Stundenlang, ehe diese noch sichtbar, standen wir am Rande des Schiffes und sahen durch die Ferngläser nach dem bläulichen Küstenstreifen der Insel. Bald konnten wir Waldungen erkennen und die auf einem Landvorsprung errichtete Signalstange, deren Flagge dem Wächter auf dem Sultansturm unser Nahen frühzeitig ankündigte. Als es dunkelte, leuchtete vor uns das große electrische Licht auf, mit dem der Sultan in mondlosen Nächten seine Umgebung erhellt.

Kurz nach Sonnenuntergang ließ der Kapitän noch außerhalb des Hafens Anker werfen, da ihm das Einlaufen zwischen Korallenriffen und Sandbänken bei Nacht nicht ratsam schien. »The captain believes in safety«, sagten seine minder geduldigen Offiziere lächelnd.

Ich sehnte mich, festes Land unter den Füßen zu fühlen, aber von unseren Deutschen war nichts zu hören und zu sehen. Darum nahm ich es gern an, als Herr Filonardi dem Schiffsarzt, einem Irrländer namens Roß, und mir vorschlug, mit ihm an Land zu fahren, um wenigstens etwas spazieren zu gehn. Die italienische Kolonie, bestehend aus vier Herren, war pünktlich und vollzählig erschienen, um ihren Konsul zu begrüßen. In Gesellschaft dieser lebhaften Romanen ließen wir uns durch den Hafen rudern, wo zahlreiche Lichtchen auf den Schiffen grüßten, während die electrische Flamme auf dem Turm einen breiten Silberstreifen über die dunkle Wasserfläche warf.

Nachdem wir auf nassem Sand und Korallen gelandet, wurden wir durch die Stadt geführt. Die engen, krummen, dunklen und holperigen Gassen entsprachen nicht dem Bild, das die reich illuminierte Häuserreihe am Meer vom Hafen aus geboten. Ich war auch ermattet von der anstrengenden Seefahrt und stolperte jeden Augenblick über Schutt und Gerümpel oder versank bis zum Fußgelenk in irgend eine Vertiefung. Eingefaßt waren die Gassen von hohen, fensterlosen Mauern. Eine Seitenstraße, ebenso schön wie die anderen, wurde uns unter fröhlichem Lachen als »Boulevard des Italiens« vorgestellt. Wir bogen in dieselbe ein und befanden uns auf einmal in einem von hohen Mauern umgebenen Hof, der in dem matten Licht einiger durch eine halboffene Gallerie schimmernder Lampen ganz romantisch aussah. – Unter einem hohen Baum lagen Warenballen aufgeschichtet und eine Steintreppe führte von außen nach dem zweiten Stock des Hauses auf die einem Klosterkreuzgang ähnliche Gallerie. Ich sah mich verwundert um und frug, wo wir wären. Das ist unser Konsulat, sagten die Italiener. Ich forderte Mr. Roß auf, nun mit mir nach dem Schiff zurückzukehren, davon wollte aber der Konsul nichts hören. Ich müsse mich nach dem beschwerlichen Gang zunächst etwas ausruhen, meinte er, er werde uns dann selbst auf die Mecca zurückfahren.

Dr. Roß und ich freuten uns übrigens, bei dieser Gelegenheit gleich ein zanzibaritisches Intérieur kennen zu lernen. Wir stiegen unter Führung der Italiener die steile Treppe hinan und traten von der Gallerie aus in einen hellerleuchteten hohen Raum, dessen Einrichtung – buntgewirkte Teppiche und Decken, schwere seidne Vorhänge, große Vasen, indisches Schnitzwerk und bequeme Sessel aus Rohrgeflecht – ganz das von europäischem Geschmack durchsetzte orientalische Gepräge trug. Man rückte uns die behaglichsten Sitze zurecht und dann brachte ein schwarzer Diener auf den Wink des Hausherrn Champagnerschalen, in die unser Wirt italienischen Schaumwein goß. Zu meiner besonderen Freude machte ein schöner Bernhardiner, der dem Vicekonsul, Herrn Pietro Ferrari gehörte, seine Aufwartung. Erwähnter Herr, der uns durch den Konsul als Musikfreund und Inhaber einer schönen Stimme verraten wurde, mußte sich auf unsere Bitte an das Piano setzen und uns einige Arien vortragen, was er ungern, dann aber mit echt italienischer Lebhaftigkeit absolvierte. Nach einer auf solche Weise sehr angenehm verflossenen halben Stunde traten wir den Rückweg an. Noch einmal mußten wir beim Rascheln der Kokerutschen an Bord der Mecca übernachten und das sanfte Plätschern der an die Schiffswand schlagenden Dünung sang uns das Schlaflied.

Zanzibar, den 17. Juni 1887.

Gestern Morgen beeilte ich mich an Deck zu kommen, da um unser Schiff her, in starkem Gegensatz zu der gewohnten Stille auf hoher See, ein gewaltiges Lärmen und Treiben herrschte. Wir waren beim ersten Morgengrauen in den Hafen eingelaufen und befanden uns zwischen einer Menge großer Schiffe, Daus und Boote, ziemlich dicht an der Landungstreppe. Stadt und Hafen glitzerten in einer Flut hellen Sonnenlichts. Es war ein Bild, in dem als Farbe ein blendendes Weiß vorherrschte, eine Landschaft wie Wereschagin sie malt. Die weißen algerischen Mönche von Zanzibar kamen angerudert, um ihre Ordensbrüder in Empfang zu nehmen. Auch andere Europäer in weißem Anzug und weiß umhülltem Korkhelm näherten sich. Ich stand in unbehaglicher Empfindung des Alleinseins am Schiffsrand und sah hinunter auf die sich andrängenden Boote mit ihren lärmenden schwarzen, braunen und gelben Insassen, als auf einmal eine mir wohlbekannte Stimme »guten Morgen, Baronin!« heraufrief. Da bemerkte ich in einem der Boote den Freiherrn von Gravenreuth, der mich mit seinen lustigen blauen Augen ganz so übermütig anlachte wie vormals in Berlin, wenn es galt eine Extratour zu tanzen. Meine trübe Stimmung war verschwunden. Es ist wahr, daß man sich sofort zu Hause fühlt, wo man Gesinnungsgenossen und Freunde findet.

