Bei unserem Rundgange lernte ich einen dort weilenden deutschen Professor und Doctor der Thierarzneikunde kennen, mit welchem ich mich des Längeren über die Pferdezucht in Japan unterhielt. Auch seiner Ansicht nach bedürfen die Pferde in Japan dringend einer Aufbesserung, und es haben die bisher gemachten Versuche wegen der unrichtigen Auswahl der Hengste nur unbefriedigende Ergebnisse geliefert. So z. B. waren die Versuche mit Trakehner-Hengsten, welche für die hiesigen Stuten durchaus nicht passen, gänzlich missglückt — bessere Erfahrungen habe man mit der erst vor Kurzem begonnenen Kreuzung mit ungarischen Hengsten gemacht, doch können wirklich gute Resultate nur von der Verwendung der Lipizzaner Hengste erwartet werden. Ich war erfreut darüber, dass der Professor die gleiche Anschauung mit mir theilte. Nachdem wir den uns begleitenden Professoren für ihr freundliches Entgegenkommen bestens gedankt hatten, fuhren wir bei Wind und Regen heimwärts.

Am 22. April benützte ich Vormittags die Bahn nach Yokohama und besuchte dort unseren Consul, wo ich zufällig auch den Commandanten des Lloyddampfers Marquis Bacquehem antraf, mit welchem ich die Rückreise von Kobe aus antreten wollte. Dann fuhr ich in die Samenhandlung Böhmer & Cie., welche von einem Deutschen, Dr. Unger, geleitet wird. Auch an diese Handlung hatte ich mich seinerzeit schriftlich um Beschaffung von Baumsamen gewendet. Dr. Unger hatte mir aber keine diesbezügliche Zusammenstellung gemacht, und behauptete, dass solche Samen nur im allerersten Frühjahre von ihm versendet werden. Im weiteren Verlaufe des Gespräches erzählte er mir, dass er über Auftrag der deutschen Colonie in Kiautschau eine grosse Menge von Waldbaum-Samen dorthin expedirt habe, weil im genannten Districte viel aufgeforstet werden soll. Es schien mir hieraus zur Evidenz hervorzugehen, dass Dr. Unger überhaupt keinen Vorrath an dem gesuchten Samen mehr hatte, und mir folgerichtig auch keinen verkaufen konnte. Er übergab mir aber einen Preiscourant für Sämereien sammt Abbildungen, und sagte mir über meine Bitte zu, mehrere solche Exemplare an diverse Anstalten und Privatpersonen in Oesterreich-Ungarn senden zu wollen.

Zum Schlusse suchte ich die Verkaufshalle von Kuhn & Cie. auf. Kuhn, wie schon früher bemerkt, ein Wiener, ist bereits seit etwa 40 Jahren in Yokohama etablirt und gehört dort unbedingt zu den ersten Kaufleuten. Sein Ruf ist ein sehr guter, und allem Anscheine nach mag er sich schon dort ein beträchtliches Vermögen erworben haben. Die Collection, welche er mir zusammengestellt hatte, war sehr schön und vielfältig. Als ich dann die Preise jedes einzelnen Gegenstandes mit jenen Preisen verglich, welche in den anderen Verkaufshallen für ähnliche, aber nicht so gut angefertigte Gegenstände gefordert wurden, erkannte ich, dass man bei Kuhn & Cie. am besten, solidesten und billigsten seine Einkäufe besorgt. Ich erstand die ganze Collection zu dem gebotenen Preise und ertheilte den Auftrag, die Gegenstände in einem in Japan erzeugten, sehr praktischen, geflochtenen Koffer zu verpacken und denselben an Bord des eben in Yokohama verankerten Lloydschiffes Marquis Bacquehem spediren zu lassen.

Nach erfolgtem Ankaufe besah ich mir noch die anderen, theilweise sehr werthvollen Gegenstände, welche zum Verkaufe ausgestellt waren, darunter Credenzen, Schreibtische, Broderien, Stoffmalereien etc. Die Feinheit und Eleganz der Ausführung überraschte mich ebenso, als mich der verhältnissmässig billige Preis in Erstaunen versetzte. Ich konnte es nur bedauern, dass ich nicht über die erforderlichen Mittel verfügte, um auch einige dieser sehr werthvollen Objecte mit mir zu nehmen.

