Ein himmelblauer Enzian war aus dem Zettelchen gefallen. Er war nicht vergilbt und wie ein unschuldvolles Auge aus einer reinen, fernen Bergwelt sah er in die Schwüle dieser Stunde. Givo sagte: „Von diesem Unglücklichen ist es, dessen Tod ihr verheimlicht wurde.“ Er las die Worte laut. „Verstehst du das? Er hatte es wohl aus meiner Schrift, gegen die er polemisierte. Verstehst du es, Mutter?“

„Und wenn ich es verstünde, ich will es hier nicht bestehen lassen. Um der Sünde willen, die an ihr begangen wurde und die sie selbst, wie es heißt, nicht von sich wies. Ich sage nein und nicht um der Liebe willen, in der sie leben mag, sagte ich jemals ja. Sie ist und bleibt eine Fremde.“ Und kraftvoll, daß im Nebenzimmer das Geigenspiel zerbrach, sprach sie: „Wisse es, Manuel: Nur über meine Leiche geht dein Weg in diese Ehe.“ Da packte Givo ein heiliger Zorn.

„Das ist Lästerung!“ rief er und er, der Sanfte, warf den Stuhl, den seine Hände umklammert hielten, zu Boden. Er nahm seinen Hut und eilte hinweg.

Einige Tage später verließ er mit Arabella Paris. Der Mutter schrieb er, daß er sie wiedersehen würde, wenn sie, von ihrem Wahn geheilt, die entsetzliche Weigerung einstellen würde. Er wollte nicht zum Verbrecher werden an der Ehrfurcht, die er ihr zolle, und nicht zum unglückseligen Schurken an einem Wesen, das er liebe wie seinen Glauben. Angele bat er Mannsthal zu vermitteln, daß es über seine Kraft ginge, Arabella zurzeit seinen Namen zu geben. Es gäbe Verwicklungen, die jenseits der üblichen Lebenswege sich nicht in gewaltsamer Entwirrung lösten. Er könne nur wiederholen, daß sie ihm teurer sei als sein Leben und ihrer Liebe so sicher wie der eigenen.

Vögelchen erfuhr nichts von den Verhandlungen. Sie war glücklich nun des Geliebten Nähe, losgelöst von allen Beziehungen, zu genießen. Sorglos hingegeben fragte sie nicht nach Gesetzen und Verträgen.

Es kommt eine Zeit, in der die Freunde nichts hören von Manuel und Arabella. Sie wohnen im Garten des Glückes und der hat seine Tore geschlossen und läßt niemanden ein. Sie hausen hinter Mauern, über die bunte Blumen sich chaotisch ranken und hinter ihnen im Paradies der Landschaft sprießen sie selbst ineinander, durchweben, durchranken, durchsonnen sich. Einmal nachts ist ihre Umarmung so vollkommen, daß sie der Frucht dieser Stunde gewiß sind. Da kommt am folgenden Tag eine Depesche von Zora, die der Mutter lebensgefährliche Erkrankung meldet und schleunige Abreise empfiehlt. Auf ihr Blühen fällt Frost. Sie raffen sich schwer auf und ziehen gegen Norden. Er will gern Arabella zu Cecile schicken für diese düstere Zeit, die aber ist krank. So muß er sie mitführen in das Fremdland, das seiner Mutter Krankenlager umgibt. Ein Schlaganfall hat in der Stunde ihrer innigsten Vereinigung das Leben Lea Givos bedroht. Es war, als hätten Tod und Zeugung hier geheimnisvollen Zusammenhang.

Cecile führt ihren Plan aus

Das Asyl hatte nur wenige Zöglinge mehr aufgenommen, seitdem Cecile ihre Helferinnen verloren hatte. Clothilde war Krankenpflegerin geworden, Anna leitete in Felix Blancs Lungenheilstätte den wirtschaftlichen Betrieb. Helene war in ihrem Heim beschäftigt. Die Behörden von Chaly wurden überdies von Jahr zu Jahr unduldsamer gegen das Asyl. Cecile verlängerte den Pachtvertrag nicht mehr, als er abgelaufen war. Es gelang ihr mit Hilfe ihrer Schwester das Häuschen Givos in St. Cloud einzurichten und darin die Schützlinge unterzubringen. In Paris gewann sie leichter Hilfe und im Notfall Ersatz für sich selbst.

Besonders lieb war es ihr, daß sie sich von Gaston Lantrec, der nun die Hochschule besuchen sollte, nicht zu trennen brauchte. Dieser junge Mensch fürchtete sich vor dem Gespenst jenes Mordes, das ihm nun oft und oft erschien. Ein Besuch bei dem Vater im Gefangenenhaus hatte ihn in tiefste Schwermut gestürzt und Cecile wußte es, sein brennendster Wunsch war alles aufzubieten, des Vaters Begnadigung herbeizuführen. Er wollte unmäßig viel Geld verdienen, Stunden geben, Erfindungen machen, den besten Verteidiger zu bezahlen, daß der alte Prozeß wieder aufgenommen würde. Nachdem Cecile das Heim in St. Cloud eingerichtet hatte, löschte sie ihren Namen aus der Leitung. Sie fühlte sich sehr müde. Man riet ihr zu Kuren und Reisen, aber sie wußte Bescheid, es half ja nur zu einer Galgenfrist. Eines Tages gab sie Gaston einen Brief, er möge ihn heimlich dem Vater zustecken. Bald darauf erkrankte sie ernstlich, sie begab sich in Spitalspflege und starb nach wenigen Wochen. Gaston war bei ihr in den letzten Stunden. Ninidh mit der weißen Hand drückte ihr die Augen zu. Unter ihren Papieren fand sich ein Brief, der für das Gericht bestimmt war. Sie teilte darin mit, daß sie vor sechzehn Jahren aus Eifersucht Frau X. erschossen habe, weil diese die Geliebte des Bildhauers Lantrec, ihres heimlich Verlobten, gewesen sei. Der Mann habe die Schuld auf sich genommen und ihr das Gelübde abgerungen zu schweigen. Nun aber brachte sie die Wahrheit an den Tag. Der Tod löse ihre schweigenden Lippen. Sie testierte eine größere Summe für die Kosten des neuen Prozesses und für Gefangenenfürsorge. In einem Brief an Givo bat sie ihn, Gaston in seinen Bemühungen zu unterstützen. Man solle nicht versuchen sie für die Öffentlichkeit reinzuwaschen. Sie hoffte, daß ihr Leben ein solches gewesen, daß ihre Freunde, was immer sie auch in Leidenschaft getan habe, sich ihrer nicht zu schämen brauchten. Hector Lantrecs Prozeß wurde wieder aufgenommen. Zwei Monate nach Ceciles Tod wurde er aus dem Gefängnis entlassen.

Das dritte Mütterchen