Jedoch den Fall gesetzt, das Glück wäre dem Kühnen hold und Nansen erreichte die Ostküste Grönlands, was will er dann anfangen, um das eigentliche, ebene Inlandseis zu erreichen, — mit anderen Worten, wie will er über den äußeren Rand des Inlandseises gelangen, wo Fels auf Fels aus der Eisdecke emporragt und diese aller Wahrscheinlichkeit nach an den meisten Stellen unpassirbar macht.“ — — —
„Nansens Plan, gerade die steilen Küstenfelsen zu erklimmen und von dort auf das aufgedämmte hohe Eisfeld zu spazieren, verräth deshalb eine vollständige Unkenntniß der Verhältnisse.“ — —
— — „Mit dem, was man vom Außenlande sehen kann, hört meine Erfahrung auf, und ich kann deswegen nicht darauf eingehen, den Plan zu kritisiren, der darauf ausgeht, den inneren Theil des Inlandseises zu passiren, und eine genügende Menge Proviant mit sich zu führen, — ich glaube übrigens, daß sich dieser Plan möglicherweise ausführen ließe, falls Nansen wirklich über den ersten Rand des Eises gelangen könnte.
Auf etwas ganz anderes dagegen halte ich mich für verpflichtet und berechtigt in der vorliegenden Angelegenheit aufmerksam zu machen: nämlich, daß meiner Ansicht nach Niemand das moralische Recht hat, durch Wagnisse, die nur eine geringe Aussicht haben, zu irgend welchem Resultat zu führen, die Eskimo-Einwohner Ostgrönlands zu belästigen, indem man von ihnen verlangt, daß sie Einem aus der Klemme helfen, in die man sich selber ohne jeglichen Zweck hineinbegeben hat. Es kann nämlich für uns Wenige, die etwas von den Verhältnissen im dänischen Ostgrönland kennen, kein Zweifel darüber sein, daß man, — so wie Nansens Plan entworfen ist, falls nicht das Schiff die Küste erreicht und auf ihn wartet, bis er gezwungen ist, seinen Plan aufzugeben, — zehn gegen eins wetten kann, daß Nansen entweder sein Leben und vielleicht das Anderer, ohne allen Zweck aufs Spiel setzt oder auch, daß er von den Eskimos aufgenommen und von diesen an der Küste entlang bis zu den dänischen Stationen an der Westküste geführt wird. Niemand aber hat das Recht, die Ostgrönländer ohne Zweck zu einer langen und für sie verderblichen Reise zu veranlassen.“ — — —
Diese Artikel waren sicher in bester Absicht geschrieben, aber sie geben doch ein klares Beispiel, welche fast abergläubische Angst viele Menschen — und darunter selbst Sachverständige und Autoritäten — vor dem Inlandseise und vor einer Passage über die Schnee- und Eisfelder bis vor ganz kurzem empfunden haben müssen. Der Verfasser des [oben erwähnten Artikels] hatte sich selber mehrere Jahre lang am Rande des Inlandseises aufgehalten, aber niemals war ihm der Gedanke gekommen, einen kleinen Spaziergang über diesen Rand hinaus zu machen. Er würde sicher schon bei den ersten Schritten viele seiner groben Irrthümer eingesehen haben und sich darüber klar geworden sein, „was eine völlige Unkenntniß der Verhältnisse“ bedeute.
In einem anderen wenn möglich noch weniger sachkundigen Artikel hieß es, daß wenn Nansen selber so verrückt sein wolle, so etwas zu wagen, er doch sicher nicht einen einzigen Menschen mit sich bekommen würde, und allein könne er das Wagniß doch nicht unternehmen!
Auch in der englischen Presse erschienen mehrere Artikel gegen die Expedition.