Nach dem eingenommenen Tiffin bei unserem Consul fuhr ich mit ihm und seinen anderen Gästen zu dem Rennplatze bei Yokohama, wo an diesem Tage die Pferde für die am 8., 9. und 10. Mai abzuhaltenden Rennen trainirt wurden. Ich sah dort etwa 50 Pferde, und darunter nicht eines, welches ich besitzen möchte. Die Pferde waren entweder sehr klein und dabei plump, oder sie waren gross und dabei hochbeinig, ohne Tiefe des Körpers, manche mit zu kurzem Halse; einige Thiere waren wohl schneidig, aber sehr fein, andere hatten einen zu schweren Kopf, mit einem Worte, kein einziges war von jenem Schnitte, von dem wir die guten Reitpferde bei uns sehen. Die Jockeys sind Japaner oder Chinesen und gleichen den englischen Jockeys nur durch ihre Benennung und einigermassen durch ihre Kleidung.

An jedem der drei oben angeführten Tage sollen neun Rennen abgehalten werden, bei welchen der Sieger einen Ehrenpreis und die Einsätze erhält. Die Einsätze sind im Allgemeinen auf 10 Yen = 12 fl. fixirt. Die Rennen sind getheilt in jene für chinesische Pony und in jene für die australischen Pferde, und werden alle mit Gewichtsausgleich geritten, wobei es, so wie bei uns, für Maiden oder Gewinner Gewichtsermässigungen oder Erhöhungen gibt. Die Distanzen sind für die chinesischen Pony mit 800-1000 m und für die australischen Pferde mit 1200-2400 m festgesetzt.

Des Abends kehrte ich wieder nach Tokio zurück.

Sonntag, den 23. April, begab ich mich mit dem Geschäftsträger und seiner Frau in die katholische Kirche, wo derselbe Geistliche, mit dem ich sowohl auf unserer Gesandtschaft als beim japanischen Obersthofmeister Grafen K. dinirt hatte, die Messe celebrirte. Die Kirche liegt an der äusseren Grenze der Stadt, ist ein kleiner Holzbau mit einem winzigen Thurme, und wird sammt dem angrenzenden, ebenfalls recht kleinen Pfarrhause von Bäumen förmlich versteckt. Im Innern ist die Kirche sehr bescheiden ausgestattet und besitzt als einzige Zier nur einige bemalte Fenster. Ausser uns Dreien wohnten noch ein Professor mit seiner deutschen Frau und seinen beiden Knaben, welche dem Geistlichen ministrirten, und etwa acht Japaner der Messe bei. Nach dem Gottesdienste besuchten wir den Pfarrer in seiner Wohnung, und wurden von ihm mit Kaffee und Kuchen bewirthet.

Am Abend machte ich ein exquisites Diner beim hiesigen deutschen Gesandten Grafen L. mit.

Am 24. April nahm ich nach dem Frühstück einen Rikscha und liess mich zu einem der Exercierplätze von Tokio führen, damit ich doch noch vor meiner Abreise von dort mir eine Beurtheilung des japanesischen Militärs bilden könne. Ich kam zu einem grossen freien Platze, auf welchem etwa 12 Compagnien Exercierübungen vornahmen. Die Infanterie war auch hier, gleichwie in Yokohama, gut und rein gekleidet und mit Gewehr, Bajonnett, Patrontasche und Tornister ausgerüstet. Es herrschte stramme Ordnung und absolute Ruhe. Die Ausführung der Bewegungen und der Gewehrgriffe erfolgte in voller Gleichförmigkeit mit grosser Genauigkeit und mit stricter Einhaltung der Tempi. Die Commandanten benahmen sich gut vor der Front. Die Frontmärsche wurden viel geübt und gingen fliessend, auch der Uebergang in andere Formationen erfolgte exact. Bei dem Marsche wurde eine gute Fusssetzung und strammer Gang eingehalten. So weit war Alles gut und zufriedenstellend.