In dem an das Museum sich anschliessenden Garten steht der sehenswerthe Shökonsha-Tempel, von dem aus man in der Vogelperspective einen grossen Theil von Tokio überblickt. In unmittelbarer Nähe hieran dehnt sich der hauptstädtische Rennplatz aus, von welchem eine breite Strasse zu einem freien Platz führt, der eine grosse Bronzestatue eines berühmten japanischen Patrioten schmückt. Es ist das erste Mal, dass hier zu Lande einem verdienten Manne ein Monument errichtet wurde.
Das Diner nahm ich bei dem Obersthofmeister der Kaiserin, Grafen K., ein, zu welchem auch unter anderen Gästen ein katholischer Geistlicher zugezogen war — gewiss ein schönes Zeichen von Toleranz und fortschrittlicher Denkungsart. Der Graf bewohnt ein sehr elegant eingerichtetes Palais, welches im europäischen Stile montirt ist. Er besitzt zwei Töchter, von welchen die ältere die Obersthofmeisterin der Kaiserin ist und im Hause ihres Vaters die Frau des Hauses repräsentirt, nachdem ihrer Mutter Gesundheitszustand es schon seit langer Zeit nicht zulässt, sich in Gesellschaften zu zeigen. Der Ton während des ganzen Abends war ein durchaus sehr feiner und den europäischen Anschauungen nach vollständig angemessen, und ebenso waren Dienerschaft, Einrichtung, Service und das Diner nach europäischem Geschmacke sehr gut hergerichtet. Ich hebe dies besonders hervor und lasse auch die Beschreibung des Diners folgen, weil ich im Gegensatze zu den Erfahrungen, welche ich auf den Eisenbahnen gemacht habe, doch auch nachweisen muss, dass in vielen hohen Kreisen die gute Sitte und die Civilisation in bester Weise eingedrungen ist.
Das Speisezimmer des Grafen K. reiht sich den anderen Salons würdig an. Die Tafel war im europäischen Geschmack prachtvoll gedeckt und mit kunstvollem Porzellan, Glas, wappengeschmückten Silber- und Goldbestecken, Goldschüsseln und in der Mitte mit einer Jardinière ausgestattet, welche mit den blütenreichen Zweigen des japanischen fruchtlosen Kirschenbaumes derart umwunden war, dass dieselben den Eindruck machten, aus der prächtigen Vase herausgewachsen zu sein. Im Verlaufe des Diners folgte noch ein zweites Porzellanservice von wundervoller alter Arbeit, welches jeden Kenner entzücken musste. Zum Schlusse der Mahlzeit wurde als kleine Aufmerksamkeit für mich ein alter Tokayerwein servirt. Beim schwarzen Kaffee und einer guten Cigarre besah ich mir noch eingehend die vielen Kunstschätze, die allenthalben aufgespeichert waren. Graf K. zeigte mir auch mit sichtlichem Vergnügen eine ziemliche Anzahl Photographien von unseren Majestäten und von anderen erlauchten Mitgliedern unseres Kaiserhauses, welche Bilder in seinem Besitze sind. Den Schluss des Festes bildete ein recht unterhaltendes kleines Gesellschaftsspiel mit französischen Karten, welches bis gegen Mitternacht währte.
Am 20. April begegnete ich Vormittags bei einer Spazierfahrt verschiedenen Infanterie- und Cavallerie-Abtheilungen. Die Adjustirung des japanischen Militärs ist gut, nett und rein. Die Infanterie zeigte gute Haltung und stramme Disciplin, die Cavallerie konnte mir aber in keiner Hinsicht gefallen, denn der einheimische Pferdeschlag ist elend, die Pferde sind klein, schwerfällig und ganz ohne Energie. Dieselben können daher auch unmöglich nur zu halbwegs brauchbaren Cavalleriepferden abgerichtet werden, und dies umsoweniger, als die Japaner absolut kein Reitervolk sind, und dermalen, was Sitz, Führung und Einwirkung anbelangt, sehr Vieles zu wünschen übrig lassen.
Ich überlegte nun, welche Race von Pferden zur Hebung der Pferdezucht in Japan wohl am besten und zweckdienlichsten wäre, und kam nach Erwägung aller einschlägigen Factoren zu dem Resultate, dass eine wirkliche und gedeihliche Aufbesserung der hiesigen Pferde am ehesten durch unsere Lipizzaner erzielt werden könnte. Die Begründung hierfür ist eine gegebene und einleuchtende. Die Lipizzaner stehen an Grösse einigermassen dem japanischen Pferde näher als andere Racen; sie sind sehr gut gebaut und fundamendirt, ausdauernd und zähe, an heisse Sommer gewöhnt und besitzen vor Allem im hohen Grade die Energie, welche dem hier einheimischen Pferdeschlage noththut.
