Bergabwärts im Walde.

Wohl nirgends eignet sich die Natur besser für den Schneeschuhlauf als in Norwegen; Hügel giebt es dort zur Genüge, und auch der Schnee ist reichlich vorhanden. Von Kindesbeinen an werden wir an die Schneeschuhe gewöhnt — ein guter Haken krümmt sich bei Zeiten —, und die Natur selbst zwingt die Knaben, ja auch die Mädchen in manchen Gebirgsgegenden Norwegens, die Schneeschuhe zu gebrauchen, sobald sie gehen können. Tief und weich liegt der Schnee den ganzen Winter hindurch vor den Thüren der Häuser. Früh im Herbst kommt er, um erst spät im Frühling wieder zu verschwinden. Wege sind in manchen Gegenden nur sehr spärlich vorhanden, und Jeder — es sei Mann oder Frau —, der von einem Hof zum andern gelangen will, muß die Schneeschuhe anschnallen, denn ohne sie versinkt man bis über die Hüften im Schnee. Man wächst sozusagen mit den Schneeschuhen auf, — es ist nicht selten, daß man Mädchen und Knaben von 3-4 Jahren sich üben sieht. Von dem Alter an oder vielleicht ein wenig später, halten sich die Bauernknaben in steter Uebung. Berge haben sie in der Regel gerade vor dem Hause und überall zu beiden Seiten der engen Thäler, auf Schneeschuhen müssen sie ihren Schulweg zurücklegen und auf Schneeschuhen verbringen sie die freie Zeit zwischen den Unterrichtsstunden. Der Lehrer ist oft selbst mit dabei und stellt sich an die Spitze der kleinen Schar. Und dann des Sonntagsnachmittags, — welch ein Fest ist es nicht den ganzen Winter hindurch, wenn sich die ganze Dorfjugend, Kinder und Erwachsene, der Verabredung gemäß versammelt, um in edlem Wettstreit sich miteinander zu messen und sich zu amüsiren, solange das Tageslicht ausreicht. Und auch die Mädchen sind dabei, aber sie wollen den Burschen lieber zuschauen, obwohl auch sie die Schneeschuhe zu gebrauchen wissen und mancher gute Sport auf Schneeschuhen von norwegischen Mädchen betrieben wird, ohne daß viel Redens davon gemacht wird.

So gestaltet sich das Winterleben der Jugend in manchem norwegischen Dorf. Die Knaben zählen noch nicht viele Jahre, und sie wissen schon, welche Form ein guter Schneeschuh haben muß, wie das beste Holz für die Schneeschuhe aussieht und wie man eine Weide biegen muß, um sie zum Befestigen der Ski verwenden zu können; ein Jeder lernt es, ohne die Hülfe Anderer fertig zu werden, er wächst heran und wird ein Mann für sich selbst, wie sein Vater es war. — Möge sich dies erhalten, möge das Schneeschuhlaufen sich entwickeln und gedeihen, so lange es Männer und Frauen in den norwegischen Thälern giebt!

Eine absolute Nothwendigkeit sind die Schneeschuhe hier in Norwegen wie in ganz Nordeuropa und in Sibirien für die Winterjagd, auf der die tüchtigsten Schneeschuhläufer in den Gemeinden ihre Ausbildung erhalten haben.

Früher war es in Skandinavien ganz allgemein, daß man im Winter die größeren Thiere, Elen- und Rennthiere, auf den Schneeschuhen verfolgte. Wenn der Schnee tief ist, pflegt es für einen tüchtigen Schneeschuhläufer nicht schwierig zu sein, das Wild einzuholen und zu fällen, da es einsinkt und nur mit Mühe vorwärts kommen kann. Es war eine spannende Jagd, die sowohl Stärke, wie Ausdauer und Gewandtheit in der Benutzung der Schneeschuhe erforderte. Der Art und Weise, wie man Rennthiere fällte, geschah schon in dem früher mitgetheilten Bruchstück aus dem „Königspiegel“ Erwähnung.

Jetzt, wo diese Thiere im Winter geschont werden, hat damit diese Jagd ein Ende; doch wird sie gewiß noch von Wilddieben in vielen Theilen Skandinaviens, besonders in den flachen Walddistrikten Schwedens, wo sie am leichtesten ist, betrieben.

Die Jagd, zu welcher der norwegische Bauer jetzt hauptsächlich die Schneeschuhe benutzt, ist das Schneehuhnschießen und der Dohnenfang im Gebirge. Diese Jagd ist friedlicher und weniger anstrengend, aber auch sie hat ihre eigene Anziehungskraft. Das Umherstreifen in den Bergen im Winter, wenn das Weidendickicht von der Schneelast tief herabgedrückt liegt, wenn die Schneehühner, die so weiß sind, daß man sie nur mit Mühe von ihrer Umgebung unterscheiden kann, im Birkengestrüpp umherflattern und gackern, da kann Einem wohl der Sinn frei und leicht werden, während das Auge über die weiße Fläche schweift. Und wenn man dann mit der Büchse und dem Jagdnetz auf dem Rücken in sausender Fahrt die langen, offenen Abhänge hinabgleitet, da braust das Blut weit schneller durch die Adern!

Es ist nicht ungewöhnlich, daß sich der norwegische Bauer auch auf der Hasenjagd der Schneeschuhe bedient, und es kommt auch wohl vor, daß er auf Schneeschuhen den Bären in seiner Höhle aufsucht, oder wenn der Schnee tief und lose ist, den Luchs, den Vielfraß oder einen einzelnen Bären verfolgt, der zufällig aufgeschreckt worden ist. Dem Lappen ist es etwas ganz Gewöhnliches, auf Schneeschuhen seinem ärgsten Feind, dem Wolf, nachzusetzen und ihn zu verfolgen, bis er ihn schießen oder mit dem Skistab todtschlagen kann. Die meisten sibirischen Völker betreiben ihre Winterjagd auf Schneeschuhen, und da der Winter den größten Theil des Jahres ausmacht, ist es sehr begreiflich, welche Nothwendigkeit, ja, man kann wohl sagen welche Lebensbedingung die Schneeschuhe für viele dieser Völker sind.

Das Schneeschuhlaufen ist alt in Norwegen, — wie alt ist nicht zu sagen, es geht weiter in die graue Urzeit zurück als unsere Aufzeichnungen reichen. In den Sagen von unserm Stammvater Nor heißt es sehr charakteristisch, daß er und seine Begleiter auf Schneeschuhen dahergezogen kamen. Sie warteten in Finnland, bis es gute Schneeschuhbahn wurde, und zogen dann gen Westen weiter um den Botnischen Meerbusen in das Land hinein. Diese Sagen sind jedoch verhältnißmäßig späten Datums.