In der Halle waren drei lange Tafeln gedeckt, eine für die älteren Knaben, eine für die Kleinen und eine für die Hirten und Hirtinnen der Herde und deren Gäste. Die Zöglinge tragen sämtlich lange weiße Hemden und feuerrote Jäckchen, was zu der schwarzen Hautfarbe sehr gut aussieht. Reiche Damen in England nähen diese Anzüge in ihren Missionsmeetings und schicken sie in so großer Anzahl nach Zanzibar, daß die sämtlichen auf der Insel und auf dem Festland gelegenen Stationen der Missionsgesellschaft versorgt werden und Ueberfluß haben.

Es wird der englischen Mission in Zanzibar zum Vorwurf gemacht, daß sie die Schwarzen zu jungen Herren erzieht, statt zu tüchtigen Arbeitern oder Dienern. Die aus der Anstalt entlassenen Jünglinge gelten hier als privilegierte Nichtsthuer und Taugenichtse. Solange sie unter der liebevollen Pflege der Damen sind, fühlen sie sich allerdings sehr wohl und der Zweck der Missionsgesellschaft, »to make the negroes happy« ist momentan wenigstens erfüllt. »Our boys are very happy little chaps!« sagte Miß Allen, als sie mir nach der reichlichen und guten Mahlzeit einzelne ihrer Lieblinge vorstellte. Sie versicherte mir: »wir wollen die Neger keineswegs zu Engländern machen, sondern zu Christen. Im übrigen sollen sie die Eigentümlichkeit ihrer Race behalten. Wir studieren darum sorgfältig ihre Gebräuche und ihre Sprache. Allen Unterricht erteilen wir in Kisuaheli.«

Zanzibar, den 20. Juni 1887.

Jetzt haben wir das Ende des Ramadan, des mohamedanischen Bet- und Fastenmonats miterlebt. Es ist dies Ende der Fastenzeit, welches mit dem Erscheinen des neuen Mondes zusammenfällt, zugleich das Neujahrsfest der Araber. Gegen Sonnenuntergang marschierten des Sultans sämtliche Truppen heran mit klingendem Spiel oder rhythmischem Kriegsgesang und nahmen auf dem Schloßplatz und dem angrenzenden »Boulevard sur mer« vom Palast bis ziemlich zu unserem Hôtel Aufstellung. Einen schönen Anblick bieten die »irregulären« Truppen. Das sind junge, meist mit edlen Gesichtszügen und sehr schlanken Gestalten ausgestattete Araber in dem durch Illustrationen aus der Zeit der Kreuzzüge bekannten überaus malerischen Kostüme: um den Kopf die hellseidene Keffie die tief in den Nacken herabhängt, ein bis über die Kniee reichender, meist weißer Waffenrock, darüber in dem schärpenartigen breiten Gurt eine Menge von Dolchen, Messern etc. Übrigens trägt auch von diesen Irregulären jeder Mann ein Gewehr. Die Berittenen tragen den Burnus der Beduinen und jagen mit ausgelegter Lanze in gestrecktem Galopp meist auf wundervollen Vollblutpferden durch die Straßen. Wie sie das bei der hiesigen Pflasterung möglich machen, ist mir unklar.

Am Meeresstrande sind, soweit der Blick reicht, Kanonen aufgefahren. Die Sultansschiffe prangen im reichsten Fahnenschmuck und das Volk der Araber, Indier, Perser, Aegypter, Goanesen und Suaheli erfüllt im Festtagsgewand Straßen und Plätze. Ich sah vom Fenster aus Neger-Dandies in schneeweißem, wallendem Hemd mit kupferfarbener, rotgoldner oder grünspanfarbener seidner Weste. Von dem Glanz dieser aus Indien stammenden Farben macht man sich in Europa kaum einen Begriff. Dazu tragen die Neger weiße gestickte mit zahlreichen Löchern versehene Mützchen, ein kostspieliger Artikel, und Spazierstöckchen in der Hand.

Auf dem Turm des Sultans, von den Europäern seiner Form und Beleuchtung wegen, der Weihnachtsbaum genannt, stand der Wächter und schaute nach der Himmelsgegend, in welcher der neue Mond sichtbar wurde. Unten herrschte große Aufregung, denn wenn sich der Mond an diesem Abend nicht sehen läßt, müssen die Gläubigen noch vierundzwanzig Stunden länger fasten und beten.

Wir überschritten gerade in Gesellschaft von Herrn Dr. Peters, Herrn Braun und Baron Gravenreuth den Schloßplatz, als vom Turme aus der Signalschuß gegeben wurde, der das Erscheinen des ersehnten Gestirns ankündigt. Sofort begannen die sämmtlichen Kanonen zu donnern, auch von den Schiffen her, und die gesammte Reichsarmee schoß die mit Pulver überladenen Gewehre auf einmal ab. Einen schlimmeren Lärm habe ich in meinem Leben nur einmal gehört, als ich, per Courierzug durch den Gotthardttunnel fahrend, auf der Außengallerie des Eisenbahnwagens stand. Damals fürchtete ich ernstlich für mein Gehör; aber auch heute verging mir im ersten Moment Hören und Sehen.

Bald nach Sonnenuntergang, sowie die frühe Tropennacht das groteske Straßenbild verhüllte, wurden die Schiffe illuminiert, so daß die Formen des Takelwerks sich in weißen Lichtperlen von dem Wasser abzeichnen. Das Schießen dauert immer fort.

Den 21. Juni.

Heute ist erster Neujahrsfeiertag. Wir haben in Gesellschaft der deutschen Herren einen Spaziergang landeinwärts gemacht, um die Tänze der Schwarzen zu sehen. In den Straßen wird fortwährend geschossen.