Wir können auch ganz sicher annehmen, daß tokh dasselbe Wort ist wie soks, da s und t bekanntlich eine große Neigung haben, ineinander überzugehen. Wahrscheinlich ist es wohl auch, daß der Stamm kok in koklaske — der Name für Schneeschuhe bei den Tscheremissen, dem anderen Zweig der Wolga-Bulgaren, — den gleichen Stamm hat wie tokh. Diese Möglichkeit wird weiter unten [bekräftigt] werden.

Damit haben wir schon ein wahrscheinliches Alter von mindestens 1700 Jahren für die Schneeschuhe nachgewiesen, indem nämlich die gemeinsamen entlehnten Benennungen aus der Zeit, als diese Stämme zusammen waren, älter sein müssen, als altnordische und gothische.[18]

Mit völliger Bestimmtheit können wir jedoch die Möglichkeit einer in späterer Zeit geschehenen Entlehnung noch nicht zurückweisen. Die großrussische Bevölkerung, welche die Trennung bildet, besteht im wesentlichen aus Finnen, die erst in den letzten 600 Jahren slavisirt sind, und die Wolga war schon zu sehr früher Zeit ein stark befahrener Verkehrsweg. Verfolgen wir indessen den Stammbaum weiter aufwärts, so finden wir bei dem nächsten Seitenzweig, dem permischen oder bjarmischen, u. a. scheinbar isolirten Schneeschuhbenennungen bekannte Stämme in Namen wie artakh bei den Permiern, wo der Stamm takh ganz deutlich dasselbe ist wie die mordwinsche Zweigform tokh und kok bei den Syrjänern in dem Worte kört-kok. Dies kok ist dasselbe wie dasjenige, welches wir in koklaske bei den Tscheremissen fanden.

Schneeschuhlauf im alten Stil. (Zeichnung von E. Nielsen.)

Hierdurch sind wir wieder eine bedeutende Strecke weiter hinauf in die Urzeit des finnischen Stammes gelangt; bedeutend weiter aber kommen wir, wenn wir tief im Innern Sibiriens bei den Ostjaken, die dem ugrischen Hauptzweig angehören, abermals auf das Wort tokh stoßen.

Hiernach mußten die Schneeschuhe also schon in Asien bekannt sein, ehe sich der asiatische Völkerstamm in Finnen und Ugrer getheilt hatte, — und dies muß lange vor unserer Zeitrechnung geschehen sein.

Weiter zurück können uns die Untersuchungen der finnisch-ugrischen Sprachen kaum führen. Wenn wir indessen unsere Wanderung östlich über Sibiriens Schneefelder fortsetzen, so stoßen wir auf viele fremdklingende Benennungen für die Schneeschuhe, bis wir plötzlich bei den beiden samojedischen Stämmen, den Karagassen und Sojoten im südlichen Sibirien, die Formen hok und kok wiederfinden. Gehen wir noch weiter östlich, so treffen wir bei den Tungusen im östlichsten Sibirien wohlbekannte Wortstämme in suksylta oder soksalta, bei den Golden, suksildä bei den Manikow-Tungusen und huksille bei den Kondogiri-Tungusen. In dem ersten Theil dieser Wörter: suk oder sok (das bei dem letztgenannten Völkerstamm in huk übergegangen ist), werden wir ja, wie Castrén bereits angedeutet hat, direkt auf suks zurückgeführt, auf das Wort, mit welchem wir unsere Wanderung bei den baltischen Finnen begannen. Hier, wenn nicht schon früher, erhalten wir die direkte Bekräftigung, daß suk dasselbe Wort sein kann wie kok, indem wir sehen, daß suk in suksildä, in huk, in huksille übergegangen ist; bei den Karagassen fanden wir außerdem die Form hok und bei den Sojoten kok, und damit ist ja der Uebergang gegeben, denn es unterliegt keinem Zweifel, daß diese Formen dieselben sind.[19]

Wie aber ist es zu erklären, daß so weitgetrennte Völkerstämme, wie die finnischen Stämme an der Ostsee und die tungusischen Stämme am Stillen Ocean, die durch ein Viertel des Umkreises der Erde getrennt sind, dieselbe Benennung für die Schneeschuhe haben?

So schwierig die Beantwortung dieser Frage auf den ersten Blick erscheinen mag, so liegt doch die Erklärung nahe genug, wenn man die Wanderungen dieser beiden Hauptstämme ins Auge faßt. Beide müssen nämlich, so weit wir wissen, aus der Gegend um Baikal und dem Altaigebirge gekommen sein. Aus dem Umstande, daß man bei den Quellen des Jenisei und des Ob eine ganze Reihe von Ortsnamen findet, die sich nur aus dem finnischen Wörterschatz erklären lassen, hat man geschlossen, daß die Finnen hier gewohnt haben müssen. Die Tungusen ihrerseits sind von den Jakuten und Mongolen östlich und nördlich von ihrem ursprünglichen Wohnsitz vertrieben worden.