Der Familiensinn ist in Japan sehr stark entwickelt. Wie die Kinder ihren Eltern unbedingte Unterwürfigkeit schulden, so sind andererseits die Eltern für ihre Kinder sehr besorgt; sie sind sehr geduldig mit ihnen und lieben dieselben in ihrer Weise. So z. B. nehmen die Eltern ihre Kinder, selbst die ganz kleinen, zu allen Ausflügen und in das Theater mit sich, und bleiben dort oft halbe oder auch ganze Tage lang vereint sitzen, wozu sie die Lebensmittel vom Hause aus mitbringen. Die Kinder sind verpflichtet, für ihre alt und erwerbsunfähig werdenden Eltern zu sorgen und dieselben liebreich zu erhalten, eine Pflicht, welche von den japanischen Kindern durchwegs erfüllt wird. Der japanische Arbeiter oder Kleinbürger denkt daher nie an ein Sparen für sein Alter, sondern sieht seine Kinder als das Capital an, von welchem er im Alter leben wird. Darin ist auch der Grund zu suchen, dass in Japan die Adoption von Kindern zur Landessitte geworden ist.

Der Unterricht in Japan ist nach der Zeitdauer ein sehr weit ausgedehnter. Der erste Unterricht in der unteren Volksschule währt vier Jahre und ebensolange in der oberen Volksschule; daran schliessen sich vier Jahre untere und vier Jahre obere Mittelschule und endlich vier Jahre Hochschule. Es sind also 20 Jahre an Schulen durchzumachen, und da der Schulbesuch mit dem Alter von sechs Jahren zu beginnen hat, so kann ein Japaner, welcher sämmtliche Schulen absolviren will, nicht vor dem 27. Jahre die Schulbank verlassen. Hierbei muss noch bemerkt werden, dass die volle Kenntniss der japanischen Sprache sehr viel Zeit und sehr viel Fleiss in Anspruch nimmt. Die Schüler der Mittel- und Hochschulen sind uniformirt.

Die Wohnungen der Japaner werden, wie ich bereits mitgetheilt habe, durchwegs sehr leicht gebaut und besitzen keine Heizvorrichtungen. Es ist daher natürlich, dass dieselben bei der in Japan im Winter vorherrschenden tiefen Temperatur recht kalt sind. Diese Kälte vertragen aber die Japaner sehr gut, da sie abgehärtet sind; sie ziehen dann nur etwas wärmere Kleider an, und bedienen sich zur Erwärmung der Hände eines irdenen Topfes, welcher mit glühenden Kohlen gefüllt ist und in die Mitte des Zimmers gestellt wird.

Den Volkscharakter der Japaner kann man in Bezug auf seine guten und schlechten Eigenschaften in nachstehender Weise resumiren.

Die guten Eigenschaften der Japaner sind: patriarchalisches Wesen, Verehrung des Monarchen, Ehrfurcht vor den Eltern, Gehorsam gegen die Obrigkeit, Höflichkeit gegen die Mitmenschen, Reinlichkeit des Körpers, Nettigkeit der Kleidung und Wohnung, heiteres Temperament, Neugierde, Nachahmungsgabe, Geschicklichkeit, Abhärtung, Unverdrossenheit und Tapferkeit. Ihre schlechten Eigenschaften dagegen wurzeln in ihrer Moral und Sitte. So nehmen die Japaner oft keinen Anstand, die Rechtlichkeit ihrem Vortheile zu opfern, und sie besitzen überhaupt des Oefteren keine strengen Rechtsbegriffe, ein Mangel, welcher für den Handel sehr nachtheilig ist. Dann haben viele Japaner nur sehr lockere Anschauungen von Sittsamkeit und von Decenz. Wie tiefstehend diese Begriffe sind, zeigt sich, wie wir schon erfahren haben, darin, dass sich ältere Studenten, ja oft sogar Officiere ihre Bräute aus öffentlichen Häusern nehmen. Ueber das unartige und ungesittete Betragen von Japanern selbst aus der besseren Classe habe ich gelegentlich der Beschreibung meiner Eisenbahnfahrten schon Erwähnung gethan.

Wenn ich nun einen Rückblick auf meinen Aufenthalt in Japan werfe, so sehe ich mit Befriedigung auf die vielen, dort verlebten vergnügten Stunden, sowie auf die zahlreichen Eindrücke zurück, welche das Sehen von so mannigfachem Neuen und Interessanten in mir hinterlassen haben. Sehr leid thut es mir, dass ich aus Mangel an Zeit nicht dazu kam, die beiden Orte Miyanashitta und Nikko besuchen zu können.

Miyanashitta liegt östlich des höchsten Berges Fugyi und ist von der Station Közu der Eisenbahnlinie Kioto - Yokohama aus zu erreichen. Von Közu aus fährt man mit Rikscha oder Wagen in 2½ bis 3 Stunden dahin. Dort bietet, wie mir von verlässlicher Seite mitgetheilt wurde, das Hôtel Fuji-ya eine vorzügliche Unterkunft und sehr gute Bäder. Von Miyanashitta aus kann man nach allen Richtungen hin die lohnendsten Ausflüge machen, bei welchen sich wundervolle Fernblicke eröffnen.

Nikko liegt im Norden von Tokio und gelangt man von hier mit der Eisenbahn in fünf Stunden nach diesem Ort, der sich durch seine Naturschönheit in Japan dieselbe Berühmtheit wie Neapel in Europa erworben hat. Berge und Thäler, Wälder und Wasserfälle, sowie auch Monumente, Mausoleen mit Holzschnitzereien und Malereien, und die schönsten Tempelaltäre von Japan sind dort zu sehen. Viele schöne Villen der reichen und vornehmen Einheimischen schmücken die Gegend, von wo man allenthalben die herrlichsten Aussichten geniessen soll. Für das leibliche Wohl sorgen bestens das Kanaya- und das Nikko- oder Arai-Hôtel. Der Japaner sagt: Erst wer Nikko gesehen hat, weiss, was Pracht ist.

Miyanashitta hätte ich durch Unterbrechung meiner Reise von Kioto nach Yokohama in Közu erreichen können, doch wären zu diesem Ausfluge mindestens vier Tage nothwendig gewesen, und über so viel Zeit verfügte ich nicht nach meinem einmal fertiggestellten Reiseplane. Eine Excursion nach Nikko hätte von Tokio aus nur drei Tage in Anspruch genommen, doch habe ich in der japanischen Hauptstadt, aus schon besprochenen Gründen, viele Zeit unbenützt verlaufen lassen müssen.

Schliesslich soll hier noch eine Handelsfrage erörtert werden. Ich überlegte mir nämlich in sehr eingehender Weise, für welche Artikel aus unserer Monarchie ein gewinnreiches Absatzgebiet in Japan gefunden werden könnte, und liess mich hierbei von nachstehenden Erwägungen leiten. Der Japaner besitzt Fleiss, Geschicklichkeit und Nachahmungsgabe, und bei seiner grossen Mässigkeit erzeugt er seine Arbeiten weit billiger, als wir dies zu leisten im Stande sind. Er besitzt aber im grossen Allgemeinen keine geistige Schaffungskraft.