„Mon cher Nicolai, es geht besser, seitdem ich draußen in Heiligenstadt wohne. Mutter ist bei mir. Sie, die alles stiller um mich macht. Und Noemi heißt der Glücksquell, aus dem ich schöpfe. Ich brauche Dir nichts zu sagen von diesem meinem zweiten Leben, in das ich zurückgekehrt bin, nachdem ich es damals in Tresano in den Tagen, als ich Dich zum ersten Male sah, verließ. Unbewußt war ich ja wohl oft darin zu Gaste und gefühlt hab’ ich es immer in den Liebesumarmungen, und wenn ich schöner Musik lauschte, da war ich ihm am nächsten. — Jetzt aber lebe ich in Weihe. Du wirst es mir nicht glauben, ich war froh, als Givo abgereist war. Ich ertrug seine Nähe nicht, es war, als müßte ich vor Glück vergehen, als müßte er in diesem zweiten Feuer mit mir verbrennen. Es war zu viel. Das ist nichts für Menschen, so ein überirdisches Glück! Givo ist jetzt in Russisch-Polen, lebt dort unter den orthodoxen Juden, die er erretten will. Ich verstehe nicht ganz, wie er es plant. Ich glaube, er will ihnen Liebe wecken, Sie leben nur im Geist, sagt er, er möchte sie zurückführen zu den Dingen. Er möchte ihnen das ruhelose Irren nehmen, ihre Seelen sollen in ein höheres leibliches Leben eintreten, um zu gesunden. Er sieht das heutige Judentum wie eine Abnormität, eine Krankheit. Dort, wo es auf schönen Wegen war, soll es in ein Sektenwesen ausgeartet sein, das er zurückleiten will zur Liebe. Wer könnte es besser als er, der sich niemals über die anderen erhebt, sondern ihresgleichen wird, um zu helfen. Aber ich fürchte, er wagt zu viel. Wirst Du ihn beschützen dort? Ich weiß, daß er schwach ist, ich weiß es. Ich vertraue ihn Dir an, Nikolai!

Und was mich betrifft? Dein Scheidungsbrief ist vorläufig überflüssig. Manuel ist vor den Gerichten nicht Witwer, weil er keinen Beweis erbringen konnte, daß seine Frau verbrannt ist. Eine Reihe von Jahren muß hingehen, bis der Tod gesetzlich beglaubigt ist. Und wozu auch eine Ehe eingehen? Wir sind einig, wie wir es immer waren, und ein Leben wie Mann und Weib es führen, scheint uns nicht beschieden zu sein. Er muß seinem Genius Deva Nahuscha folgen und sein Lebenswerk weiterfördern in Klüften und Bergen, in denen ihm göttliche Sonne strahlt. Vielleicht ist er ein Märtyrer und ich muß ihm dereinst mit meinen Haaren das Herzblut stillen wie Magdalena des Heilands Füße trocknete. Leb wohl. Du hörst Heiteres, sobald der Frühling mich Frierende erwärmt. Deine

Bella.“

Ende

Aus den nachgelassenen Schriften des Maurus Perbon geht hervor, daß sein Meister Imanuel Givo, dem er sich anläßlich seiner Lehrerschaft in Polen und Rußland anschloß, während eines Pogroms, fälschlich für einen Juden gehalten, deren Verteidigung er übernommen hatte, um das Leben kam. Dem Bericht ist hinzugefügt: „Seine Tochter Noemi Cecilia lebt bei seiner Herzensfreundin, der Frau Arabella von Normayr.“

Wie ersichtlich, hatte sich Arabella mit ihrem Jugendfreund, dem nachmaligen Admiral, vermählt. Mannsthal besuchte sie vor ihrer Verheiratung und bei dieser Gelegenheit soll sich ein Unglück ereignet haben, das allerdings glimpflich ablief. Auf nicht völlig aufgeklärte Art ging in den Händen der Gräfin ein Revolver los und traf ihren Stiefvater an der Schulter. Die Dienstboten behaupteten, daß zur nämlichen Stunde die Herrin im Hause vergeblich und sehr erregt nach ihrer heißgeliebten Ziehtochter, der vierzehnjährigen Noemi, gesucht habe und diese schließlich schwer geängstigt bei dem wunderlichen Herrn Mannsthal angetroffen hatte. Luise, die noch immer bei ihr diente, wollte gehört haben, wie die Gräfin zu der alten Frau Gunter gesagt hatte: „Gott sei Dank, ich kam gerade recht.“ Der alte Herr Mannsthal war dann vor der Hochzeit, die in aller Stille stattfand, noch mit dem Arm in der Schlinge abgereist.

Die zweite Ehe der Gräfin Karinska, die mit dem Grafen Nicolai bis zu dessen Tode in regem Briefwechsel verblieb, soll still und sehr glücklich gewesen sein. Doch starb Arabella von Normayr allzufrüh an einer akuten Herzkrankheit.

Angele hatte die traurige Pflicht ihren Gatten, den Admiral, zu verständigen, der sich eben auf einer Seereise befand. Über das Meer dröhnte ein Kanonenschuß. Dreihundertzwanzig Matrosen knieten und beteten. Eine schwarze Fahne stieg langsam mastaufwärts und flatterte im Abendwind, der von den Küsten Japans Blütenduft auf den Schwingen trug. Leise löste sich über den gleichmäßigen Wellen der grünlichen See die schmale Rauchsäule in die Unendlichkeit.

Ende

Druck von „Norbertus“ Buch- und Kunstdruckerei vorm. J. Roller & Co. Gesellsch. m. b. H., Wien.