Die Araber in Zanzibar scheinen ihre Häuser nach Art unserer alten Schlösser zu bauen. Zwischen dicken Mauern sind die Zimmer sehr hoch und mit kleinen Fenstern versehen. Auf diese Weise werden Räume geschaffen, in denen die Luft circulieren kann und die dabei von der Außentemperatur möglichst abgeschlossen sind. Kühlt abends die Luft ab, so öffnet man die Läden einer bis zum Fußboden reichenden Fortsetzung der Fenster, die mit zierlichem eisernen Schutzgitter versehen ist, und läßt den erfrischenden Seewind ein. Diese Bauart erscheint mir ebenso hübsch als zweckmäßig.

Zanzibar, den 18. Juni.

Gestern Abend ließen wir uns nach der Mecca hinausrudern, um dem freundlichen Kapitän und unserem besonderen Freund Dr. Roß vor ihrer Weiterreise nach Madagaskar noch einmal Lebewohl zu sagen. Dr. Roß hatte uns im Hôtel aufgesucht und erzählt, der Kapitän habe noch immer von den Brandwunden an seinen Füßen zu leiden, so daß er nicht in Stiefel, also auch nicht ans Land kommen könne. Wir waren aber kaum zehn Minuten an Bord der Mecca, als Herr von Gravenreuth uns nachgefahren kam. Er und Herr Dr. Peters hatten uns im Hôtel abholen wollen und nicht angetroffen. Nun ersuchte uns der Baron, unseren Besuch auf dem Schiff abzukürzen und ihn nach dem sogenannten neuen Usagarahaus zu begleiten, in welchem sich am Freitag Abend die ganze deutsche Kolonie zum offnen Abend einzustellen pflegte. Unsere englischen Freunde waren freilich nicht mit dieser Abkürzung unseres gemütlichen Beisammenseins zufrieden, dennoch zögerten wir nicht uns dahin zu verfügen, wo wir von rechts wegen hin gehörten, nämlich zu den Deutschen. Das neue Usagarahaus ist ebenso wie das Hôtel d'Afrique Centrale ein alter arabischer Steinbau, mit dicken Mauern, tiefen Nischen, umfangreichen Pfeilern, Rundbogen und verschiedenen Terrassen. Auch hier umgiebt den Innenhof eine halboffene Gallerie, die sich zur geräumigen Halle erweitert. Hier waren Wände und Säulen mit Flaggen geschmückt und an der Hauptwand befindet sich auf blumenumkränzter Console eine Büste unseres geliebten Kaisers.

Die deutsche Kolonie hatte sich ziemlich vollzählig eingefunden, wenigstens war sowohl unser Consulat, wie auch die verschiedenen Kaufmannshäuser: O'Swald, Strandes, Meyer und was noch hier haust, vertreten.

Ich erkundigte mich eingehend nach Dar-es-Salaam. Diesen deutschen Vertragshafen hatte man in Berlin als Centralplatz der auf dem Festland eingerichteten Stationen ins Auge gefaßt, daher gedachten wir dort die Einrichtung eines Krankenhauses zu beginnen. Inzwischen hatte sich aber Dar-es-Salaam als zu einem Verkehrsmittelpunkt ungeeignet herausgestellt, weshalb unser erster Plan geändert werden mußte. Indessen meinte Herr Dr. Peters, wenn wir auch von einem Haus in Dar-es-Salaam nunmehr absehen müßten, so sei eine geordnete Krankenbesorgung in der Hand einer gelernten Pflegerin dort sehr erwünscht, da grade jetzt in Dar-es-Salaam wegen der Mangrovensümpfe und der Umarbeitung des Bodens viel Krankheitsfälle vorkämen. Mit dem Quartier sei es vielleicht noch nicht so bestellt, wie er es für uns gewünscht habe, indessen riete er mir die nächste günstige Fahrgelegenheit zu benutzen, um mich selbst umzusehen und daraufhin weitere Dispositionen zu treffen.

d. 19. Juni.

