Durch seine Bemerkungen in seinem oft höchst wunderlichen Norwegisch verschaffte uns Balto viel Amusement. Wenn er z. B. sagte: „Morgen will ich auf die Jagd gehen und Rennthiere schießen, wenn ich aber nichts bekomme, dann gehe ich nie wieder auf Rennthierjagd, sondern nehme meine Bürschte (Büchse) und schieße Schneehühner,“ da konnten wir uns vor Lachen kaum halten. Oder wenn er uns erzählte: „Tod und Teufel! Ueber Nacht will ich einen Fuchs sitzen!“ so wirkte auch das unwiderstehlich komisch; er meinte damit, er wollte Füchsen auflauern, die in der Nacht an den Strand hinab zu kommen pflegten.
Den 4. Dezember. Das Tageslicht dämmerte schwach, als ich erwachte. Ich steckte meinen Kopf aus dem Schlafsack und war angenehm überrascht, als ich Joel schon in seinem kalten Segel aufgerichtet sitzen sah, mit seiner höchst primitiven Morgentoilette beschäftigt, die darin bestand, daß er sich mit den Fingern durch sein rabenschwarzes Haar fuhr, das ihm wie Hörner nach allen Seiten hin abstand. Dann steckte er den Kopf zur Zeltthür hinaus, ließ die Augen über die Berggipfel zu beiden Seiten des Fjordes gleiten und zog den Kopf wieder zurück. „Nun, Joel, wie sieht’s heute mit dem Wetter aus, eignet es sich wohl für die Rennthierjagd?“ „Asukiak, imekame.“ („Ich weiß nicht, es ist möglich.“) Ich kenne Joel genügend, um zu wissen, daß dies so viel bedeutet als: „Das Wetter ist schlecht.“ Es ist eine Eigenthümlichkeit, die ich nicht bei unserem Freunde Joel allein, sondern ganz allgemein bei den Grönländern gefunden habe, daß sie einem Europäer nicht gern widersprechen oder ihm eine Antwort geben, die ihm unangenehm sein könnte. In letzterem Falle kleiden sie ihre Worte gern in eine etwas zweideutige Form. Dies ist ja im Grunde ein hübscher Zug ihres Charakters, der aber für Diejenigen, die mit ihnen zu thun haben, oft recht unangenehm sein kann.
Ich kannte Joel, wie gesagt, und erwiderte ihm: „Du meinst also, daß es heute wieder schlecht aussieht?“ „Soruna Ajorpok.“ („Freilich, es sieht schlecht aus.“) „Der Wind steht thalaufwärts.“ Nun, dabei war nichts zu machen. Wenn der Wind thalaufwärts steht, so daß man ihn, wenn man dem Rennthier nachspürt, im Rücken hat, da soll man die Sache lieber ganz aufgeben, denn man erreicht nichts weiter, als daß das Wild scheu wird. Freilich sagte Joel oft, daß der Wind ungünstig sei, wenn er selber faul war (und das kam häufig vor), da mußte ich denn selber hinaus und mich davon überzeugen, und gelangte dann häufig zu dem Resultat, daß es sich schon machen ließe. Diesmal verhielt es sich jedoch so, und wir beschlossen, wie gewöhnlich in solchen Fällen, auf die Schneehühnerjagd zu gehen. Joel kleidete sich an, heizte ein und ging an den Bach, um Wasser für unsern Kaffeekessel zu holen, wobei er gewöhnlich einigemale auf dem Glatteis fiel, so daß man ihn und den Kaffeekessel deutlich hören konnte. „Da liegt Joel wieder,“ pflegte Sverdrup zu sagen.
Endlich war dann der Kaffee fertig, und wir verzehrten unser Frühstück in den Schlafsäcken, wobei wir berathschlagten, wohin die Einzelnen heute gehen wollten, und wo wohl am meisten Aussicht auf Schneehühner sei. Sobald das Frühstück eingenommen war, kleideten wir uns an, griffen nach den Büchsen, gingen hinaus, schnallten die Schneeschuhe unter die Füße und verschwanden Jeder in seiner Richtung.
