Hauptsächlich durch Prof. Gustav Storm, der dieser Frage eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat, erhielt ich einzelne werthvolle Mittheilungen über die Geschichte der Schneeschuhe in Norwegen, und ich will einiges davon hier wiedergeben. „Soweit ich es beurtheilen kann,“ — sagt Prof. Storm in einem Schreiben an mich — „müssen die Norweger und Schweden das Schneeschuhlaufen von den Lappen erlernt haben.“ Die ältesten historischen Nachrichten sind jedenfalls auf diese Richtung zurückzuführen. In der Mitte des 6. Jahrhunderts gaben zwei südeuropäische Schriftsteller, der Grieche Prokop und der Gothe Jordanis den Lappen einen Namen, welcher die Auffassung unserer ältesten Vorfahren verräth. Beide erwähnen den Stamm der Normannen, welcher auf dem 67°-68° n. Br. lebt, also die Nordländer, und der seine nomadischen Nachbarn als Skridfinnen bezeichnet. Die Nordländer haben also den Finnen oder Lappen den Beinamen Skrid gegeben, weil sie fanden, daß das „Skrida“ charakteristisch für sie war; aber dies „Skrida“ (gleiten) ist gerade in der alten Sprache der bezeichnende Ausdruck für das sich Fortbewegen auf Schneeschuhen („skrida á skidum“, — „Finnr skridr“.)
Der Name Skridfinnen wurde in Norwegen und Schweden bald vergessen; denn hier erlernte man gar bald die Kunst; der Name war aber südwärts gedrungen und wurde auch später von den Schriftstellern anderer germanischer Völker zur Bezeichnung der Lappen benutzt, so von Paulus Diaconus in seiner longobardischen Geschichte (ca. 790), vom englischen König Alfred (ca. 890), von Adam von Bremen (ca. 1070) und von Saxo Grammaticus (ca. 1200).
In ganz alten Zeiten betrachteten die Norweger und die Nordländer überhaupt die Lappen als die tüchtigsten Schneeschuhläufer und das Schneeschuhlaufen als für sie charakteristisch. So läßt Snorre Sturlassön die Königin Gunhild, die in Finnmarken von zwei Lappen (ca. 920) erzogen wurde, von diesen sagen, „daß sie so tüchtig auf Schneeschuhen sind, daß ihnen nichts entwischen kann, weder Mensch noch Thier, und worauf sie zielen, das treffen sie“. In Magnus Barfods Sage wird als altes Sprichwort angeführt: „Es sieht nach Schneewetter aus, Knaben, sagten die Finnen, sie hatten „Aandrer“ zu verkaufen.“ Also pflegten die Norweger damals (1006) ihre Schneeschuhe bei den Lappen zu kaufen, die nach Stephanius (Kommentar zum Saxo) noch im 17. Jahrhundert Meister im Verfertigen von Schneeschuhen sind. Die Historia Norwegiae (von ca. 1200) schildert die Lappen als tüchtige Jäger, die in Fellzelten wohnen. Wenn sie umziehen, nehmen sie diese auf den Rücken, befestigen glatte, hölzerne Stangen, „welche sie Aandrer nennen“, unter die Füße und eilen schneller als Vögel über den Schnee und die Berge dahin. Der ungefähr gleichzeitige Saxo sagt ebenfalls von den Lappen, „daß sie während der Jagd auf krumm gebogenen Hölzern über die schneebedeckten Berge dahin eilen“, — und als er die Sage von König Harald und Toke erzählen will, läßt er den König sich seiner Tüchtigkeit in der Kunst rühmen, „vermittels welcher die Finnen (Lappen) über schneebedeckte Abhänge dahin eilen“. In der isländischen Sage „Graagaasen“ (ca. 1250) heißt es u. a., daß der Geächtete so weit fortgetrieben werden soll „wie der Lappe auf seinen Schneeschuhen läuft, wie die Fichte wächst, wie der Adler an einem Frühlingstag fliegt, wenn er den Wind unter beiden Flügeln mit sich hat.“ Dies ist ganz zweifelsohne eine alte norwegische Gesetzformel, die nach Island hinübergekommen ist.
Es könnte aus unseren Sagen noch mehr in Bezug auf das Schneeschuhlaufen der Lappen angeführt werden, doch glaube ich, daß das hier Erwähnte genügen wird, um zu beweisen, daß das Schneeschuhlaufen in Norwegen von den Lappen eingeführt worden ist.
