Es liegt kein Grund vor zu der Annahme, daß die Norweger in früheren Zeiten eine größere Gewandtheit im Schneeschuhlaufen besessen haben, als dies jetzt der Fall ist, und wenn wir u. a. lesen, daß Arnljot Gelline (ca. 1000) zwei Männer hinter sich auf seinen Schneeschuhen stehen hatte und trotzdem so geschwind lief, als sei er los und ledig, da wird jeder Schneeschuhläufer wissen, daß dieser Bericht in das Reich der Phantasie zurückzuführen ist. Die Erzählung stammt von einem Isländer, Snorre, und ist eine isländische Tradition; wie wir später sehen werden, waren aber die Isländer durchaus nicht in der Kunst des Schneeschuhlaufens bewandert.

Heutzutage haben sich die Schneeschuhe in ganz Norwegen eingebürgert, vom Nordkap bis Lindesnäs, am wenigsten Verwendung hat man im Westlande für diesen Sport, da die Schneeverhältnisse an manchen Stellen nicht günstig dafür sind. Faßt man das ganze norwegische Volk zusammen, so giebt es wohl verhältnißmäßig wenig Männer oder Knaben, welche die Schneeschuhe nicht kennen und nicht auf ihren Gebrauch angewiesen sind. Auch ein nicht unwesentlicher Theil der weiblichen Bevölkerung versteht heutzutage die Führung der Schneeschuhe ebenso gut wie zu Olaus Magnis Zeiten (1555), „da man Frauen mit ebenso großer Gewandtheit — wenn nicht gar mit noch größerer — wie Männer auf Jagd gehen sah“. Zum Glück für die Nation ist der Schneeschuhlauf in steter Entwickelung begriffen.

Von Telemarken und Kristiania und Umgegend pflegen die tüchtigsten Schneeschuhläufer zu kommen, aber in Oesterdalen, in Oplandene, in Numedalen, Hallingdalen, Valders, Gudbrandsdalen, in der Gegend von Drontheim und in Nordland und Finnmarken findet man ebenfalls tüchtige Schneeschuhläufer.

In Schweden, wo die Schneeschuhe von den Lappen zwar zur selben Zeit wie in Norwegen eingeführt wurden, ist das Schneeschuhlaufen weit weniger entwickelt, — es ist ja auch ganz natürlich, daß Norwegen mit seinen zahlreichen Gebirgsdörfern bessere und zahlreichere Schneeschuhläufer hervorbringen mußte, als das weit flachere Schweden, wo die Schneeschuhe fast ausschließlich nur in den nördlichen Gegenden bis zu Helsingeland, Dalarne und dem nördlichen Vermland bekannt sind und benützt werden. Das Aufblühen dieses Sports in Norwegen während der letzten Jahre hat jedoch dazu beigetragen, daß man auch in südlicher gelegenen Städten mit Stockholm an der Spitze begonnen hat, den Schneeschuhsport einzuführen.

Norwegische Schneeschuhläuferin.

Von den Norwegern wurde das Schneeschuhlaufen schon in alten Zeiten in Island eingeführt, doch scheint es dort fast ganz wieder in Vergessenheit gerathen zu sein, denn nirgends wird es in den isländischen Sagen erwähnt, während die Isländer, die nach Norwegen kommen, häufig das Schneeschuhlaufen schildern. Im vorigen Jahrhundert war das Schneeschuhlaufen dort dermaßen in Verfall gerathen, daß eine königliche Resolution vom Jahr 1780 eine Prämie für einen einzigen norwegischen Mann, der die „Kunst besaß“, aussetzte, nämlich für den Handelsgehülfen Buch auf Husavik, damit er 3 andere darin unterweisen sollte. Das Schneeschuhlaufen wird dort oben jedoch niemals eine hohe Stufe erreichen, so z. B. pflegt man die Schneeschuhe dort nicht an den Füßen festzubinden, was ganz nothwendig ist, wenn man die volle Herrschaft über dieselben erlangen will. Man hat mir freilich gesagt, daß dort oben im Nordlande einzelne Isländer eine ziemliche Tüchtigkeit erlangt haben sollen, — ich möchte indessen nicht dafür einstehen, daß bei dieser Beurtheilung der norwegische Maßstab angelegt worden ist. Nach den Mittheilungen, die ich vom Kandidaten A. Hansen erhalten habe, der Island im Jahre 1882 bereiste, liegen in der Mitte der Insel Höfe, die den ganzen Winter von der Außenwelt abgeschnitten sind, weil die Leute die Benützung der Schneeschuhe nicht kennen.

In Grönland ist das Schneeschuhlaufen wahrscheinlich erst sehr spät von Norwegern eingeführt worden. Es scheint dort nirgends bekannt gewesen zu sein, als Egede im Jahre 1721 nach Grönland kam; aber seine gewandten Söhne, die ja aus dem Nordlande stammten, führten die Schneeschuhe bereits im Jahre 1722 ein. In Paul Egedes Tagebuch heißt es: „Die grönländische Jugend mochte uns gern zum Besten haben. Dagegen konnten wir uns rühmen, daß wir auf Schlittschuhen oder Schneeschuhen laufen konnten — — —“

Das Schneeschuhlaufen wird jetzt theils von den dort ansässigen Dänen, theils von den Eskimos betrieben, aber zu etwas besonderem hat es bis dahin Niemand gebracht. Die Schneeschuhe haben dort niemals festen Fuß gefaßt, sie werden mehr als Spielzeug zum Zeitvertreib in müßigen Stunden betrachtet. Nur selten werden sie während des Winters zur Jagd benutzt. Der Eskimo, der sich hauptsächlich auf der See aufhält, hat den großen Vortheil nicht begriffen, der ihm dadurch erwachsen kann, und es geschieht nur ganz ausnahmsweise, daß er ein Rennthier auf Schneeschuhen verfolgt; einigemale kam es allerdings vor, während ich mich in Grönland aufhielt.

In Amerika kannte man die Schneeschuhe ursprünglich nicht, in letzterer Zeit sind sie freilich von den Skandinaviern in mehreren Gegenden, besonders in den nördlichen, eingeführt worden. So erzählte mir der bekannte norwegische Reisende, Kapitän A. Jakobsen, daß „die Bevölkerung in einem Theil der Rocky-Mountains, wo im Winter viel Schnee fällt, und besonders die Bergleute, seit langer Zeit Schneeschuhe verwendet haben, hauptsächlich zur Beförderung der Post zwischen entlegenen Bergwerkscompagnien und Dörfern. Die meisten dieser Postboten sollen Skandinavier sein.“