Aber trotz aller dieser warnenden Stimmen und trotz der allgemeinen Ansicht, daß das Ganze eine Tollheit sei, fanden sich doch genug Menschen, die sich daran betheiligen wollten. Ich erhielt über 40 Gesuche von Leuten in den verschiedensten Stellungen. — Da waren Offiziere, Pharmaceuten, Kaufleute, Bauern, Seeleute, Studenten etc. etc. Und außerdem waren noch Viele da, die kein direktes Gesuch einreichten, die aber sagten, daß sie mehr als gerne mitwollten, und daß sie sich melden würden, wenn sie wüßten, daß es ihnen nützen könne. Es waren auch nicht allein Norweger, sondern aus Dänemark, Frankreich, Holland und England liefen gleichfalls Gesuche ein.
Ich konnte indessen nur Leute gebrauchen, die mit dem Schneeschuhlaufen vertraut und die als energische ausdauernde Menschen bekannt waren. Ich wählte folgende Norweger: Otto Sverdrup, früheren Schiffskapitän, Oluf Dietrichson, damals Premier-Lieutenant, jetzt Kapitän bei der norwegischen Infanterie, und Kristian Kristiansen Trana, einen norwegischen Bauernburschen. Da ich ursprünglich die Absicht hatte, Rennthiere mitzunehmen, und da ich glaubte, Nutzen aus dem angeborenen Ortssinn der Naturvölker, sowie ihrer Gabe, sich in alle möglichen Lagen des Lebens zu finden, ziehen zu können, so schrieb ich an ein paar mir empfohlener Männer in Finnmarken und fragte an, ob sie mir ein paar Berglappen verschaffen könnten, die geneigt seien mitzukommen. Ich fügte hinzu, daß es muthige Leute sein müßten, bekannt als besonders ausdauernd und geeignet, sich auf unbekanntem Terrain zurecht zu finden; auch müßten sie von vorneherein völlig über die gefahrvolle Natur des Vorhabens unterrichtet sein, es müsse ihnen eingeschärft werden, daß ebenso viel Aussicht vorhanden sei, daß sie nicht zurückkehrten, als daß sie ihre Heimath glücklich wieder erreichten, — ferner müßten es unverheirathete Leute in einem Alter zwischen 30 und 40 Jahren sein, da ich glaube, daß Körper wie Geist in dem Alter am widerstandfähigsten und geeignetsten für ein solches Unternehmen seien.
Es währte lange, ehe Antwort auf meine Vorfrage kam, — die Post gelangt nicht schnell zu den Bewohnern Finnmarkens, — nur alle vierzehn Tage kommt sie mittels einer Rennthierpost über das Gebirge zu ihnen. Endlich als die Zeit bereits drängte, erhielt ich die Antwort, ich könne zwei tüchtige Kerle aus Karasjok bekommen, wenn ich gut bezahlen wolle. Ich ging so ungefähr auf ihre Forderungen ein und telegraphirte, daß sie baldmöglichst kommen müßten. Dann erhielt ich die Nachricht, sie seien unterwegs und würden den und den Tag eintreffen, — ich war natürlich sehr gespannt darauf, sie zu sehen. An einem Sonnabend Abend wurden sie erwartet. Es waren Leute am Bahnhof, um sie in Empfang zu nehmen und sie in ihr Logis zu führen. Aber keine Lappen kamen. Auch am Sonntag kamen sie nicht. Niemand konnte begreifen, was aus ihnen geworden war; endlich am Montag hieß es, nun seien sie angekommen. Und wirklich, sie waren gekommen, — mit dem gemischten Güterzug statt mit dem Eilzug. Ich eilte nach ihrem Logis und kam in ihr Zimmer, — mitten in demselben stand ein junger, hübscher Mann mit einem beinahe mehr finnischen als lappländischen Aussehen, hinten in einer Ecke saß ein alter Mann mit langem, schwarzem Haar, das ihm über die Schultern hing; er war klein von Wuchs, sah aber noch kleiner aus, wie er da zusammengekrochen auf einer Kiste saß. Er hatte ein stärkeres lappländisches Aeußere als der Junge. Auf ihn paßte völlig die Beschreibung, die Peder Daß (1685) von den Lappen giebt: