Den 22. Juni.

Heute, am zweiten Feiertag, war großer Empfang beim Sultan für die Europäer. Wer im Besitz eines schwarzen Überrocks oder Fracks ist, macht in Begleitung des betreffenden Konsuls dem Sultan seine Aufwartung und wünscht Glück zum neuen Jahr. Nach beendigter Audienz besprengt ein Hofbeamter die Gäste mit Rosenöl. Man riecht es in Folge dessen den Europäern meist noch tagelang an, daß sie an Hof gewesen waren. Als Nachspiel erhält jeder Besucher eine Schüssel Confect in's Haus geschickt. Die Herren aus dem Usagara-Haus überließen mir liebenswürdig einen Teil der ihnen gewordenen Geschenke, allein da diese arabischen, aus Sewsam, Honig und Mandel bereiteten Süßigkeiten in Hammeltalg gebacken sind, konnten sie mein Herz wenig erfreuen.

Den 23. Juni.

Miß Shaw, die in ihrer Apotheke jeden Morgen und jeden Abend schwarze Patienten empfängt, hat mir bereitwilligst Erlaubnis erteilt, ihr mit meiner Gefährtin bei diesem Vornehmen zu assistieren. Heute Morgen wanderten wir zu diesem Zweck, geführt von einem unserer schwarzen Kellner, nach der Mission. Die Apotheke im Missionshaus ist ein hoher Raum, in welchen das Licht durch ein fast an der Decke befindliches Fenster fällt. Der Fußboden ist mit Steinplatten ausgelegt, auch befindet sich ein Wasserbehälter mit Hahn und Schlauchspritze da.

Die zu Miß Shaw pilgernden Patienten litten, so viel ich ihrer heute gesehen habe, an durch Unsauberkeit verschleppten Geschwüren oder offenen Wunden.

Zu meiner Verwunderung zeigten sie sich bei den durch Schneiden, Auswaschen und Verbinden verursachten Schmerzen sehr tapfer. Kaum daß Einer zuckte, oder das Gesicht verzog. Ein etwa sechsjähriges Kind litt an den Augen und erhielt Einspritzungen. Er war erst seit acht Tagen in Mkunazini. Wie alle Missionszöglinge hier, war auch er ein kleiner Sclave, den englische Kreuzer (die eigens zu diesem Zweck das Meer absuchen) arabischen Sclavenschiffen weggekapert und der Mission überantwortet hatten. Am Tage seiner Ankunft, erzählte Miß Shaw, hatte sie ihn sofort seiner sehr entzündeten Augen wegen vorgenommen. Abends bekam er dann zum Nachtisch eine Apfelsine. Anstatt diese aber zu essen, bat er vor Schlafengehen seine Wärterin, die Apfelsine der Dame zu bringen, die ihm »Daua« (Medizin) für seine Augen gegeben habe. – Es ist gewiß irrtümlich, den Negern Undankbarkeit vorzuwerfen und ich glaube keinesfalls, daß dieser Mangel eine Charakteranlage ist. Wenn Europäer sich über Undankbarkeit der Schwarzen beschweren, so hat es wahrscheinlich meistens den Grund, daß die vermeintlich erteilten Wohlthaten nicht als solche empfunden worden sind.

Heute Nachmittag holte mich Herr v. Gravenreuth zu einem Besuch im französischen Hospital ab. Diese Schöpfung des Ordens vom heiligen Geist und vom heiligen Herzen Mariä hat ein viel ernsteres Gepräge, als die anmutige Niederlassung der Engländer. Das Kloster liegt dicht am Meer, dessen Brandung hier an Korallenriffe schlägt, so daß das dumpfe Brausen der anprallenden Wellen die Kranken in den Schlaf singt. Eine einsame Palme neigt die schönen Zweige wie trauernd dem Wasser zu. In dem ernsten, fast düsteren Klosterhof steht ein Gartenhäuschen nahe der Eingangspforte, dessen innerer Raum mit Heiligenbildern und Holzstühlen ausgestattet ist, wie ein Beetsaal. Das ist das Empfangszimmer. Die Schwestern in ihrer schwarzen Nonnenkleidung treten leise auf und sprechen mit gedämpfter Stimme. Sie sind zum größten Teil Creolinnen aus St. Mauritius und daher an das Klima besser gewöhnt als wir Nordländerinnen. Dennoch erzählen ihre bleichen, eingefallenen Gesichter und die tiefliegenden Augen von Nachtwachen und Betübungen, die den Geist vielleicht auf Kosten des Körpers fördern. Aber dies Kloster ist für alle in diese Landstriche verschlagenen Europäer zu einer Stätte des Segens geworden, von der sie mit inniger Dankbarkeit und Ehrfurcht sprechen. Wie manches Mal hat mein Bruder hier schon Heilung von schwerer Krankheit gefunden!

Die Oberin ist eine zarte, distinguirte Erscheinung, »petite, avec de grands yeux«. Sie stammt aus altfranzösischer Adelsfamilie und ist schon dreizehn Jahre im Dienst der Krankenpflege thätig. Wir sprachen über die Gefahren des Klimas und sie resümirte ihre Erfahrungen in dem Ausspruch: »l'énergie, c'est tout. Avec de l'énergie on vit ici, sans cela, on meurt«.

d. 24. Juni.

Heute Morgen, als ich aus meinem Zimmer trat, um zu frühstücken, stand auf der Galerie ein Herr in Joppe, Kniehosen und Gamaschen, dem Costüm, in dem die Herren auf dem Continent zu reisen pflegen. Ohne näher hinzusehen, wollte ich an ihm vorüber zu dem Kaffeetisch, als er mit einer mir sehr vertrauten Stimme: »Guten Morgen, Frieda,« sagte. Da erst erkannte ich meinen Bruder, den ich seit mehr als zwei Jahren nicht gesehen hatte. Und heute ist gerade sein Geburtstag! Albrecht hat einen par force-Marsch von Usungula nach Bagamoyo gemacht. Er befindet sich körperlich und geistig sehr wohl und äußert sich durchaus zufrieden mit den Schwarzen, mit denen er jetzt, nachdem er ihre Eigentümlichkeiten kennen gelernt hat, gern verkehrt und leicht fertig wird. Das Kisuaheli spricht er zwar nicht so correct wie Baron St. Paul, der in alle Feinheiten der Grammatik eingedrungen ist, aber geläufig und mit echter Neger-Betonung.