Rink wies nach, welche Mächtigkeit diese Eisdecke haben müsse, und welche enormen Eismassen jährlich von Grönland entsandt würden, da dies das einzige Land auf der nördlichen Halbkugel ist, auf dem größere Eisberge ihren Ursprung haben. Er hat später ausgerechnet, daß aus jedem der größeren Eisfjorde jährlich mehr als 1000 Millionen Kubikellen Eis ins Meer hinausgeführt werden.
Es war gleichsam eine ganz neue Welt, die durch diese Abhandlungen über das Inlandseis und seine Wirkungen der Wissenschaft erschlossen wurde. Freilich hatten schon mehrere Naturforscher, darunter der bekannte Louis Agassiz, die Vermuthung aufgestellt, daß möglicherweise einstmals große Flächen Inlandseis existirt haben. Hier aber handelte es sich um ein noch jetzt vorhandenes Inlandseis, und es wurde den Geologen klar, daß große Theile von Europa und Amerika einstmals, sowie Grönland jetzt mit Eis bedeckt gewesen sein müssen, und daß hiervon die vielen Streifen und Furchen herrühren, die wir in den Felsen finden, die vielen Moränen und die vielen erratischen Blöcke, die über ganz Nord-Europa, oft an den überraschendsten Orten zerstreut liegen. Die Lehre von der großen Eiszeit entwickelte sich, und für die Geologie brach eine neue Zeit an.
Die Nothwendigkeit, ausgedehntere Beobachtungen an dem einzigen Ort zu machen, an welchem noch heute ähnliche Verhältnisse obwalten wie zu jener Eiszeit, stellte sich gar bald heraus, und es wurde eine ganze Reihe neuer Versuche gemacht, in das Inlandseis Grönlands vorzudringen.
Den Anfang dieser Reise machte die Foxexpedition, die im Jahre 1860[14] unter der Leitung von Sir Allan Young ausgesandt wurde, wenngleich sie nicht geologischer Natur war. Es war ursprünglich, wahrscheinlich angeregt durch Oberst Schaffner, die Rede davon, eine Schlittenexpedition unter der Führung von Dr. John Rae, der hierin nicht wenig Erfahrung hatte, an der Ostküste von Grönland an Land zu setzen, um über das Inlandseis nach der Westküste zu gelangen und dadurch zu untersuchen, ob es eine Möglichkeit sei, auf diesem Wege einen Telegraphenkabel hinüber zu legen. Als man sich Mitte September der südlichen Ostküste näherte, wo nach Sir Allan Young’s Ausspruch (siehe Bd. I S. 288) eine Landung möglich war, scheinen sich Bedenken eingestellt zu haben, — man umschiffte das Kap Farvel bis zur Westküste. Hier machte Dr. Rae in Begleitung von Oberst Schaffner in den letzten Tagen des Oktober und den ersten Tagen des November von der Kolonie Julianehaab aus einen Versuch, in das Inlandseis einzudringen. Nach der Schilderung, die Lieutenant Zeilau,[15] der selber an der Expedition theilnahm, davon giebt, scheint es, als wenn Dr. Rae und sein Gefolge nur so weit vordrangen, daß sie „einen Blick zum Inlandseis hinaufsenden konnten“. Aus Dr. Raes eigenem Bericht geht indessen hervor, daß er wirklich seinen Fuß auf das Inlandseis gesetzt haben muß, daß er aber gleich auf eine sehr tiefe und breite Kluft stieß, die seinem weiteren Vordringen ein unüberwindliches Hinderniß in den Weg stellte.[16] Eine merkwürdige Kluft!
Im selben Jahre (1860), ebenfalls im Oktober, machte der amerikanische Polarfahrer Dr. Hayes den Versuch, nördlich vom Porte Foulke auf dem 78° 18′ N. Br. in das Inlandseis einzudringen. Nach Dr. Hayes Angabe begann er die Wanderung am 22. Oktober und kehrte erst nach 6 Tagen zurück. Am ersten Tage erreichte man den Rand des Inlandseises, und am nächsten wurde die Wanderung über dasselbe angetreten. Man will an diesem Tage 5 englische Meilen auf dem Inlandseise zurückgelegt haben, am dritten Tage 30, am vierten Tage 25 englische Meilen, und dies alles theils auf dem allerunebensten Eise, theils auf sehr schwierigem Schnee, wo die Füße bei jedem Schritt die Kruste durchbrachen, welche den Schnee bedeckte. Auf welche Weise diese Entfernungen bestimmt wurden, davon verlautet nichts. Am fünften Tage will man durch einen sehr kalten und feuchten Wind zur Umkehr gezwungen worden sein, man will an dem Tage ca. 40 englische Meilen zurückgelegt haben. An dem dann folgenden Tage langte man bereits wieder im Winterhafen an. Hayes giebt eine haarsträubende Beschreibung von den Strapazen und von der Kälte, die, obwohl sie nicht so groß war wie auf unserer Expedition (das Thermometer fiel nur bis auf −34° Fahr.), ihnen doch beinahe das Leben raubte. Es muß höchst wunderlich erscheinen, daß diese tapferen Fußgänger sich sofort durch die Kälte bezwingen ließen.
