem darin befindlichen Landesmuseum) und in den botanischen Garten zu fahren.
Auf meinen vielen Wanderungen und Fahrten durch die Stadt fesselte manches schöne und ganz im modernen Stile erbaute Palais meine Aufmerksamkeit; von diesen Palästen dienen viele öffentlichen Zwecken.
Nach dem Tiffin holte mich der Interprête der Gesandtschaft ab, um mich in das Militärmuseum zu geleiten, welches mit der Bahn in etwa 20 Minuten zu erreichen ist. Das Museum ist in einem nicht sonderlich grossen Gebäude untergebracht, welches in einem durch seinen Baumwuchs interessanten Garten liegt. In den betreffenden Sälen gab es viel altes Rüstzeug, und zwar fratzenhafte Gesichtsvisire und Kopfhelme, schwerfällige, aber schön gearbeitete Brust- und Rückenpanzer, Schwerter, Speere, Keulen u. s. w.; dann waren altartige Schiesswaffen aller Art aufgespeichert, neben welchen koreanische Bronzekanonen standen, und den Schluss bildeten sehr viele, im letzten Kriege eroberte chinesische Kanonen, Gewehre und Fahnen. Diese chinesischen Waffen zeigen in ihrem Material und ihrer Construction die entsetzliche Vernachlässigung der Wehrmacht im chinesischen Reiche. Die Gewehre und Kanonen gehören meist ganz verschiedenen und veralterten Systemen an; da sieht man Gewehre, deren Läufe durch die abgegebenen Schüsse stellenweise ganz ausgeweitet und auch zersprungen sind, und dort erblickt man Kanonen von ganz unglaublichen Formen, von schlechtem Material und noch schlechterer Erzeugung. Ein Krieg gegen eine mit solchen Waffen ausgerüstete Armee muss dem Gegner, wenn er nur halbwegs gut und gleichmässig bewaffnet ist, zum Siege verhelfen. In einem Saale dieses Museums prangen die in Lebensgrösse ausgeführten Oelgemälde aller hohen japanischen Officiere, welche den letzten Krieg gegen China mitgemacht haben.