Schon im Anfang unserer Zeitrechnung wohnten nach Tacitus Finnen an der Ostsee. Es ist klar, daß die Wanderung des Stammes nach Westen zu sehr lange gewährt hat, während sich ein Zweig nach dem anderen abtrennte, und die Zeit, in der die finnisch-ugrischen Völker noch tief in der Mitte von Sibirien bei einander wohnten, ist sicher lange vor der historischen Zeitrechnung zu suchen.
Wir müssen aber noch viel weiter zurückgehen, wenn wir die Zeit suchen wollen, in der die verschiedenen Hauptstämme, der finnisch-ugrische, der samojedische, der echt mongolische, der tungusische (die gewöhnlich unter der gemeinsamen Bezeichnung mongolische Rasse zusammengefaßt werden), Nachbarvölker waren oder gar einen Stamm bildeten; hier kommen wir an einen Zeitraum, den auch nur annähernd zu messen uns jegliches Mittel fehlt. Aber bereits damals sollen also die Schneeschuhe bekannt gewesen sein.
Wir Norweger sind bis dahin sehr geneigt gewesen, unser eigenes Land als Wiege und Heim unseres liebsten Sports, des Schneeschuhlaufens, zu betrachten. Eine mehr wissenschaftliche Untersuchung des Themas, wie sie hier zum erstenmale in größerer Ausdehnung unternommen ist, zwingt uns indessen zu der Annahme der vielleicht nicht willkommenen Thatsache, daß wir zu den jüngeren der zahlreichen Stämme gehören, welche diesen Sport aufgenommen haben und ihn betreiben, und daß wir am äußersten Rande des unermeßlichen Striches liegen, auf welchem die Benutzung der Schneeschuhe sogar noch fast allgemeiner zu sein scheint als bei uns. Aber wenngleich wir das Schneeschuhlaufen erst spät erlernt haben, so können wir uns doch damit trösten, daß wir gelehrig gewesen sind, und um so besser ist es, daß wir diesen Sport zu einer Blüthe gebracht haben, wie kein anderes Volk es vermochte.
Wie aber sah denn der erste Schneeschuh aus? Diese Frage hat sich gewiß Mancher gestellt, hat sie aber von sich gewiesen, in der Meinung, daß sie nicht zu lösen sei, und wenn wir das ehrwürdige Alter der Schneeschuhe in Betracht ziehen, mag es gar hoffnungslos erscheinen, über die Beantwortung dieser Frage nachzugrübeln. Man kann nur die wenigen Spuren verfolgen, die zu entdecken sind.
Die Kulturgeschichte hat eine ganze Reihe von Beispielen aufzuweisen, daß sich Geräthschaften und dergl. nach Gesetzen entwickeln, die vollkommen denjenigen entsprechen, welche die Entwickelung im Thier- und Pflanzenreich beherrschen.
Nun ist es ein allgemein anerkanntes Gesetz in der Biologie, daß sich die vollkommensten lebenden Formen dort entwickelt haben, wo große, zusammenhängende Landstrecken den Kampf ums Dasein begünstigten, während einfachere, primitivere Formen sich in isolirten oder entlegeneren Gegenden erhalten oder selbständig entwickeln. Ein ähnliches Gesetz muß auch in der Entwickelung der Geräthschaften wiederzufinden sein; wir wollen versuchen, ob es sich nicht auch in den Entwickelungsverhältnissen der Schneeschuhe nachweisen läßt.
Das Bedürfniß, über tiefen und losen Schnee hinwegzukommen, hat die verschiedenen Einrichtungen ins Leben gerufen, die das Einsinken verhindern sollen. Dort, wo der Schnee am tiefsten und am längsten liegt, wird das Bedürfniß am fühlbarsten, wird man am eifrigsten um ein Hülfsmittel bemüht sein.
Die größte, zusammenhängende Landstrecke, in welcher ein langer Schneewinter herrscht, ist der nördliche Theil der alten Welt. Hier ist es denn auch, wo wir die vollkommenste Entwickelung der Geräthschaften finden, welche dazu dienen, über den Schnee hinwegzugleiten — nämlich der Schneeschuhe. Bei näherer Betrachtung finden wir, daß die Gegend, in welche wir aus anderen Gründen den Ursprung der Schneeschuhe verlegt haben, vollständig central in dieser Landstrecke liegt, die ziemlich genau von den Jahresisothermen +6° C. abgegrenzt wird. Wie wir früher gesehen haben, ist es nicht unmöglich, daß die Völker hier zuerst bei ihrer Verbreitung über die Erde auf Naturverhältnisse stießen, welche Mittel, um über die Schneeflächen zu gelangen, erforderlich machten.
Der entsprechende Strich in Nordamerika hat keine Schneeschuhe hervorgebracht. Dies sekundäre Entwickelungscentrum hat dagegen einen selbständigen Typus geschaffen oder vielmehr aus unvollständigeren aus der alten Welt stammenden Urformen entwickelt — nämlich den indianischen oder kanadischen Schneeschuh, der mit seinen eleganten, harmonischen Formen von vielen, wenngleich irrthümlich, unserem Schneeschuh (Ski) völlig gleichgestellt, ja sogar demselben oft vorgezogen wird.
Man wird wenig Aussicht auf Erfolg haben, wenn man nach Formen, welche den Urtypen des Ski oder Schneeschuhes gleichen, in den Gegenden sucht, wo diese entwickelt sind. Gleich dem Naturforscher muß man sich, um dergleichen Formen zu finden, weit lieber den isolirten Gebieten zuwenden. Wir müssen uns auf Gebirgszüge begeben, die außerhalb des Schneeschuhstriches liegen, die aber bis an die Temperaturgrenze des Schneeschuhes reichen. Hier finden wir verschiedene Arten von Trugern.