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GRÖSSERES BILD
Schon der Verfasser des Königsspiegels (Kongespeilet) hat vor ungefähr 640 Jahren darauf hingewiesen, daß es für Alle, die das Schneeschuhlaufen nicht gesehen haben, höchst wunderbar erscheinen muß, weil man auf zwei dazu eingerichteten Holzstücken so schnell über Schneefelder dahin gleiten kann. Er behandelt unter anderem die Frage über das Vorhandensein gezähmter Drachen in Indien und meint, daß dies freilich wunderbar genug klingen mag, daß es aber auch bei uns zu Lande Verhältnisse giebt, die den Völkern anderer Länder noch weit wunderbarer erscheinen müssen. Er sagt:
„Weit mehr Verwunderung aber wird das erzeugen, was von den Männern erzählt wird, die ein Holzstück oder dünne Bretter so zähmen können, daß ein Mann, der nicht schneller zu Fuß ist als Andere, wenn er nur Schuhe an den Füßen hat oder wenn er barfuß ist, — daß dieser Mann, sobald er 7-8 Ellen[13] lange dünne Bretter unter seine Füße bindet, Vögel im Fluge oder die schnellsten Windhunde und Rennthiere im Lauf überholt, welche letztere doch doppelt so schnell laufen wie ein Hirsch, denn es giebt eine ganze Anzahl von Männern, die ihre Schneeschuhe so gut zu gebrauchen wissen, daß sie im Lauf mit ihrem Spieß Rennthiere und noch mehr zu treffen vermögen. Nun wird diese Sache in allen den Ländern unglaublich, unwahrscheinlich und merkwürdig erscheinen, in denen man nicht weiß, mit welcher List oder Kunst es geschieht, daß dünne Bretter zu einer so großen Geschwindigkeit abgerichtet werden können, daß oben in den Bergen nichts, was sich auf der Erde bewegt, im schnellen Lauf dem Manne entgehen kann, der Bretter an den Füßen hat; sobald er diese aber abnimmt, ist er nicht geschwinder als andere Männer. In anderen Gegenden, wo die Leute nicht an so Etwas gewöhnt sind, wird sich kaum ein Mann finden, er mag noch so gewandt sein, der nicht alle Gewandtheit einbüßt, sobald solche Holzstücke an seine Füße gebunden werden. Wir verstehen diese Sache aus dem Grunde und haben im Winter, sobald Schnee liegt, Gelegenheit genug, Männer zu sehen, welche diese List oder Kunst verstehen.“[14]
Die Schneeschuhe werden aus Holz angefertigt und sind in Norwegen in der Regel 3-4 Zoll breit und ungefähr 8 Fuß lang, zuweilen länger, zuweilen kürzer. Sie sind flach und glatt auf der Unterseite. Nach vorne zu sind sie mehr oder weniger in die Höhe gebogen, zuweilen auch am hinteren Ende ein wenig. Sie werden vermittelst eines Zehen-Riemens befestigt, der ungefähr in der Mitte des Schneeschuhs angebracht ist, und in den man die Fußspitzen steckt. Für alle guten Schneeschuhläufer kommt dann ein Fersenband hinzu, das, von dem Zehenriemen ausgehend, um die Ferse läuft.
Auf diesen Schneeschuhen kommt man durch eine eigene gleitende Bewegung der Beine und des Unterkörpers vorwärts. Die Anfangsgründe sind eigentlich nicht schwer zu erlernen, aber die Fertigkeit kann zu einem hohen Grad von Vollkommenheit entwickelt werden. Man darf die Schneeschuhe nicht aufheben und durch den Schnee stampfen, wie man es oft von Stümpern sieht, — sie gehen, als wenn sie barfuß durch ein Moor wanderten. Es kommt im Gegentheil darauf an, die Füße gleitend über den Schnee zu führen. Man hält sie immer ein wenig vorwärts, indem der Körper elastisch und leicht der Bewegung folgt. Die Schneeschuhe werden in paralleler Richtung so nahe wie möglich aneinander vorbeigeführt, also nicht nach den Seiten wie die Schlittschuhe, was gewiß Viele glauben, die das Schneeschuhlaufen nie gesehen haben. Folglich bilden die Spuren, die ein tüchtiger Schneeschuhläufer im Schnee hinterläßt, zwei parallele Linien. In der Hand hält man gewöhnlich einen Stab, mit dem man sich während des Laufens hilft, und der in einzelnen Gegenden eine ungewöhnliche Länge erreicht. Bei diesem Vorwärtsgleiten kann ein guter Schneeschuhläufer auf der Ebene eine große Geschwindigkeit erlangen.
