Am Nachmittag um 5 Uhr fand ein Kirchenkonzert statt. Von einem aus Grönländern und Grönländerinnen bestehenden Chor, der lange vorher in aller Stille eingeübt war, wurden Weihnachtslieder gesungen, die theils von den Katecheten verfaßt, theils von ihnen ins Grönländische übersetzt waren. Das Ganze machte einen liebenswürdig-kindlichen Eindruck. Die Melodien waren frisch und schön, nicht schleppend und monoton, wie es die Melodien von Kirchenliedern leicht sind. Ein älterer halbcivilisirter Grönländer, der sein Licht nicht gern unter den Scheffel setzte, meinte, daß der Kirchengesang ja freilich nicht mehr auf derselben Höhe stände, wie zu seiner Zeit, daß er aber trotzdem „sehr schön“ sei, — es wäre ungefähr so, als wenn man das Geräusch eines Taterat-Berges (Mövenberges) höre, wo die Tateraten[93] unter stetem Geschrei auf- und niederflattern.
Nach dem obligaten Reisbrei und dem Rennthierbraten beim Koloniedirektor, wo alle Mitglieder der Expedition eingeladen waren, wurde der Weihnachtsbaum unter großem Jubel angezündet.
Als die Fröhlichkeit ihren Höhepunkt erreicht hatte, wurde ein großer, runder Kopf mit einer fürchterlichen Perrücke zur Thür hineingesteckt. Er gehörte unserm Freund Joel, der nach einer Bierflasche fragen wollte, die er sich bei den Lappen gegen einige Eidergänse eingetauscht hatte, die er aber mit verschiedenen anderen Sachen zurückgelassen hatte, während er sich etwas beim Doktor zu schaffen machte, um bei der Gelegenheit in Veranlassung des Festes einen oder auch gar zwei Schnäpse zu ergattern. Er schien seinen Zweck erreicht zu haben. Große Heiterkeit erregten die lebhaften Gebärden, mit denen er beschrieb, wie lang ihm das runde Gesicht geworden sei, als er, wiedergekommen, fand, daß alles verschwunden war, „bogase nami mitit nami clisa nami damase nami,“ d. h.: „Flasche nichts, — Eidergänse nichts, Angelschnüre nichts, alles gar nichts.“ Er ließ sich jedoch durch eine neue Bierflasche bald über seinen Verlust trösten. Seine Verwunderung und der Glanz seiner dunklen Augen, die beim Anblick des Weihnachtsbaums und all der Lichter zu zwei runden Punkten wurden, erheiterten uns sehr. Groß war seine Freude, als er einige Tüten mit Weihnachtskonfekt erhielt. Reich wie ein Krösus kehrte er schwankenden Schrittes über die Berge zu seiner lieblichen Ehehälfte bei Neu-Herrnhut heim.
Als ich am Morgen des ersten Weihnachtstages gegen 6 oder 7 Uhr in meinem süßesten Schlummer lag und mich im Traum nach Norwegen zurückversetzt glaubte, erschallte plötzlich ein Kindergesang, der sich mit meinen Träumen verwob. Der Gesang wurde lauter und lauter, ich erwachte und hörte nun den lebhaftesten Weihnachtsgesang, der von einem großen Chor in dem Gang vor unserer Thür gesungen wurde. Die ganze Nacht hindurch war dieser Chor umhergegangen, hatte in allen Grönländerhäusern gesungen und endete seinen Rundgang nun damit, daß er alle am Orte ansässigen Europäer mit Gesang erweckte. Ich muß gestehen, daß es schön klang, und daß ich meinestheils niemals auf so schöne Weise geweckt worden bin, als aber der Gesang verstummt und der Chor weitergezogen war, schlief ich abermals sanft ein, um den verlorenen Faden im Lande der Träume wieder aufzunehmen.
Anne und Lars Heilman.
Ein guter Seehundsfänger und seine Frau aus Godthaab. (Gemischte Rasse.)
(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)
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GRÖSSERES BILD
Als ich am Morgen in die Küche hinaus kam, stand Balto dort und unterhielt die Mädchen. Er sprach sich in einem längeren Vortrag über die grönländische Art und Weise, Weihnachten zu feiern, aus. Dieselbe gefiel ihm sehr. Er war die ganze Nacht von Haus zu Haus gezogen. Der herrliche Kaffee, den er überall bekommen hatte! Es war noch nicht zehn Uhr des Morgens, und doch hatte er es an „diesem Morgen“ bereits fertig gebracht, vierundzwanzig große Tassen Kaffee zu trinken. Es hatte auch allerlei gegeben, was stärker war, was er freilich verschwieg, obwohl es aus seinen Augen und seiner Rede sprach. Ein solches Weihnachtsfest hatte er noch niemals erlebt! Es war alles zu herrlich gewesen.
Bald nach Mittag gingen nach guter alter Sitte alle am Platze ansässigen erwachsenen Grönländer, Frauen wie Männer, bei den Europäern herum, um ihnen die Hand zu schütteln und ein fröhliches Weihnachtsfest zu wünschen, worauf man nur „ivdlitlo“ d. h. „Du auch“ zu antworten hat, was freilich einförmig genug werden kann, wenn es zu mehr als fünfzig Menschen wiederholt werden soll.
Zum Nachmittag um 3 Uhr waren die vornehmsten von den in der Kolonie ansässigen Grönländern, die Katecheten, der Buchdrucker, die Kifaker (d. h. im Dienste der Handelscompagnie Angestellte), sowie die Fänger sämmtlich mit ihren Frauen zu dem Koloniedirektor eingeladen, um mit Kaffee, Schokolade und Kuchen traktirt zu werden. In ihrem besten Feststaat kamen sie Alle, begrüßten die Gastgeber und setzten sich ruhig an die Wände. Es ging sehr feierlich zu, was ja auch kein Wunder war, denn sie befanden sich jetzt in dem Gesellschaftssalon des Nevertoup (d. h. Kaufmann), eines der hohen Herren. Bald verbreitete sich indessen eine gemüthlichere Stimmung über die Versammlung. Die Bewirthung übte hier wie gewöhnlich ihre Wirkung aus. Einer von den Grönländern, der in Kopenhagen gewesen war und der seinen Landsleuten zeigen wollte, wie es in der großen Welt zuging, bot einer der hervorragenden grönländischen Damen den Arm, mit einer sehr ungeschickten Verbeugung. Sie verstand natürlich dies Manöver nicht, und er mußte sie mit Gewalt mit sich schleppen, um sie, wie er sich ausdrückte an einen würdigeren Sitz weiter in die Stube hineinzuziehen. Nachdem dies besorgt war, wandte er sich an mich, um mir auseinanderzusetzen, wie dumm seine Landsleute seien, und wie sie geleitet werden müßten, wenn es sich um den feineren geselligen Ton handelte. „Jetzt können Sie,“ sagte er, „meine Frau nehmen und sie an einen Ehrenplatz führen.“ Ich dankte ihm für die mir zugedachte Ehre und bedauerte, daß ich mich deren nicht würdig fühle. Der Mann hatte an jenem Abend übrigens etwas im Kopf.