Es währte eine ganze Weile, bis ich fertig war, mehrere von den Gefährten hatten sich bereits auf und davon gemacht, besonders waren Balto und Kristiansen heute sehr früh auf den Beinen gewesen. Als ich die Schneeschuhe angezogen hatte, ging ich über einige Bergrücken ein wenig östlich vom Zelt, wo es aussah, als könnten dort Schneehühner sein. Der Weg war beschwerlich, er führte über unebene Stellen, wo das Schneehuhn sich gern aufhält. Das Auge späht und späht nach allen Richtungen zwischen den Steinen, aber ich hatte heute kein Glück, nichts war zu entdecken, was auf die Nähe eines Schneehuhns schließen ließ, kein schwarzer runder Punkt, der dem Auge eines Schneehuhns[92] gleichen konnte, hob sich von der weißen Schneedecke ab, nirgends eine Spur oder ein gackernder Laut! Ich vernahm nichts als meine eigenen Schritte auf dem Schnee. Ich stieg immer höher und erreichte einen Bergrücken, der eine Aussicht über das Land nach dem Inlandseise gewährte. Wie wunderbar leblos, nicht einmal ein kreisender Adler oder ein krächzender Rabe, an denen es doch sonst niemals zu fehlen pflegt. Rings umher stehen die schweigsamen schneebedeckten Berge mit den dunklen Abhängen, an denen der Schnee nicht liegen bleibt. Tief unten, an der steilen Felswand entlang, schlängelt sich der dunkle Ameralikfjord schwermüthig dem Meere zu, von allem Leben, allem Sonnenlicht vergessen, — bis an sein Gestade dringt den ganzen Winter nicht ein einziger Sonnenstrahl. Kein Wald, keine Bäume, ja nicht einmal ein Busch oder Strauch ist zu erblicken. Und doch ist es schön hier! Jetzt wirft die Sonne ihr Streiflicht über die Berggipfel an der anderen Seite des Fjordes, der Schnee erglänzt, erröthet. Die Natur bedarf, um schön zu sein, nicht immer des Lebens.
Ich lenkte meine Schritte weiter landeinwärts. Vor mir lag eine flache Ebene mit einer Moorstrecke, und jenseits derselben eine steile Felswand. Ich hatte noch nicht viele Schritte zurückgelegt, als es mir vorkam, als vernähme ich dort oben auf der Felswand einen Laut. Ich glaubte, daß es möglicherweise ein Rennthier sein könne, das sich verlaufen hatte. Ich blickte hinauf, konnte aber nichts entdecken, und fand es auch ganz natürlich, kein flügelloses Wesen konnte den steilen Abhang erklimmen. Abermals schritt ich landeinwärts weiter, da vermeinte ich ganz deutlich ein rasselndes Geräusch zwischen den Steinen zu hören, und diesmal konnte ich mich nicht getäuscht haben. Ich hielt an, ich blickte hinauf, entdeckte aber nichts; es mußte dennoch ein Irrthum gewesen sein, und abermals setzte ich meinen Weg fort, indem ich darüber grübelte, wie ich mich im Grunde so irren könnte. Da erschallten plötzlich Schritte von der Bergwand her, diesmal aber so scharf und deutlich, daß von einem Irrthum nicht die Rede sein konnte, und so suchte ich denn mit meinen Augen die ganze Bergwand nach dem vermeintlichen Rennthier ab. Es währte lange, bis ich etwas fand, — ich suchte zu weit nach unten; als ich aber bis an die Mitte der steilen Felswand kam, wie staunte ich da, als ich einen Menschen erblickte, der dort oben gleich einer Mücke zwischen den Steinen umherkroch. An dem langen Wams und der viereckigen Mütze erkannte ich Balto, er ging gerade mit seinen Schneeschuhen über einen kleinen schneebedeckten Abhang, der über die steile Felswand hinausragte. Ich stand wie angenagelt da. Soweit der Abstand es gestattete, verfolgte ich jede Bewegung. Ich konnte sehen, wie er die Schneeschuhe in die Schneewand hineinstampfte, um festen Fuß zu fassen, die Büchse hing ihm schräg über den Rücken, den Kopf wandte er der Bergwand zu. Er bewegte sich vorsichtig Schritt für Schritt vorwärts, während er sich auf seinen Stab stützte. Ich konnte nicht begreifen, woher er, der doch sonst so für sein Leben besorgt war, plötzlich diesen Muth bekommen hatte. Da glitt ein Fuß aus, er hieb den Stab fest ein, da glitt auch der andere Fuß aus, — in sausender Fahrt ging es bergabwärts, — das Blut erstarrte mir förmlich in den Adern. Der Schnee wurde mit hinabgerissen, es ging in immer wilderer Fahrt, und gerade unter ihm befand sich eine tiefe Schlucht. Da blieben seine Kleider an einem Felsvorsprung hängen, der über dem Abgrund aus dem Schnee hervorragte. Einen Augenblick blieb er in der Schwebe, zappelnd und bemüht, festen Fuß zu fassen, dann aber gab das Felsstück nach. Nun folgte eine Luftreise, dann ging es über eine schneebedeckte Strecke, dann abermals an einem steilen Abhang hinab, bis er als unbewegliche Masse auf einem Felsabsatz liegen blieb. Ich hielt ihn für todt oder doch jedenfalls völlig gerädert.
