Kapitel XXIX.
Weihnachten in Godthaab.
nd dann kam das Weihnachtsfest heran. In Bezug auf dessen festliche Begehung wollen die Grönländer hinter keinem anderen Volk zurückstehen. Schon Monate vorher beginnen die Vorbereitungen. Die Frauen sind eifrig mit dem Anfertigen einer Unmenge von schönen Kleidungsstücken, Anoraks, Beinkleidern und Kamikern beschäftigt, die mit strahlenden Stickereien verziert werden. Die ganze Familie, von den allerjüngsten bis zu den ältesten Mitgliedern muß von Kopf zu Fuß in neuen festlichen Gewändern erscheinen. Besonders die jungen, unverheiratheten Mädchen müssen sich putzen. Gehören sie einer der bessergestellten Familien an, die im Dienst der Handelscompagnie stehen, so pflegen die Eltern im Sommer mit dem Schiffe etwas besonders Schönes an Stoffen aus Kopenhagen kommen zu lassen, wie man es nicht in der Kolonie findet, am liebsten Seide, ja es ist sogar vorgekommen, daß sie Sammet für ihre Töchter verschrieben haben. In ihrem neuen Staat, der gewöhnlich in aller Stille angefertigt wird, kommen sie dann plötzlich an dem großen Fest zum Vorschein, eine immer strahlender als die andere.
Unterhalten sich die Frauen anderer Länder über Putz und Kleider, so thun es die getauften Grönländerinnen nicht minder. Ich kann freilich nicht leugnen, daß die westgrönländischen Mädchen am Weihnachtsabend oft so bezaubernd aussehen, daß ein Vergleich für die Schönheiten jenseits des Meeres trotz ihres europäischen Pompes nicht immer vortheilhaft ausfallen würde.
Aber nicht allein mit dem Anzuge macht man sich vor dem Fest zu schaffen. Um gehörig in körperlichen Genüssen schwelgen zu können, spart man wochenlang Geld zusammen, soweit ein Grönländer überhaupt im stande ist zu sparen, und wenn man nichts hat, so verschafft man sich etwas, indem man die nothwendigsten Geräthschaften an den Kaufmann verkauft. So z. B. ist es nichts Ungewöhnliches, daß der Grönländer die Federn aus seinen Betten verkauft, um dafür einige Leckereien zu erstehen, und dann den Rest des Winters in aller Kälte, nur mit einem baumwollenen Bezug bedeckt, daliegt. Vor allen Dingen gilt es, sich Ueberfluß an Kaffee zu schaffen.
Hieraus ersieht man, daß das Weihnachtsfest durch Ueberführung auf grönländischen Grund und Boden seinen Charakter nicht verbessert hat. Es ist der Ruin besorgter Familienväter und das Verderben aller Mägen. Es bringt eine kurze Freude, der oft ein langer fühlbarer Mangel folgt. Daß dies in den Geschmack der Eskimos fällt, die sich mehr als jedes andere Volk die Lehre der Bibel: „Sorget nicht für den morgenden Tag“ zu Herzen genommen haben, ist ganz selbstverständlich.
Auch bei dem Koloniedirektor war man eifrig mit Vorbereitungen beschäftigt. Schon seit langer Zeit hatte unsere liebenswürdige Wirthin, Dietrichson und Sverdrup, Tüten, Körbe und andere Sachen aus buntem Papier verfertigt, während der Direktor einen Tannenbaum fabrizirte, indem er grönländische Wachholderzweige in einen Stock einfügte, der als Stamm diente.
Und dann kam der Weihnachtsabend. Am Vormittage wurde der Tannenbaum aufgeputzt.
Um 2 Uhr fand eine große Festfeier in der Kirche statt, es betraf die Prüfung der Schulkinder; bei einer solchen Gelegenheit sind natürlich alle Grönländer zugegen.
Sobald die Feier beendet ist, stürzen einer alten Gewohnheit gemäß alle Kinder nach der Wohnung des Koloniedirektors, wo sie jedes eine Tüte mit Feigen erhalten. Als dieser Schatz nach Hause gebracht war, kamen sie auch zu uns, um sich von uns ein ähnliches Geschenk abzuholen. Es war eine ganze Völkerwanderung von diesen kleinen Pelzmenschen. Alle Kinder, die nur eben gehen können, kommen herangetrippelt. Sind sie unter dem Alter, so werden sie von ihren Müttern getragen, für die Allerkleinsten nehmen es die Andern mit.