d. 25. Juni.

Miß Shaw hat uns diesen Morgen in Hütten einzelner weiblicher Patienten mitgenommen.

Man mußte sich bücken, um durch die Thür in den dunklen Raum zu gelangen, der das Innere der Hütten bildet. Den Fußboden darin bildet die festgetretene Erde; die Einrichtungen, die wir heute sahen, bestanden aus einer einzigen Kitanda. Das indische Holzschemelchen, auf dem Miß Shaw bei ihrer Arbeit zu sitzen pflegt, trugen wir mit umher. Die Patientinnen boten ziemlich schwere Fälle von durch Unreinlichkeit und unordentliches Leben entstandenen fressenden Geschwüren, deren energische Behandlung aber auch diese Weiber mit dem größten Stoicismus über sich ergehen ließen. Wenn der active Mut den Suaheli-Negern fehlt, so scheint dafür der passive, der sich im Dulden äußert, desto reichlicher vorhanden.

Den 26. Juni.

Gewöhnlich gehen wir nachmittags mit Herrn von Gravenreuth oder meinem Bruder spazieren, aber zuweilen hat keiner der Herren Zeit für uns, und allein wagen wir uns nicht auf die Straße. Um uns dann die in diesem feuchtheißen Klima unerläßliche Körperbewegung zu verschaffen, klettern wir, wenn die Sonne untergeht, auf das flache Dach unseres Hôtels. Dies ist von so hohen Mauern umgeben, daß man nach keiner Seite hin Aussicht hat, also auch selbst nicht gesehen wird. Wir exercieren dann ganz stramm und machen turnerische Freiübung, was uns vortrefflich bekommt. Unterhaltender und reizvoller sind freilich die Gänge durch die Stadt, besonders abends. Ich habe als Kind mit Vorliebe die Märchen von tausend und einer Nacht durchblättert, die mein Vater in einer vier Foliobände starken Prachtausgabe mit unzähligen Illustrationen besaß. Jetzt scheint mir diese orientalische Märchenwelt vor meinen Augen lebendig geworden, so oft ich Gelegenheit habe, nachts die Gassen zu durchwandern. Wir biegen dicht bei unserem Hôtel in eine enge, finstere Gasse ein. Die altersgeschwärzten Hausmauern zu beiden Seiten sind ganz fensterlos. In einem tiefnischigen Pförtchen steht unbeweglich eine weiß verschleierte Araberin. Sie scheint jemanden zu erwarten. Wir gehen an ihr vorüber, ohne daß sie uns zu beachten scheint. Hinter uns ertönt, aus einer Seitengasse sich nahend, der einförmige rhythmische und gellende Wechselgesang schwarzer Lastträger und das gleichmäßige Getrappel ihrer nackten Füße. Sie holen während des Singens rasch und mühsam Atem, weil sie mit der schweren Last nicht gehen, sondern laufen.