Da ward ein Arm sichtbar, der sich vorsichtig im Gelenk bog, dann ein zweiter, und dann der Kopf, der sich ein wenig aufrichtete und einige vorsichtige Nackenbewegungen machte, dann die Beine — merkwürdigerweise schien alles heil geblieben zu sein —, und nun erhob er sich. Ich konnte nicht so recht sehen, was er eigentlich wollte, dann erklang aber ein Schuß. War seine Büchse losgegangen? Ich sah ihn mit etwas beschäftigt, konnte aber nicht erkennen, was es war. Ein zweiter Schuß folgte. Was hatte dies nur zu bedeuten? Er ging auf dem kleinen Absatz umher, augenscheinlich nach einem Ausweg spähend, der nicht zu finden war. Nun aber nahm er die Schneeschuhe auf den Nacken und fing vorsichtig an, die Bergwand an einer Stelle hinabzusteigen, wo er einigermaßen festen Fuß fassen konnte. Schritt für Schritt ging er. Als ich ihn endlich unten im Steingeröll außer Gefahr sah, zog ich weiter. Ich fand an dem Tage jedoch keine Schneehühner, ich hatte kein Glück. Da vernahm ich einen Schuß von Balto, er befand sich nun nicht weit von mir oben zwischen dem Steingeröll an der anderen Seite einer Felsspalte. Ich blickte hinüber und gewahrte einen Flug Schneehühner, die von ihm weg flatterten und sich zwischen dem Steingeröll in der Bergspalte niederließen. Da es nicht weit von mir war, ging ich den Weg hinauf und gewahrte bald Unmengen von Schneehühnern, die in dem Schnee zwischen den Steinen umhertrippelten. Sobald man sich näherte, standen sie still und reckten ängstlich die Hälse aus, ließen mich aber doch bis auf Schußweite herankommen. Ich schoß ein paar Vögel, scheuchte aber damit den ganzen Schwarm tiefer in das Geröll hinein, wo Balto gerade zum Vorschein kam, und wo er nun seine Mundladebüchse lud und damit schoß, als gälte es sein Leben. Da ich sah, daß er sehr gut allein damit fertig werden konnte, setzte ich mich hin, schaute ihm zu und wartete auf ihn. Die Schneeschuhe hatte er abgenommen und sprang nun von einem Stein zum andern, überall vorsichtig umherspähend. Es mußte ihm sehr heiß sein, denn er hatte die Mütze abgeworfen, obwohl es 15 Grad Kälte waren. Erblickte er ein Schneehuhn, so schlich er sich an dasselbe heran, theils krummgebeugt hinter den Steinen gehend, theils auf allen Vieren kriechend, bis es ihm oft so nahe kam, daß er es fast hätte mit dem Büchsenkolben tödten können, — ein langes vorsichtiges Zielen, dann ein Knall, und das Schneehuhn lag in der Regel todt da. Dann lud er und sah sich, ehe er sich näherte, vorsichtig um, ob mehr Schneehühner in der Nähe wären. War das Thier angeschossen, so entstand eine wilde Jagd, es flatterte voran und Balto eilte hinterdrein, so daß der Schnee um ihn her aufstob, hin und wieder trat er fehl und versank bis an den Magen zwischen den Steinen. Schließlich stürzte er sich über den Vogel und biß ihm den Kopf ab. Endlich war er fertig und kam nun barhäuptig und außer Athem zu mir hinab, während ihm die Schneehühner von der Schulter herabhingen, mich fragend, ob ich ein angeschossenes Huhn gesehen habe, das ihm nach dieser Richtung hin entwischt sei. Wenn er das bekäme, hätte er gerade fünfzehn. Nein, ich hatte es nicht gesehen. Dann fand er aber Spuren im Schnee und bald auch das Schneehuhn selber, jetzt entstand eine neue Jagd, die damit endigte, daß es oben zwischen einigen Steinen gefangen wurde. Dann sammelte er seine Siebensachen und wir