Die Schilderung dieser Wanderung, die Dr. Hayes veranlaßt, in einem besonderen Kapitel die wichtigen wissenschaftlichen Resultate u. s. w. zu besprechen, muß einem aufmerksamen Leser schon beim ersten Blick verdächtig erscheinen. Für Denjenigen, der die Verhältnisse genauer kennt, wird es keines tieferen Nachdenkens bedürfen, um einzusehen, daß es eine völlige Unmöglichkeit ist, 25, 30, ja sogar 40 Meilen an einem Tage auf Schnee von der von Dr. Hayes beschriebenen Beschaffenheit, und mit dem erforderlichen Gepäck auf einem Schlitten, zurückzulegen. Es ist, wenn nicht geradezu eine Unmöglichkeit, doch ein Stück Arbeit, wie man es Dr. Hayes und seinen Begleitern kaum zutraut, und selbst wenn man nichts weiter über die Zuverlässigkeit des Verfassers wüßte, würde man solchen Angaben gegenüber seine Zweifel erheben. Ruft man sich indessen ins Gedächtniß zurück, was De Bessels in Bezug auf Dr. Hayes Breitenmessung nachgewiesen hat, — daß er eine verkehrte Observation angegeben haben muß, um glauben zu machen, daß er nördlicher war, als er in Wirklichkeit gewesen, — da muß der Zweifel zur Gewißheit werden.
Die hier angeführten Thatsachen müssen ohne weitere Kommentare genügend erscheinen, um Jedermann davon abzuhalten, wissenschaftliche Schlußfolgerungen aus diesem Bericht zu ziehen. Es ist um so mehr zu beklagen, als es die einzigen Aufzeichnungen sind, die wir über eine Eiswanderung in dem nördlichen Theile Grönlands besitzen.
Im Jahre 1867 machte der bekannte englische Bergbesteiger Edward Whymper einen Versuch, von einem kleinen Fjord (ungefähr auf dem 69° 25′ N. Br.) Ilordlek nördlich von Jakobshafen in das Inlandseis einzudringen. Whymper war der Ansicht, daß er möglicherweise eisfreies Land im Innern Grönlands vorfinden würde, und daß es nicht unmöglich sei, daß dies Land aus „losgelösten Landmassen oder Inselgruppen bestehe, wie man sie überall in den arktischen Gegenden antrifft. Die Entfernung der Ostküste des Landes bis zur Westküste war hinreichend groß, um das Vorhandensein unbekannter Fjorde und Einschnitte der See möglich erscheinen zu lassen“. Daß dort eisfreies Land sein müsse, glaubte er aus dem periodischen Auftreten und Verschwinden großer Rennthierheerden an der Westküste schließen zu können. Diese Thiere mußten aller Wahrscheinlichkeit nach „grasreiche Thäler und Zufluchtsstätten“ im Innern haben, wohin sie sich zeitweise zurückzogen.[17] Wie ersichtlich, hat dies Raisonnement viel Aehnlichkeit mit dem Ausspruch, den der Verfasser des „Königsspiegels“ bereits 400 Jahre früher gethan (siehe Bd. II. S. 22).
Whymper hatte es sich als Ziel gesetzt, bis zu diesen schneefreien Stellen vorzudringen, und seine im Jahre 1867 unternommene Reise scheint nur eine vorbereitende Tour für eine etwaige größere Expedition gewesen zu sein.
Nachdem er am 15. Juni bis Jakobshafen an der Diskobucht vorgedrungen war, unternahm Whymper drei Tage später mit einem aus Eskimos bestehenden Gefolge seinen ersten Ausflug an den Rand des Inlandseises, ein wenig landeinwärts von dem südlichen Arm des Ilordlek-Fjords, der 20 englische Meilen nördlich von der Kolonie gelegen war. Es war seine Absicht, zu untersuchen, inwiefern sich dieser Ort für den Beginn einer Eiswanderung eignete, und ob Hunde und Schlitten, die man dazu benutzen wollte, zweckmäßig seien. Das Aussehen des Inlandseises zeigte sich schon bei dem ersten Blick, den Whymper darauf warf, weit ebener und weniger abschreckend, als er es erwartet hatte, und man unternahm sogleich einen Ausflug in dasselbe.