Bergauf und bergab.
Bergaufwärts geht es natürlich langsamer, aber auch hier wird ein tüchtiger Schneeschuhläufer jedem Anderen überlegen sein. Ist der Berg steil und hoch, so geht er nicht geradeaus, sondern nähert sich dem Gipfel Schritt für Schritt kreuzend, oder auch er erklimmt ihn seitwärts Schritt für Schritt und bildet so gleichsam eine Treppe im Schnee. Ist der Hügel niedriger, und sind die Schneeschuhe nicht zu lang, kann er auch auf die Weise, wie sie links auf umstehender Zeichnung ersichtbar ist, direkt bergauf gehen. Man wendet die Schneeschuhe auswärts, bis sie einen so großen Winkel gegeneinander bilden, wie es der Abfall des Berges erfordert, und führt sie so, daß das hintere Ende des einen in die Höhe gehoben und vor den anderen hingesetzt wird. Die Spur im Schnee hat viele Aehnlichkeit mit dem Hexenstich der Nähterinnen. Ein Hügel, den ein Schneeschuhläufer nicht erklimmen könnte, ohne die Schneeschuhe abzuschnallen, muß wunderbar aussehen. Schon Olaus Magni sagt i. J. 1555: „Es giebt keinen Berg, er mag noch so hoch sein, den er nicht auf listigen Umwegen zu erklimmen vermöchte.“
Bergabwärts geht es ganz von selber, denn die Schneeschuhe gleiten leicht über den Schnee dahin. Man muß sich nur auf denselben halten und die Herrschaft über sie bewahren, so daß man nicht gegen Bäume oder Steine läuft oder in einen Abgrund stürzt. Je steiler der Berg ist, desto geschwindere Fahrt hat man, und nicht ohne Grund heißt es im Königsspiegel, daß man auf Schneeschuhen den Vogel im Fluge überholt und nichts, was sich auf der Erde bewegt, dem Schneeschuhläufer entgehen kann.
Das Schneeschuhlaufen ist der nationalste aller nordischen Sports und ein herrlicher Sport ist es; — wenn irgend einer den Namen des Sports aller Sports verdient, so ist es dieser. Nichts stählt die Muskeln so sehr, nichts macht den Körper elastischer und geschmeidiger, nichts verleiht eine größere Umsicht und Gewandtheit, nichts stärkt den Willen mehr, nichts macht den Sinn so frisch wie das Schneeschuhlaufen. Kann man sich etwas Gesunderes oder Reineres denken, als an einem klaren Wintertag die Schneeschuhe unter die Füße zu schnallen und waldeinwärts zu laufen? Kann man sich etwas Feineres oder Edleres denken als unsere nordische Natur, wenn der Schnee ellenhoch über Wald und Berg liegt? Kann man sich etwas Frischeres, Belebenderes denken, als schnell wie der Vogel über die bewaldeten Abhänge dahinzugleiten, während die Winterluft und die Tannenzweige unsere Wangen streifen und Augen, Hirn und Muskeln sich anstrengen, bereit, jedem unbekannten Hinderniß auszuweichen, das sich uns jeden Augenblick in den Weg stellen kann? Ist es nicht, als wenn das ganze Kulturleben auf einmal aus unseren Gedanken verwischt wird und mit der Stadtluft weit hinter uns zurückbleibt, — man verwächst gleichsam mit den Schneeschuhen und der Natur. Es entwickelt dies nicht allein den Körper, sondern auch die Seele, und hat eine tiefere Bedeutung für ein Volk als die Meisten ahnen.