Kaum berührte jedoch der Kajak den Wasserspiegel, als seine Miene auch schon ein wenig bedenklich wurde, aber er wollte doch den Flotten spielen und versuchte sogar, den Kajak mit ins Wasser hinein zu helfen, jetzt war nur noch ein kleines Ende auf dem festen Lande. Da wich alle seine Zuversicht dem Ausdruck grenzenlosester Angst, der Kajak glitt hinaus, ungemüthlich schwankend. Balto machte einige verzweifelte Bewegungen mit dem Ruder in der Luft, wohl mit der Absicht, das Ruder ins Wasser zu stecken, sein Antlitz drückte die hellste Verzweiflung aus und dann rief er: „Å så dä, å så dä — —“.
Weiter kam er aber nicht, denn dann ging der Mund und der ganze Kerl unter, und wir sahen nichts mehr als den Boden des Kajak und seine viereckige Federmütze, die oben auf dem Wasser schwammen. Glücklicherweise war es so flach, daß er den Grund mit den Armen erreichen konnte, und der Kajak war dem Ufer so nahe, daß man ihn von dort aus erreichen und aufs Trockene ziehen konnte. Er wurde mit einem unbarmherzigen Hohngelächter von allen Anwesenden, besonders von den Mädchen begrüßt. Dann kroch er aus dem Kajak heraus, und während er so am Ufer stand, mit Armen und Beinen zappelnd, während ihm das Wasser aus den Kleidern tropfte, die ihm am Leibe fest klebten, sah er aus wie eine Vogelscheuche.
Die Mitglieder der Expedition in ihren Kajaks im Hafen von Godthaab.
(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)
Das Erste, was er sagte, war: „Nun, ich bin beinahe naß!“ (Er gebrauchte häufig das Wort „beinahe“ statt „ganz“). Dann besann er sich eine Weile und sagte: „Ja, das muß man aber sagen, ein Kajak ist ein Teufelsboot!“
Es währte lange, ehe Balto wieder einen Versuch im Kajakrudern machte. Kurz darauf ließ sich übrigens auch Dietrichson einen Kajak machen, und gar bald war er ein tüchtiger Ruderer.
Als Balto und Kristiansen sich dies eine Weile ruhig mit angesehen hatten, konnten sie es nicht länger aushalten, am Lande zu stehen. Sie machten sich Beide selbst einen Kajak, indem sie sich von den Grönländern mit der Form etc. helfen ließen. Bald waren ihre Fahrzeuge fertig und wurden von den Grönländerinnen mit Fell bezogen, worauf sie anfingen, sich fleißig zu üben. Balto war nun jedoch so vorsichtig geworden, daß er sich von Anfang an der „Kajakjungen“ bediente. Er wollte nicht Gefahr laufen, daß es ihm wieder so erging wie das erste Mal. Kristiansen war weniger verzagt. Er flößte uns Allen große Angst ein, indem er sich schon am ersten Tage ohne die Kajakjungen weit in die See hinaus wagte, aber er zog sich merkwürdig gut aus der Affaire.
Als der Frühling kam, konnte man alle Mitglieder der Expedition mit Ausnahme des alten Ravna in ihren Kajaks auf Jagd nach Seevögeln ausziehen sehen.
Seehunde giebt es im Winter nur wenig, weswegen es sich nicht verlohnt, des Vergnügens halber Jagd auf sie zu machen. Wir legten uns hauptsächlich auf das Vogelschießen, und besonders die Eidergansjagd übte große Anziehungskraft auf uns aus. Während der ersten Hälfte des Winters wird diese Jagd hauptsächlich des Abends betrieben, wenn die Eidergans in größeren oder kleineren Schwärmen am Ufer des Fjordes entlang zieht. Die Kajaks liegen da in Reih und Glied an den Landzungen, und von dort aus schießt man die Vögel im Fluge. Es war ganz spannend, so auf der Lauer zu liegen. Das Auge ist unverwandt gen Süden gerichtet, von woher der Vogel erwartet wird. Plötzlich beugen die hintersten Kajakmänner, so weit man sie erkennen kann, sich vorüber und treiben die Kajaks mit aller Kraft vorwärts, die ihnen Zunächstliegenden machen es ebenso, und die ganze Kajaklinie neigt sich nach vorne. Dann liegen die Fernsten eine Weile ganz regungslos da, auf einmal durchdringt ein Blitz die Finsterniß, ein Knall folgt, noch ein Blitz und noch einer, bis es sich die ganze Reihe hinauf verpflanzt. Eine dunkle Masse wird im Süden sichtbar, sie kommt lautlos an der Oberfläche des Wassers entlang, man drängt die Kajaks noch ein wenig mehr vor, um einen besseren Halt zu haben, das Ruder wird unter den Riemen gesteckt, und man hält die Büchse bereit. Jeder Vogel ist jetzt zu unterscheiden, und im selben Augenblick, wo der Schwarm vorüberkommt, legt man an und zielt auf eine kleine Strecke vor dem Punkt, an welchem die Vögel am dichtesten fliegen; der Schuß knallt, und wenn man Glück hat, fallen oft zwei oder mehr Vögel. Dann ladet man wieder, die Vögel werden aufgesammelt, hinten auf den Kajak gelegt, und man hält sich zum Empfang des nächsten Schwarms bereit. Auf diese Weise fährt man fort, bis es dunkel ist, die Kajaklinie beugt sich vorwärts und rückwärts, je nachdem die Vögel näher oder weiter vom Lande fliegen.
Diese Jagd erfordert eine nicht geringe Fertigkeit im Schießen, denn die Eidergans fliegt bekanntlich sehr schnell, außerdem muß man völlige Herrschaft über den Kajak haben, um sich in richtiger Schußweite zu halten und einigermaßen sicher treffen zu können. Hierin besitzen die Eskimos zum Theil eine ganz erstaunliche Tüchtigkeit. Die Geschwindigkeit, mit der sie die Kajaks bewegen, die Ruder befestigen und die Büchse anlegen, sowie die Sicherheit, mit der sie treffen, selbst wenn es nur ein einziger Vogel ist, auf den sie schießen, muß die Bewunderung des besten Vogelschützen erregen, um so mehr, als das leichte Fahrzeug auf der See unablässig hin- und herschwankt.