Gegen Abend besichtigte ich in Gesellschaft von Bekannten einen Theil der Stadt, wo in hell erleuchteten Strassen die ebenerdigen Fronten der Häuser gegen die Strassenseite mit Holzstäben abgeschlossen sind, hinter welchen sich japanisch eingerichtete Salons zeigen. Längs der Wände dieser Salons sitzen auf Polstern nebeneinander junge japanische Mädchen, mehr oder weniger hübsch, aber jedenfalls sehr reich gekleidet, welche den Vorübergehenden zur Schau ausgestellt sind. Die in diesen käfigartigen Kammern eingeschlossenen Mädchen sehen meist unschuldig in die Welt hinaus, wobei sie aus ihren kleinen Tabakpfeifchen rauchen, oder mit Zuhilfenahme des Toilettetäschchens, welches jede Japanerin stets bei sich führt, ihren Teint mit Puder, die vorderen Theile der Lippen mit Purpur oder das Haar mit einem kleinen Kamme zurecht richten. In diesen, uns Europäer wohl höchst fremdartig und seltsam berührenden Strassen wanderte ich wohl eine Stunde lang herum, reichte hin und wieder den Mädchen durch das Gitter kleine Cigarettenschachteln, und lernte da einen Theil des japanischen Volkslebens kennen, von welchem wir uns in Europa keinen Begriff machen können. Es ereignet sich nicht selten, dass solche Mädchen von ihren Liebhabern aus diesen Häusern losgekauft und dann geheiratet werden, ja es wurde mir erzählt, dass sogar japanische Officiere mitunter sich hier ihre Gattin aussuchen. Das würde nur klar beweisen, dass in Japan die Begriffe von unserer christlichen Moral gänzlich fehlen, und dass in diesem Punkte die Civilisation noch sehr im Argen liegt.
Am 21. April ging ein ziemlich starker Regen nieder, und ich benützte den Vormittag gerne dazu, um Notizen über die vergangenen Tage zur Fortsetzung meines Tagebuches einzutragen. Ausserdem schrieb ich an die mir vielseitig gerühmte Verkaufshalle von Kuhn & Cie., eines Wieners, in Yokohama, er möge mir eine Collection seiner Waaren, welche sich zu Geschenken eignen, im Gesammtwerthe von 100 Yen = 120 fl. zusammenstellen, damit ich dieselben in nächster Zeit besehen und eventuell kaufen könne. Auch sandte ich ein Schreiben an die Agentie der Messagerie maritime in Yokohama ab, um mir auf dem am 27. April von dort nach Kobe verkehrenden Dampfschiffe einen Platz erster Classe reserviren zu lassen, eine Vorausbestellung, welche aus dem Grunde nöthig erschien, weil diese Dampfschiffe oft nicht alle eintreffenden Passagiere aufnehmen können.
Für Nachmittag hatte ich den Besuch der landwirthschaftlichen Universität in Komaba in Aussicht genommen, um dieselbe zu besichtigen und die mir zugesagten Baumsamen abzuholen. Da der Legationsrath der hiesigen deutschen Gesandtschaft Graf W. an meinem Projecte lebhaftes Interesse genommen hatte, so wurde verabredet, uns an diesem Nachmittag gemeinsam nach Komaba zu begeben. Nach dem Tiffin war ich aber des anhaltend schlechten Wetters halber noch unentschlossen, dieses Vorhaben zur Ausführung zu bringen. Als jedoch Graf W. trotz Jupiter pluvius mit seinem Wagen ankam, traten wir nun zusammen unsere Fahrt an. Bei dem durch den Regen aufgeweichten, thonigen Erdreiche waren die Strassen recht schlecht geworden, und die Pferde mussten grosse Anstrengungen machen, um uns weiter zu bringen. Nach anderthalb Stunden langten wir endlich glücklich bei der Universität an, wo uns die Professoren Dr. Bieler und Dr. Honda auf das Freundlichste empfingen. Ich erhielt meinem Wunsche gemäss eine reichhaltige Sammlung von Samen für Bäume, welche von den beiden obgenannten Herren vorher ausgewählt und mit zwei erläuternden Listen versehen worden war. In zwei ansehnlichen Säcken befanden sich 22 Sorten von Baumsamen, jede Sorte numerirt und besonders in einem kleinen Beutel aufbewahrt; dann waren auf einer Liste nummernweise die lateinischen Namen der Sorten und in der zweiten Liste die Bestimmungen für die Anpflanzung und für die Behandlung der jungen Bäumchen sehr klar und genau angegeben. Ich hatte über diese so reiche und vorzüglich gut zusammengestellte Gabe eine sehr grosse Freude, und versprach den Professoren, da dieselben für die Samen keine Bezahlung annehmen wollten, ihnen von Oesterreich-Ungarn aus Samen von dort heimischen Bäumen und Pflanzen zu senden. Da die Zeit für die Anpflanzung schon weit vorgeschritten war, so benützte ich die nächste Post zur betreffenden Versendung, und so gelangten dieselben zum Zwecke von Versuchen an die landwirtschaftliche Anstalt in Klagenfurt und an verschiedene Verwandte und Bekannte, welche grössere Gütercomplexe besitzen.
Obzwar der Regen nicht nachlassen wollte, schickten wir uns dennoch an, die Universitätsbaulichkeiten, sowie den Versuchsgarten in Augenschein zu nehmen.
Die Anstalt verfügt über einen sehr ausgedehnten Raum. In dem Garten werden viele Versuche in mannigfaltigen Arten mit grosser Sorgfalt gemacht. In den Gebäuden befinden sich die Lehrsäle, die Säle mit den Sammlungen, die Locale für chemische Versuche u. s. w. Das Ganze macht einen vortrefflichen Eindruck.