Als sie im Wagen saßen, erfuhr er, daß Zora, die sich in der Glaubensschule als störendes Element erwiesen, mit Zustimmung der Tante einige Wochen Ferien erwirkt hatte. Givo war es recht, daß Zora mitgekommen war, so konnte er denn in St. Cloud unter dem Vorwand wohnen bleiben, den beiden Frauen genügend Platz in seiner Stadtwohnung zu belassen. Eine seltsame Scheu hielt ihn zurück, Arabella von Zora zu sprechen, auch von der Mutter erzählte er nicht und dieser niemals von Arabella. Er lebte während dieser Wochen zwei vor einander verborgene Leben. Er stand zwischen zwei Notwendigkeiten und, daß er sie nicht vereinen konnte, ließ ihn selbst oft minutenlang außerhalb, als einen, der sich selbst sieht und abwartet. Aber er fühlte, daß diese Zwiespältigkeit nicht andauern konnte, sie war zu sehr seinem Wesen fremd und verächtlich.
Zora hatte begonnen bei dem berühmten Geigenkünstler Mabese Stunden zu nehmen und Frau Givo sah sich vor einem neuen Konflikt. Die Rückkehr in die Glaubensschule schien ihr auch aus anderen Gründen nicht ratsam. Sie fürchtete, Zora könne sich dort durch ihre Heftigkeit neuerdings unmöglich machen und vor allen Mitgliedern der Gemeinschaft befleckt sein. Dann aber würde eine Ehe mit dem Sohn ausgeschlossen sein. Ihr Talent könnte immerhin die Möglichkeit bieten sie teilweise von der Schule zu befreien. Der Name Uhari war einer der besten unter den Schauenden. Aber gerade deshalb sollte Zora ihn nicht gefährden. Die Bitternis um Manuel hatte sie schlau gemacht und nachgiebig, wenn es galt, dem Ziele näher zu kommen. Sie hoffte schließlich, den Sohn für Zora zu gewinnen. Und Zora war ja hilflos ohne sie, denn Zora liebte das Wohlleben und den Luxus, obwohl ihr Vater Enthaltsamkeit gepredigt hatte, und sie gab ihr darin nach, gewöhnte sie an das Teuerste, nur um sie ganz in der Hand zu haben. Den tieferen Sinn der Lehre beachtete Frau Givo nicht mehr. Ihr galt einzig, ihren Willen, der ihr zum Wahn geworden war, durchzusetzen. Sie rechnete und berechnete. Mochte Manuel die Nächte mit dem fremden Mädchen verbringen, mochte er es verzehren in Liebe, um so rascher würde er frei werden für Zora. Sie täuschte sich: Manuels Leben mit Arabella war die edelste Erfüllung dessen, was seine Lehre unter Geschlechtsgemeinschaft versteht, es war ihm jenes Untrennbare, das keines äußeren Bandes bedarf, die erdenhafte Verschmelzung, aus der die göttliche Flamme schlug, das Licht über seinem Wandel, das nichts Irdisches zerstören, nichts Himmlisches verdunkeln konnte. Mochte sein Gehen und Stehen von ihr getrennt sein, ihr Einssein blieb unlöslich.