Wir biegen aber bald in eine belebtere Straße ein. Aus einer Moschee ertönt der Chorgesang andächtiger Mohamedaner. Wir erlauben uns vor der offenen Eingangspforte des Tempels einen Augenblick Halt zu machen. Da knieen die Betenden in langen Reihen dicht hintereinander, d. h. sie hocken auf den kreuzweis untergeschlagenen Beinen und singen unter beständigen Verneigungen und nach Vorschrift ausgeführten eigentümlichen Handbewegungen ihre Responsen ab. Zahlreiche Krystall-Lampen, die von der Decke hängen, beleuchten scharf die schwarzen, braunen und gelben Gesichter. Die Schwarzen haben übrigens unbeschadet ihrer Andacht sämtlich die Gesichter uns zugekehrt und betrachten uns mit derselben Neugier, wie wir sie. Um sie nicht ferner zu zerstreuen, setzen wir unsern Weg fort. An der nächsten Straßenecke strömt uns süßer Blütenduft entgegen. Es ist die sogenannte Jasminecke. Hier werden in den Abendstunden auf niederen indischen Holzschemeln große Haufen von Jasminblüten feilgehalten. Die vornehmen Araberinnen bestreuen mit diesen Blüten vor Schlafengehen ihr Lager. Ihre Kopfnerven müssen anders geartet sein, als die der Europäerinnen. Wir befinden uns an der Jasminecke auf einem mit wildem Grün überwucherten Platz. Vor uns steht als malerische Ruine ein zerfallenes Araberhaus; einzelne maurische Bögen sind erhalten. Was hier zusammenfällt, bleibt als Trümmerhaufen liegen und wenn's in der belebtesten Straße der Stadt ist. Auf dem Gemäuer wachsen schlankstämmige Melonenbäume, »papaï«, unter deren zierlicher Blätterkrone die melonenförmigen Früchte hängen, hier eine beliebte Speise. Stammartige Wurzeln klettern außen an dem Gestein herunter auf die Straße nieder. Nicht weit von uns sitzen indische Jungen um ein kleines Holzkohlenfeuer, auf dem sie in einem Pfännchen Weihrauch verbrennen. Die Indier haben regelmäßige Gesichtszüge und träumerische zuweilen sehr schöne Augen. Aber die schlotterige Gestalt, die schlechte Haltung und die trägen Bewegungen tragen den Stempel der Weichlichkeit in unangenehmer Weise. Die männlichen Indier tragen weiße bis an die Knöchel reichende Hosen, Westen und kurze weiße Jacken. Nichts sitzt bei ihnen malerisch, oder zeigt hübschen Faltenwurf, wie es bei den Schwarzen häufig und bei den Arabern fast durchgängig der Fall ist. Auch sind ihre in's Auge fallenden Charakterzüge, Habgier und Geiz, auf den Gesichtern der älteren Männer mit erschreckender Deutlichkeit ausgeprägt. Die Knaben vor uns sehen freilich im rötlichen Schein ihres Feuerchens hübsch genug aus. An einem anderen Feuer sitzen alte Weiber und rösten Erdnüsse. Der vor uns hergehende Diener läßt sich für ein paar Pesa sein rotes Fez damit anfüllen. Man entfernt die geröstete Schale und der Kern schmeckt unseren Haselnüssen ähnlich, nur darf er nicht beim Rösten angebrannt sein.

Den 29. Juni.

Ich habe nun auch die zwei einzigen deutschen Damen hier in Zanzibar kennen gelernt. Frau Strandes, die nach dreijährigem Aufenthalt hier jetzt zum ersten mal unter dem Klimafieber leidet, hat einen prächtigen blonden und blauäugigen kleinen Sohn. Dem Kind scheint die Tropenluft vorläufig ganz vortrefflich zu bekommen. Freilich ist seine Mama auch eine musterhaft verständige kleine Frau, deren consequentes Erziehungssystem mir Achtung abnötigt.

Am vergangenen Sonntag haben wir schon zum zweiten mal Morgengottesdienst im Usagara-Haus gehabt. Starke Gewitterregen haben die Gassen Zanzibars unter Wasser gesetzt. Man hat nur die Wahl von Stein zu Stein zu voltigieren oder durch die Wasserbäche zu waten.

Unser Geistlicher, Herr Missionar Greiner, erschien deshalb am Sonntag in kurzer Joppe, in die Stiefel gesteckten Beinkleidern und hohen Reiterstiefeln von gelbem Leder. So angethan, stand er vor der kleinen Gemeinde und las die milden Worte des Gleichnisses vom verlornen Sohn. Man glaubte sich in eine Hussiten- oder Hugenottenandacht aus den Zeiten der Glaubenskriege versetzt, als der Prediger des lauteren Wortes ritterlich gewappnet, die Bibel in der einen und das Schwert in der anderen Hand seiner Herde voranzugehen hatte. Wir sangen wieder den Choral: »Nun danket alle Gott«, dessen großartige Melodie immer und überall die Herzen erhebt.