zogen heimwärts; auf dem Wege erklärte er mir, daß unter dem einen Bergabhang einige Schneehühner liegen müßten, die dort hinuntergefallen seien, und richtig, wir fanden sie dort. Er war in rosigster Laune, sichtlich erfüllt von seinem Jägerglück, und erklärte mir ganz genau, wie er die einzelnen Schneehühner geschossen habe. Im Laufe des Gesprächs erwähnte er auch, daß er nahe daran gewesen sei, das Leben zu verlieren, er sei einen Berg hinabgefallen. Ich ließ ihn ruhig erzählen. Als er geendet hatte, sagte ich ihm, daß ich Augenzeuge des Ganzen gewesen, daß es mir aber nicht klar geworden sei, was die beiden Schüsse zu bedeuten gehabt hätten. Er erwiderte, daß er, als er sich vergewissert hatte, daß alles an ihm heil geblieben sei, sich umgesehen und plötzlich bemerkt habe, daß er neben zwei Schneehühner gefallen sei, die ihn mit schiefen Köpfen verwundert anschauten. Er holte die Büchse hervor und schoß das eine Schneehuhn, das andere blieb ruhig sitzen, während er lud, auch das habe er erlegt. „Aber,“ schloß er seinen Bericht, „jetzt hab’ ich’s fürs Erste satt, Schneeschuhe auf steilen Felswänden zu benutzen,“ und das bewies er auf dem Rückwege, denn sobald er an einen steilen Abhang kam, nahm er seine Schneeschuhe ab und trug sie.
Wir hatten nun alle Rennthierstriche um Kasigianguit herum besucht und sehnten uns nach Abwechselung und neuen Jagdgebieten. Joel erzählte, daß sich weiter ins Land hinein bei Iterdtlak vorzügliche Rennthierweiden befinden sollten, und so brachen wir denn eines Morgens unser Lager ab, schoben das Boot ins Wasser, belasteten es und zogen weiter, während Joel uns mit seinem Kajak den Weg zeigte. Die See vor dem Zeltplatz war ruhig, als wir auszogen, sie lag vor den Winden geschützt da. Sobald wir aber an der nächsten Landzunge in den Fjord hinausgekommen waren, sollten wir indessen andere Erfahrungen machen. Vom Ende des Fjordes her wehte ein heftiger Ostwind, der auf die hohen Felsen stieß und das Wasser hoch aufpeitschte. Unser langes, jämmerliches Boot, „der Walfischfänger“, das trotz seines Namens nie Dienste als solcher gethan hat, durchschnitt die hohen, wilden Wogen gleich einem Keil mit seinem spitzen Bug, so daß jede Welle darüber zusammen schlug. Dies hätte nichts zu sagen gehabt, falls wir hätten schöpfen können, aber es war so kalt, daß das Wasser, das sich schon auf dem Gefrierpunkt befand, in dem Augenblick, wo es mit dem kalten Holz oder Eisen des Bootes in Berührung kam, gefror. Bis zu mir, der ich hinten am Steuer saß, gelangte auch nicht ein nasser Tropfen, während Sverdrup, der vorne saß und ruderte, bald in einen vollständigen Eisharnisch gehüllt war. Wir mühten uns lange ab, es wäre eine Schande, die Flinte ins Korn zu werfen, um so mehr, als Joel in seinem kleinen Kajak nur über das Ganze lachte, dann aber half es nicht mehr, wir mußten wenden, das Boot war dem Sinken nahe. So ging es denn in fliegender Fahrt zurück nach unserem alten Zeltplatz. Sobald wir in dessen Schutz kamen, bemerkte ich, daß die Nase mir völlig abgefroren war, sie war weiß und gefühllos wie ein Eiszapfen. So eine gefrorene Nase ist kein schöner Anblick, wenn sie nachher wieder auftaut und zu einem rothen Gewächs mit Fransen von abfallender Haut anschwillt.
Unser langes jämmerliches Boot durchschnitt die hohen wilden Wogen.
(Von Th. Holmboe nach einer Zeichnung des Verfassers.)