Aber zu dieser Zeit geschah es, daß Arabella zu Givo in die Sternwarte kam, was lange nicht geschehen war, um ihm Ceciles Ankunft zu melden, die ihres Leidens wegen zu ihrem Pariser Arzt gekommen war. „Es ist eine Dame bei Herrn Givo,“ sagte der Diener mit verschwiegenem Lächeln. Arabella hörte Zoras Lachen. Sie wartete eine Weile, aber es war irgend peinlich wie lauschend an der Türe zu stehen, während bittere Gedanken kamen, die sie nicht bannen konnte: Wer ist sie? Sie ist jung und lustig. Es duftet hier nach Parfüm. Warum sprach er nicht von ihr? Kann ich nicht immer eintreten zu ihm? Ist es nicht häßlich, wenn ich nicht sorglos ihn begrüße? Niemals war ihr Mißtrauen gekommen und, überdachte sie es, so gönnte sie ihn anderen Frauen. Aber nun stand sie und etwas machte ihr angst und kalt. Sie wußte es gleich, sie liebte nicht die da drinnen und gleich verurteilte sie es, einer Fremden, von der sie nichts wußte, übel zu wollen. Weil es sich aber nicht begründen ließ, weil sie nicht Beweise hatte für ihr abweisendes Gefühl, lag wohl ein Grund vor, ein geheimer Sinn, dem sie Glauben schenkte. Plötzlich ging die Tür auf und Givo trat heraus. Er wurde — er selbst spürte es mit Schrecken — bleich. War es Vögelchens Gefühl, das sich ihm mitteilte, war es der ganze Zusammenhang, der Umstand, daß er nie über Zora gesprochen, die zufällig gekommen war, mit einer Bestellung seiner Mutter, ebenso zufällig wie Arabella? Aber Givo sah sich plötzlich umstellt, verfolgt in seiner Arbeitzelle oder er täuschte sich unbewußt dies vor, um nicht sein wirkliches Gefühl der Scham über sein doppeltes Leben zu empfinden, da er, der immer gerade Wege ging und für alles Tun einstand, vor diesem Wesen, das ihm vertraute, scheinbar ein Geheimnis hatte. Er wußte, dies war nichts als der flüchtige Besuch eines Mädchens, mit dem er in heiterem und zugleich feindlichem Einverständnis stand, aber er sah es, wie Arabella es sehen mochte, als eine heimliche Zusammenkunft und vielleicht nur eine von vielen. Sie wollte sprechen, aber die Scheu, die sie zuweilen empfand, war so groß, daß sie kein Wort hervorbrachte. „Ich kann jetzt nicht mit dir gehen, es ist jemand bei mir. Willst du mich irgendwo erwarten? Wir können dann eine Weile zusammen bleiben.“
„Eine Weile?“ fragte sie. „Und jetzt?“
„Jetzt ist ein Mädchen da, das mir meine Mutter mit einem Brief geschickt hat. Ich kann es nicht rasch fortschicken, ohne es zu kränken.“
Vögelchen wollte ihn bitten: schicke sie fort, sie, nicht mich. Aber sie brachte es nicht über die starren Lippen. Sie nickte nur und ging die Stiegen hinab. Die Kniee zitterten ihr. „Wo sehe ich dich?“ rief er ihr nach.
„Cecile ist hier,“ sagte sie von unten mit mühsamer Stimme. Dann ging sie. Er blieb stehen, seine Füße waren bleischwer. Hinter ihm stand Zora. „War sie das?“ fragte sie und ihre mandelförmigen Augen leuchteten.
„Wer denn? Ach, ihr Frauen, ihr Neugierigen,“ sagte er. Als Zora gegangen war, stand unten an der Tür Arabella. Sie hatte den Schleier über ihr Antlitz gesenkt, aber Zora wußte: das ist sie. Und Zora schritt sorglos weiter, hob ein wenig trotzig den Kopf, als sie an ihr vorüberkam, und Arabella schien es, als kräusle ein Lächeln ihren Mund. Ein kleiner Funken knisterte zwischen ihnen: Feindschaft.
Als Manuel nach St. Cloud kam, fand es sich, daß Arabella mit Cecile zur Bahn gefahren war. Er hatte zwar eine Verabredung mit seiner Mutter, aber nun hatte ihn Unruhe und Sehnsucht befallen, sie an sein Herz zu drücken. War es möglich, daß sie etwa, ohne ein Wort zu hinterlassen, weggefahren war? Welcher Teufel hatte ihn gejagt, nicht das, was ihm das Wertvollere und das Natürlichere war, zu tun? Er quälte sich. Warum hatte er sie, nicht Zora weggeschickt!
Vögelchen kam spät nach Hause. „Allein bist du den einsamen Weg gegangen?“ sagte er und nahm sie in die Arme wie eine Mutter ihr Kind. Er war so froh, daß sie zurückgekommen war. Da weinte sie, weinte all ihre unausgesprochene Angst um jenes Leben, in dem er war abseits von ihr, in einer fremden Welt, die ihr feind war.