Ein sehr bedeutender Fehler aber ist es, dass die Schritte nur sehr klein sind und dass die Infanterie daher nur langsam vorwärts kommt, und somit auch bei ihrer Bewegung sehr viel Zeit verliert. Wohl übt die japanische Infanterie ziemlich viel den Laufschritt, aber auch hier sind die einzelnen Schritte nur klein, und so gewinnt dieselbe auch im Laufschritte, den sie allerdings auf längere Zeit ausdehnt, und wobei der Soldat das Gewehr auf der Schulter behält, nur verhältnissmässig geringen Raum.
Das Feuergefecht wurde nur von einigen Compagnien, und von diesen ganz kurz geübt. Der Uebergang in die Feuerlinie war ein stricter, doch ebenfalls in zu langsamem Tempo. Zur Feuerabgabe wurde das Ziel und die Distanz angegeben, und von den Leuten wurden darnach die Aufsätze gerichtet. Während des Feuerns standen die Soldaten auf gleiche Entfernung nebeneinander, und hockten sich nur auf Commando und dann gleichmässig nieder. Von einem schwarmweisen Vorgehen, sowie von der Benützung des Terrains war nichts wahrzunehmen. Ich sah sogar eine langsam vorgehende Feuerlinie auf etwa 50 Schritte unter dem Rande einer Terrainwelle wieder auf Commando stehen bleiben und das Feuer eröffnen, ohne dass der Mann über die Welle sehen konnte. Bis 12 Uhr Mittag blieb ich auf dem Exercierplatze, um welche Zeit die Compagnien erst von dort abmarschirten, und ich empfing im Ganzen den Eindruck, dass in der japanischen Infanterie viel Ordnung und Disciplin herrscht, dass aber der Wesenheit ihrer Thätigkeit zu wenig oder gar kein Augenmerk zugewendet wird, oder dass dafür kein Verständniss vorhanden ist. Schiller's Worte kamen mir hierbei in das Gedächtniss: »Wie er räuspert und wie er spuckt, das habt Ihr ihm glücklich abgeguckt; aber sein Genie, ich meine seinen Geist....«
Der 25. April war in seinen Vormittagsstunden dem Audienznehmen gewidmet. Zuerst fuhr ich mit unserem Geschäftsträger, der in schmucker ungarischer Tracht gekleidet war, zu dem kaiserlich japanischen Prinzen Arisugawa, welcher vermuthlich der Nachfolger des Mikado sein wird, weil der nächste Kronprätendent schon seit langer Zeit schwer krank darniederliegt. Der Prinz, ein schlanker, in Civil gekleideter Herr, war in seinem Benehmen ein wenig steif, doch waren die an mich gerichteten Worte, wie ich aus dem Munde des Dolmetschen entnahm, sehr freundliche. Diese Audienz währte ziemlich kurz, und nach ihrer Beendigung begaben wir uns zu dem kaiserlich japanischen Prinzen Kanin, welcher den letzten Feldzug gegen China mitgemacht hatte und jetzt Oberst bei der Cavallerie ist. Prinz Kanin war sehr liebenswürdig, und die mit Hilfe eines Dolmetschen geführte Conversation gestaltete sich recht lebhaft. Ich nahm die Gelegenheit wahr, dem Prinzen gegenüber meine Anschauung auszusprechen, dass die Hengste aus Sr. Majestät unseres Kaisers Gestüt Lipizza zur Hebung der japanischen Pferdezucht mir als die geeignetsten erscheinen.
Nun ging es zum japanischen Kaiserpalaste, einem sehr weitläufigen, aus Holz erbauten Gebäude, welches nur theilweise mit einem ersten Stocke versehen und durch eine Säuleneinfahrt geziert ist. Von einem japanischen Officier empfangen, gingen wir an gallonirten Bedienten vorüber, bis wir in einen Salon kamen, wo uns ein höherer Würdenträger erwartete. Nach erfolgter Vorstellung und dem Austausche einiger Phrasen setzten wir unseren Weg durch breite, mit Wandmalereien bedeckte Gänge fort, und wurden dann in einen grossen, luxuriös geschmückten und mit sehr prunkvollen europäischen Möbeln ausgestatteten Saal geführt, wo uns der Ober-Ceremonienmeister Baron S. entgegen ging und begrüsste. Nach einiger Zeit überbrachte der japanische Kammerherr J., ein sehr netter junger Herr mit distinguirten Umgangsformen, dem Baron S. die Mittheilung, dass der Mikado in kürzester Zeit die Audienz ertheilen werde. Hierauf wurden der Geschäftsträger und ich von den beiden japanischen Herren abermals durch eine Reihenfolge von breiten Gängen, deren eine Seite die gegen den Park gerichtete Glaswand, und deren andere Seite die künstlerisch bemalten Schiebethüren zu den kaiserlichen Appartements bildeten, bis zu einem kleinen Vorraume geleitet, von welchem eine geöffnete Thür in den dunkel gehaltenen und brillant eingerichteten Empfangssaal führt, in welchem die Audienz stattfinden sollte. Hier mussten wir uns neben dem offenen Eingange verdeckt aufstellen, bis der Mikado von seinen inneren Gemächern in den Audienzsaal gelangte.
