„Mein Plan ist in aller Kürze der folgende: Mit drei bis vier der besten, ausdauerndsten Skiläufer, die aufzutreiben sind, beabsichtige ich, mich anfangs Juni mit einem der norwegischen Seehundsfangfahrzeuge von Island aus nach Grönlands Ostküste zu begeben und ungefähr beim 66° N. B. zu versuchen, mich so weit wie möglich der Küste zu nähern.[1]
Kann das Fahrzeug das Land nicht erreichen, was jedoch nach den von den Seehundsfängern gemachten Erfahrungen, die sich häufig dieser Küste genähert haben,[2] nicht unwahrscheinlich ist, — so verläßt die Expedition das Fahrzeug, sobald dies der Küste so nahe wie möglich gekommen ist, und begiebt sich über das Eis an Land. Um über das offene Wasser zu gelangen, das sich voraussichtlich in der Nähe der Küste befindet, zieht man ein leichtes Boot auf Schienen hinter sich her über das Eis. Daß eine solche Fahrt über das Treibeis möglich ist, glaube ich auf Grund früherer Bekanntschaft mit demselben annehmen zu können. Im Jahre 1882 machte ich nämlich mit dem Seehundsfänger „Viking“ aus Arendal eine Reise in diese Gegend, und wir saßen im Juni an der Ostküste von Grönland im Eise fest. 24 Tage hindurch trieben wir an der Küste, an welcher ich jetzt an Land zu gehen gedenke, entlang, und ich hatte während der Zeit auf meinen zahlreichen Wanderungen und Jagdausflügen reichliche Gelegenheit, Bekanntschaft mit der Beschaffenheit des Eises und den Schneeverhältnissen zu machen, wie wir auch auf unserer Reise häufig infolge plötzlicher Einklemmungen gezwungen waren, unsere Boote lange Strecken über die Eisschollen zu ziehen. — Auf diese Weise glaube ich also das Land erreichen zu können. Am liebsten würde ich es sehen, wenn dies ein wenig nordwärts von Kap Dan geschehen könnte, da die Küste hier noch nicht von Europäern bereist ist und schon an der Küste vielerlei von Interesse zu untersuchen sein würde. Weiter südwärts dagegen ist die Küste verhältnißmäßig bekannt, da die dänische Frauenboots-Expedition unter Kapitän Holms Leitung im Jahre 1884 bis zu einem etwas nördlich von Kap Dan gelegenen Punkt vordrang und in Angmagsalik, einer Kolonie heidnischer Eskimos, etwas südlich von dem genannten Vorgebirge, überwinterte. Nachdem wir die Untersuchungen an der Küste gemacht haben, die sich ohne große Zeitvergeudung ausführen lassen, treten wir sobald wie möglich die Wanderung über das Inlandseis an. Gelangt die Expedition nördlich von Kap Dan ans Land, so beginnen wir unsere Wanderung am Ende eines der dort belegenen Fjorde; landen wir dagegen südlicher, so müssen wir uns in den tiefen Sermilikfjord begeben, um von hier aus auf das Eis zu kommen.
Die Expedition versucht gleich so hoch wie möglich auf eisfreies Terrain zu gelangen, selbst wenn die Steigung hier bedeutend stärker sein sollte als auf den Gletschern; hierdurch hat man nämlich den Vortheil, daß man, wenn es sich endlich als nothwendig zeigt, auf das Eis zu gehen, voraussichtlich flacheres und ebeneres Eis finden und gleichzeitig das schlimmste Gletschereis vermeiden wird, das uns durch seine Unebenheiten und Spalten nicht geringe Gefahren und Hindernisse in den Weg legen kann. Auf das Eis gekommen, richtet die Expedition ihren Kurs auf Christianshaab an der Diskobucht, und sucht diesen Ort baldmöglichst zu erreichen. Indem man sich nach der Diskobucht begiebt, statt eine südlichere Richtung einzuschlagen, hat man auf der einen Seite den Vortheil, daß man auf dem nördlicheren Wege voraussichtlich eine bessere Schneeschuhbahn finden wird, und auf der anderen Seite den, daß man an der Diskobucht, wo keine tiefen Fjorde in das Land einschneiden, verhältnißmäßig leicht bewohnte Orte antreffen wird, da die vor der Küste belegene Diskoinsel mit ihren etagenförmigen Basaltklippen vom Inlandseise aus gesehen einen guten Wegweiser abgeben dürfte, um von dort mit Leichtigkeit nach einer der beiden Kolonien Jakobshafen oder Christianshaab zu gelangen, die ungefähr einen halben Grad voneinander entfernt an der Diskobucht liegen.
Die Entfernung von der Ostküste, wo ich zu landen gedenke, bis zu der Diskobucht beträgt ungefähr 670 km; wenn man nun rechnet, daß man täglich 20-30 km zurücklegen kann, was für Schneeschuhläufer sehr mäßig gerechnet ist, so wird die Reise nicht über einen Monat währen; nimmt man aber Proviant für die doppelte Zeit mit, so scheint alle Wahrscheinlichkeit für einen glücklichen Ausgang vorhanden zu sein.
Der Proviant muß auf Schlitten gezogen werden. Außer den gewöhnlichen Schneeschuhen (Ski) denke ich eine andere Art Schneeschuhe (Truger)[3] mitzunehmen, die dort, wo der Schnee weich und naß ist, zweckmäßiger sind.
Neben dem Proviant für ungefähr zwei Monate, sowie den verschiedenen Arten von Schneeschuhen sollen ferner die nothwendigen Instrumente zur Ortsbestimmung etc. etc. mitgenommen werden.“
Daß gegen einen Plan wie diesen auch in der Presse mehr oder weniger kräftige Einwendungen erhoben wurden, ist ja nicht zu verwundern; sie zeichneten sich jedoch durchgehend dadurch aus, daß sie auffallende Unkenntniß der Eis- und Schneeverhältnisse sowie der Passage über die Eis- und Schneefelder verriethen.
Ich kann mir das Vergnügen nicht versagen, hier einige kleine Auszüge aus einem Vortrag wiederzugeben, der von einem jungen dänischen Grönlandsfahrer in Kopenhagen gehalten und in der dänischen Zeitschrift „Neue Erde“ (Ny Jord) im Januar 1888 abgedruckt worden ist. Da heißt es u. a.:
„Andere Pläne sind nicht weiter als bis auf das Papier gelangt, so z. B. der Vorschlag in einem Ballon quer über das Inlandseis zu gehen, der schon Ende des vorigen Jahrhunderts gemacht wurde. Zu der letzten Klasse von Vorschlägen, die bis dahin nur bis auf das Papier gelangten, gehört auch derjenige, der von dem nordischen Zoologen, dem Konservator an dem Museum zu Bergen, Fridtjof Nansen gemacht ist.“ — — —
„Es ist sehr viel, was für den Grundgedanken in Nansens Expedition spricht, sowohl daß er sich von der Ostküste nach dem civilisirten Theil Grönlands hinüberzubegeben gedenkt (statt umgekehrt), als auch, daß er als tüchtiger Skiläufer Ski als Beförderungsmittel benutzen will. Aber mit dieser Anerkennung der Grundgedanken des Planes muß auch für Jeden, der etwas von den Verhältnissen kennt, die Anerkennung aufhören. Schon die Art und Weise, wie Nansen die Ostküste zu gewinnen gedenkt, indem er nämlich die sichere Schiffsplanke verlassen und gleich einem Eisbären von einer schaukelnden Eisscholle auf die andere wandern will, bis er das Ufer erreicht hat, ist ja so dummdreist, daß man nicht weiß, was man dazu sagen soll.