Auch unser Missionar, Herr Pastor Greiner, mit seiner Frau und Nichte kam auf die Mecca und noch ein schwindsüchtig aussehender englischer Missionar. Der Kapitän, ein sehr behaglicher, wohlwollender alter Herr, schüttelte den Kopf über so viel »Propheten« – es waren in der That neun geistliche Herren an Bord, – und sagte: »das wird eine stürmische Fahrt werden.« Als ich es mir mittags schmecken ließ, sagte er halb wehmütig: »Essen Sie nur, Baronesse; morgen werden Sie es nicht mehr können.«
Vorläufig beunruhigte meine Gefährtin und mich der Sturm weit weniger, als die Unsauberkeit dieses Schiffes. Besonders graute uns vor den Kokerutschen, einer etwa zehnfachen vergrößerten Auflage der heimischen Küchenschwaben, die raschelnd überall umherliefen, leider auch scharenweise an den Wänden unserer Kabine. Diese Ungetüme machten uns große Not und wir wurden obendrein noch ob unseres Entsetzens ausgelacht. Indessen zogen sich die Tiere etwas zurück, als wir, den Golf von Aden verlassend, die hohe See erreichten. Zugleich aber, nämlich am Cap Gardafui, kamen wir in den Südwestmonsum. Die Mecca tanzte zwischen Wellenbergen, die das Schiff von allen Seiten ansprangen, weshalb der Kapitän meinte, wir seien in die letzte Wellenbewegung eines Cyclon gekommen. Ich war so krank, daß ich zeitweise sogar die Besinnung verlor und dann glaubte ich mich stets in einer Waldschlucht meiner Thüringer Heimat. Eines Abends zogen mich der Kapitän und der Schiffsarzt fast mit Gewalt auf's Verdeck, wo ich in einen mit Tauen befestigten Schiffsstuhl gelegt wurde. Es bot sich mir ein ganz eigentümlicher Anblick. Rings um das auf und nieder steigende Fahrzeug standen dunkle Wasserberge, die den Horizont dicht vor uns abgrenzten. Sonst war nichts zu sehen. Sturzwellen kamen von allen Seiten über das Verdeck und spülten zahllose Silberfische an Bord, die von dem Kapitän und den Matrosen mit den Händen gefangen wurden zum delikaten Frühstück. Der Kapitän lief mit dick verbundenen Füßen umher. Er war so unvorsichtig gewesen, wegen des auf Deck stehenden Wassers und der Schlüpfrigkeit Stiefel und Strümpfe wegzulassen, aber ehe er sich dessen versah, hatte ihm die Tropensonne arg schmerzende Brandwunden zugezogen. Die Passagiere lagen in kläglichstem Zustand umher, besonders litten die weißen Priester stark durch die Seekrankheit. Am tapfersten hielt sich der Regierungsbaumeister Wolf aufrecht, doch meinte auch dieser, so schlecht sei es ihm in seinem Leben noch nicht ergangen. Einige junge Deutsche (nachmals Angestellte der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft), die zweiter Cajüte fuhren, boten übrigens den Unbilden der stürmischen Fahrt mit beneidenswertem Frohsinn Trotz. Ich hörte sie täglich singen und jodeln. Jede Sturzwelle wurde mit ausgelassenem Hurrah begrüßt. Der erste Offizier, der die jungen Leute gelegentlich wegen der positiven Gefahr des Überbordgespültwerdens in die Cabine nötigte, konnte nicht umhin dieser unverwüstlichen Laune Bewunderung zu zollen. »'pon my word«, rief er aus, »I never saw such a jolly set!«
Am zehnten Tag unserer Fahrt langten wir vor Lamu an. Sowie die Schraube zu arbeiten aufhörte, fühlte ich mich frisch und munter, so daß ich mich ungesäumt auf Deck begab. Vom Lande her nahte sich ein Boot unter deutscher Flagge, das indessen des hohen Seegangs wegen nur langsam vorwärts kam. Bald konnten wir auch zwei weißgekleidete Europäer neben den schwarzen Ruderknechten erkennen. Es waren die Herren Gustav Denhardt und Lieutnant Ramsay, welche kamen, um ihre Postsachen zu holen. Sie konnten uns die neuesten Nachrichten von den Freunden in Zanzibar geben und wir mußten ihnen von Berlin erzählen.
Zwei Tage später machten wir noch eine Ruhepause in dem reizenden Hafen von Mombassa, um dann ohne weitere Unterbrechung unserem Ziele zuzusteuern.
Tagebuchblätter.
Zanzibar, den 16. Juni 1887.
Gestern Abend näherte sich unsere Mecca, nachdem sie am Morgen fünf Stunden auf einer Sandbank im Kanal von Pemba festgelegen, endlich der Stadt Zanzibar.