Außer Herrn von Gravenreuth hatte Herr Dr. Peters die mir nur dem Namen nach bekannten Herren Braun und von St. Paul geschickt und das Konsulat seinen Dragoman, Mr. Michalla, der leider kein Wort deutsch spricht. Während sich nun die Herren Braun und von St. Paul der neuangekommenen Beamten und des nach der Duane zu dirigierenden Gepäcks annahmen, fuhren wir mit Herrn von Gravenreuth nach der steinernen Landungstreppe am Schloßplatz, von wo aus wir uns unter des Barons Führung nach dem einzigen anständigen Hôtel der Stadt begaben, dem am Meere gelegenen Hôtel d'Afrique Centrale.

Der Weg vom Landungsplatz zum Hôtel ist kurz, aber charakteristisch. Vor allem bietet er an Schmutz und Unordnung, was man von arabischer Straßenpflege irgend erwarten kann. Gegenüber dem Residenzschloß steht am Meere die Menagerie seiner Hoheit, bestehend aus sechs bis acht morschen Käfigen, in welchen sich ein ziemlich zahmer Löwe, eine Löwin, ein Stachelschwein, ein Jaguar und drei bis vier andere Tiere befinden. Die Straßenluft wird durch diese Sehenswürdigkeit natürlich nicht verbessert. Unter dem Schlafgemach des Sultans, einem frei, auf hohen Säulen stehenden Haus, ist ein Panther als Kettenhund angebunden, den die Vorübergehenden mit ihren Stöcken ärgern. An das Schlafhaus schließt sich der Harem, ein langer Bau mit himmelblau angestrichenen Fensterläden, der durch einen blütenreichen Garten von der Straße getrennt wird. Der Sultan läßt grade vor diesen Garten eine Mauer in Gestalt eines unförmlichen Schiffes bauen, die eine Wasserleitung in sich birgt mit nach der Straße gerichteten Krähnen zur Nutznießung der Gläubigen. Das ist einer seiner originellen Einfälle, der indessen in der Ausführung durch seine Geschmacklosigkeit gradezu erschreckt. Nasser Kalk, Lehm- und zackige Korallensteine, die zum Bau verwendet werden, bedecken den Weg in seiner ganzen Breite. Neben dem Harem steht noch ein Palast mit himmelblauen Fensterläden. Es ist die Residenz von Schwestern und sonstigen weiblichen Verwandten des Sultans. Auf der anderen Seite der Straße am und im Meer sahen wir eine Menge verrostetes Eisen liegen, Anker, Faßreifen, unbrauchbare Maschinenteile u. s. w., das wird hier abgelagert und dem rasch zerstörenden Einfluß der Witterung preisgegeben. Wir überschritten eine Art von Platz und kamen nun an die Fabriken Seiner Hoheit, eine für das electrische Licht und eine für die Bereitung von Eis. Diese Fabriken bestehen aus offenen Schuppen. Davor sitzen auf der Straße in Reihen oder Gruppen aneinander gekettete Neger, welche Holz spalten zur Heizung der Maschinen. Das sind Diebe oder Leute, die ihren Contract gebrochen haben oder ihrem Herrn entlaufen sind, kurz harmlose Übelthäter, die hier zur Strafe mit eisernem Ring um den Hals an die Genossen festgeschmiedet arbeiten müssen. Sie sehen sehr schmutzig aus, aber ganz vergnügt. Quer über die Straße laufen den Fabriken entfließende offene Abzugskanäle, die sich zu Pfützen von widerlicher Farbe und Geruch verbreitern. Man muß, um zu dem Hôtel zu kommen, über die schmutzigen Rinnsale voltigieren und dabei Acht geben, daß man nicht den dicht umherhockenden Sträflingen auf Hände oder Füße tritt.

Das Hôtel d'Afrique Centrale, gehalten von Mr. Chabot, einem Marseiller, ist ein Teil eines großen arabischen Privathauses. Wir traten von der Straße aus in einen kühlen, nach Sitte der Araber mit Marmor-Wandbänken versehenen Flur und gelangten, eine Holztreppe hinaufsteigend auf die Gallerie, die mit ihren auf massigen Steinpfeilern ruhenden Rundbögen einen Hof umschloß. In diesem Innenhof blüht ein alter Oleanderbaum und um ein Wasserbassin schwirrt es von allerhand Geflügel: Truthühner, Enten, Perlhühner u. s. w. Auch Affen verschiedener Größe und Art treiben ihr Spiel daselbst, so daß wir den kleinen Affen Hassan, den uns Herr Filonardi zum Schutz gegen die Kokerutschen in Mombassa gekauft, gleich in ein für ihn passendes Quartier bringen konnten. Von der mit schönen Blattgewächsen geschmückten Gallerie gelangt man in die Gaststuben, große isolierte Zimmer, deren es im ganzen nur vier giebt, abgesehen von zwei oder drei Holzbaracken auf dem Dach. Letztere werden von einigen Reisenden vorgezogen der frischeren Luft wegen; dagegen sollen dort fette Ratten sehr ungeniert ihr Wesen treiben.