Als dies nach kurzer Zeit geschehen war, traten zuerst der Ober-Ceremonienmeister, dann der Geschäftsträger und schliesslich ich in den Salon ein, gingen bis auf einige Schritte gegen den im Hintergrunde des Saales im Civilkleide stehenden Mikado vor und verneigten uns vor ihm. Zuerst sprach der Ceremonienmeister einige Worte, worauf mich der Geschäftsträger dem Kaiser vorstellte. Nach der Vorstellung richtete der Mikado die mir vom Dolmetschen übersetzte Frage an mich, seit wann ich in Japan sei. Ich verneigte mich nochmals und erwiderte, dass ich seit zwei Wochen im Lande weile, und dass ich die Reise von Oesterreich-Ungarn bis nach Japan ausgedehnt habe, um dieses interessante Land kennen zu lernen, und die im letzten Feldzuge siegreiche Armee Sr. Majestät zu sehen. Nach einer weiteren kurzen Frage und Gegenantwort wünschte mir der Mikado eine glückliche Reise, und ich sprach meinen ergebensten Dank für die Gnade aus, mich in Audienz empfangen zu haben, wodurch mein schöner Aufenthalt in Japan gekrönt worden sei.
Von dem Audienzsaale aus wanderten wir wieder durch lange Corridore zu den Gemächern der Kaiserin von Japan. Dort wurden wir von ihrem Obersthofmeister Grafen K. empfangen und sofort nach dem Salon der Kaiserin gewiesen, welche bei unserem Eintritte dortselbst bereits anwesend war. Die Vorstellungs-Ceremonie spielte sich in ähnlicher Weise wie bei dem Mikado ab. Die Kaiserin, welche eine reiche europäische Toilette trug, war sehr gnädig, richtete sehr freundliche Worte an mich und reichte mir bei der Ankunft und beim Abschiede die Hand zum Kusse. Ich gestehe gerne zu, dass diese Audienz bei mir einen besonders angenehmen Eindruck hinterliess.
Dem darauffolgenden Tiffin auf dem Gesandtschaftshôtel hatte der Geschäftsträger sämmtliche japanische Hofwürdenträger, welche bei den vorhergegangenen Audienzen intervenirt hatten, sammt ihren Familien zugezogen.
Am Abende dieses Tages war der mehrfach genannte Obersthofmeister der Kaiserin Graf K. so ausserordentlich liebenswürdig, mich zu einem glänzenden Abschiedsdiner einzuladen, dem ausser unserem Geschäftsträger und Gemahlin noch verschiedene hochgestellte Japaner, im Ganzen 20 Personen, beiwohnten. Da mein Gastgeber nur der japanischen Sprache mächtig ist, so stand ich von meinem ursprünglichen Vorhaben ab, während des Diners einen Toast zu halten, liess mir indess Alles, was ich sagen wollte, in japanische Sprache übersetzen und niederschreiben, und übergab nach aufgehobener Tafel diese Schrift dem Grafen. Meine schriftliche Mittheilung, welche Worte des Lobes und der Anerkennung über Japan enthielt, und dem Hausherrn meinen verbindlichsten Dank für alle seine Liebenswürdigkeiten zum Ausdrucke brachte, verfehlte ihren Zweck nicht. Graf K. äusserte seine grosse Freude hierüber, und übergab mir zur bleibenden Erinnerung seine und seiner Töchter wohlgelungenen Photographien.
Zum Schlusse meines Aufenthaltes in Tokio ist es für mich eine wirklich unerlässliche Pflicht der Dankbarkeit, ganz besonders hervorzuheben, in welch' hohem Grade sich sowohl die Herren der Gesandtschaften, als auch die einheimischen Würdenträger gastfrei und entgegenkommend gegen mich erwiesen haben. Dieser Dank gebührt sicherlich in erster Linie unserem so überaus liebenswürdigen Geschäftsträgerpaare, und auch sämmtlichen Herren und Damen der kaiserlich deutschen Gesandtschaft.
Wohl haben meine Audienzen, officiellen Besuche und die vielen Tiffin- und Diner-Einladungen mir weniger Zeit als anderswo frei gelassen, um mir in der japanischen Hauptstadt Alles gründlich anzusehen, allein ich gewann hierdurch einen Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse Japans.