Gestern Nachmittag besuchte mich auf Veranlassung des Kapitäns der Mecca die Leiterin der hiesigen englischen Missionsstation »Mkunazini« und lud mich ein, heute in der Mission zu dinieren. Ich frug, ob ich meine junge Krankenpflegerin mitnehmen könne, doch schien deren gesellschaftliche Stellung der schwerfälligen Britin nicht klar genug zu sein, und sie antwortete vorsichtig in verneinendem Sinn. Ich schickte daher Bertha, die ohnehin nicht englisch versteht, zu dem Missionar Greiner und dessen Familie, mit welcher sie auf der Reise schon gut bekannt geworden. Ich selbst wurde von einem jungen deutschen Kaufmann abgeholt, der viel bei den Damen von Mkunazini verkehrt, und dort »lieb Kind« ist. Wir durchwandelten die Stadt in ihrer Ausdehnung vom Meere nach dem landeinwärts vorgelegenen Negerviertel, wobei wir die mit den grellsten Farben bemalten Quartiere der reichen Indier passierten. Daß hier und in anderen Straßen ein Pflaster überhaupt existiert, verdankt die Stadt dem ehemaligen englischen Generalconsul Sir John Kirk. Dieser ließ eines Tages den indischen Unterthanen Ihrer Majestät sagen: Wenn nicht bis zum dritten Tag von heute jeder Hausbesitzer vor seinem Hause pflastern ließe, so würde er selbst es machen lassen, aber auf ihre Kosten. Das soll ungemein rasch gewirkt haben.

Aus den Indierstraßen gelangten wir zwischen die mit Palmzweigen gedeckten Hütten der Neger und bogen zuletzt in ein Mauerpförtchen ein. Mit dieser Biegung verwandelte sich die Scene vor uns wie durch Zauber. Mitten in Neger-Armseligkeit, indischen von Unsauberkeit strotzenden Kramläden und arabischen Schutthaufen sieht man auf einmal ein Stück Englands vor sich mit seiner blanken in voll entfalteter Blüte stehenden Kultur. Erstaunen, Bewunderung und nationale Eifersucht erfüllten mich bei dem überraschenden Anblick. »Wenn wir doch erst so weit wären!« rief ich. »Das wird wohl noch einige Jahrzehnte dauern,« meinte lächelnd mein Führer, »hier steckt viel englisches Geld darin und jahrelange Arbeit.«

Links von uns stand eine schöne steinerne Kirche, ein durchaus vornehmer Bau, durch dessen gothisch verzierte Fenster Licht schimmerte. Im Innern erklang aus vielen Stimmen und mit Orgelbegleitung der bekannte rhythmische Hymnengesang. An dieser Kirche vorüber führt ein sehr sauber gehaltener Weg durch Gartenanlagen nach den Missionshäusern. Hier hatte das britische Vermögen, das Gepräge der eignen Art dem vorgefundenen Fremden aufzuzwingen, es fertig gebracht, arabische Bauten in heitere englische »cottages« mit Loggien, blumengefüllten Erkern etc. umzuwandeln. Auf der Freitreppe begrüßten uns die Damen der Mission, die mir mit der liebenswürdigsten Gastfreundschaft entgegenkamen. Sie trugen, dem Klima angemessen, leichte weiße Kleider mit schwarzen Gürteln. Geschmackvoll angebrachte frische Blumen erhöhten das freundliche dieses Anzugs. Die interessanteste unter den Damen ist Miß Allen, eine corpulente, behaglich aussehende Frau in mittleren Jahren, die eine seltene Sprachkenntnis besitzt. Sie schreibt, liest und spricht: Deutsch, französisch, englisch, italienisch, arabisch und Suaheli. Auch latein und griechisch soll sie beherrschen. Wegen der bei einer Europäerin seltenen Kenntnis des Arabischen verkehrt sie freundschaftlich mit der Sultanin. Auch erhält sie öfters Besuch von vornehmen Arabern, mit denen sie liest. Diese litterarischen Freunde haben ihr mächtige und kostbar eingebundene arabische Handschriften zum Geschenk gemacht. So hausmütterlich aber gerade diese Miß Allen aussieht, steht sie dem Hause nur geistig vor, während die Sorge für das Materielle der sehr mageren und thätigen Miß Smith überlassen ist, der Dame, die mich gestern aufsuchte. Außer diesen Pfeilern des Hauses sah ich eine ältliche Missionarsfrau mit Hörrohr und großer Brille bewaffnet, eine junge Lehrerin, die sich wegen eines hartnäckigen Fußleidens tragen lassen mußte und die liebenswürdige Krankenpflegerin, Miß Shaw.

Nachdem die Missionszöglinge, – die Station Mkunazini erzieht nur Knaben, – ihre Gesangsübungen in der Kirche beendet hatten, versammelte man sich in der im Hochparterre gelegenen Halle zum Diner. Auch die Väter der Mission, die ein Haus für sich bewohnen, waren in mönchartigen langen Gewändern erschienen. Diese Herren haben hier, unbeschadet ihres halb geistlichen Amtes, einen gewissen Ruf als Sportsmänner. Im tennis, kricket, football und im Schnelllaufen sind sie den anderen hiesigen Engländern über.