Wir verdanken es Storm, daß wir mit Sicherheit sagen können, daß das Schneeschuhlaufen schon im 10. Jahrhundert in Norwegen betrieben wurde, jedenfalls im Nordlande und wahrscheinlich auch überall in den nördlichen Berggegenden, wahrscheinlich auch in den „Oplanden“. In einer Reihe von Skaldengesängen aus dem 10. Jahrhundert werden „Skid“ und „Oendurr“ (mit Fell bezogene Schneeschuhe) in poetischen Bildern benutzt, die das Segeln des Schiffes über das Meer mit dem Dahingleiten der Schneeschuhe vergleichen. Guthorm Sindre zu Haakon des Guten Zeit nennt beispielsweise das Schiff „Svanevangens Ski“ (der Schneeschuh des Meeres). Dies zeigt ganz deutlich, daß die Anwendung von Schneeschuhen ganz allgemein gewesen sein muß, denn sonst würde das Bild nicht zu verstehen gewesen sein. Noch wichtiger ist es, daß der Schneeschuhsport seine Repräsentanten unter den Göttern hatte. Der Nordländer Eyvind Skaldespilder (aus Helgeland) nennt in einem Gedicht aus dem Jahre 990 Thasses Tochter Skade „Oendur-dís“ (d. h. Schneeschuhgöttin), und der Isländer Einar Skaaleglam, der ungefähr im Jahre 980 einen Lobgesang auf Haakon Jarl auf Lade dichtete, giebt Ullr den Beinamen „Aanderguden“, (Oendur-jálkr, eigentlich Aandrernes Odin). Zu bemerken ist noch, daß Skade vom Jotun-Stamme ist; wenn man nun bedenkt, daß für die Norweger häufig Lappen und Kobold gleichbedeutend waren, so liegt die Annahme nicht fern, daß Eyvind sie sich als von lappländischer Abstammung gedacht hat. Von Ullr ist zu bemerken, daß er in Dänemark nicht der Gott des Schneeschuhlaufens, sondern der Gott des Schlittschuhlaufens ist, denn Saxo sagt von „Ollerus“, daß er statt sich eines Schiffes zu bedienen, auf einem Bein über das Meer zu setzen pflegte, über das er Hexengesänge gesungen hatte, d. h. er ging auf „Islegger“, welches diejenige Form von Schlittschuhen ist, die unsere Vorfahren anwendeten und die auch, wie aus zahlreichen archäologischen Funden nachzuweisen ist, in Deutschland schon in sehr frühem Zeitalter ganz allgemein gewesen sind. Sowohl in Norwegen, wie in Deutschland finden sie zum Theil noch heute Verwendung.
Also wahrscheinlich erst im nördlichen Norwegen ist Ullr zum Schneeschuhgott geworden, während das Schneeschuhlaufen wohl niemals bis nach Dänemark gelangt ist, wo ja auch die Naturverhältnisse nicht sehr dazu ermuntern. Die Sage von dem dänischen König Harald Blauzahn und Toke, die vor dem Vorgebirge Kullen in Schoonen auf Schneeschuhen stehen mußten, hat in dieser Beziehung keine weitere Bedeutung, da sie zweifelsohne aus Norwegen stammt, wo genau dasselbe von einem König Harald und „Hemingen den ungje“ erzählt wird.
In den historischen Sagen wird u. a. erzählt, daß als Egil Skallagrimsön eines Winters (ca. 950) im Auftrag des norwegischen Königs nach Vermland ziehen sollte, die Sendboten des Königs ihn westlich von Eidskogen verließen, ihre Schneeschuhe nahmen, sie anschnallten und Tag und Nacht liefen, bis sie an die Oplande und nördlich von Doorefjeld bei dem König anlangten (Egils-Saga Kap. 71). Daß Schneeschuhe auch schon früh auf Romerike benutzt wurden, erscheint sehr wahrscheinlich, wenn wir hören, daß Harald Haardraade, der von seinem 15. bis zum 31. Jahr (1030-46) im Süden war, schon in seiner Jugend auf Ringerike das Schneeschuhlaufen erlernt hat.
Aus seiner Zeit stammt auch der Stoff zu den über das ganze Land verbreiteten Heldengesängen von Heming, dessen wunderbares Schneeschuhlaufen im Nordlande auch im Flatöbuche (ca. 1390) erwähnt wird. Der Refrain lautet: „Hemingen das junge Blut auf Schneeschuhen lief gar gut“, und dem Umstand, daß er eine so große Tüchtigkeit in dem Lieblingssport des Volkes besaß, hat er es wahrscheinlich zu verdanken, daß sein Name noch heute im Volksliede weiterlebt.
Später werden Schneeschuhe und Schneeschuhläufer an vielen Stellen in den nordischen Sagen erwähnt, und daraus ist deutlich zu ersehen, daß das Schneeschuhlaufen sich mit der Zeit zu einem allgemein in Norwegen betriebenen Sport entwickelte.
Es ist ganz selbstverständlich — sagt Storm —, daß das öffentliche Postwesen während des Winters, wenn keine Schlittenbahn war und man auch zu Pferd nicht durchzukommen vermochte, sich der Schneeschuhe bediente, — dies ist bereits aus Briefen von den Jahren 1525 und 1535 ersichtlich. Im letzteren heißt es, daß „der Bursche“ Anfang Dezember auf Schneeschuhen „über Doorefjeld und alle Wälder nördlich nach Throndhjem laufen mußte“.