Ich kann sagen, daß in den vielen harten Winternächten, die ich in Grönland auf dem Felde kampirt habe, mich niemals die Kälte so inkommodirt hat, wie in diesen ersten Septembernächten.“

Diese bis dahin wenig beachtete Beschreibung theilt uns deutlich genug die ersten uns bekannten Beobachtungen der starken Kälte mit, welche durch die Ausstrahlung verursacht wird, und die wir in demselben Monat auf dem Inlandseise antrafen.

Nach Dalager und bis weit in unser Jahrhundert hinein wissen wir nur von wenigen Europäern, die das Inlandeis besucht oder betreten haben.

Einer dieser Wenigen ist der im vorigen Jahrhundert lebende grönländische Naturforscher, der Priester Fabricius, von dessen Hand wir eine Abhandlung über die Eisverhältnisse in Grönland besitzen.[12] Diese ist nach verschiedenen Seiten hin merkwürdig für die damalige Zeit und giebt einen ganz guten Begriff von den Eisbildungen in Grönland. Es geht daraus hervor, daß Fabricius das Inlandseis besucht haben und auf demselben gewesen sein muß.

Der deutsche Mineralog Giesecke hatte während seiner 8jährigen Reise in Grönland (1806–13) mehrmals Veranlassung, den Rand des Inlandseises zu besuchen. Eine Auffassung von der wissenschaftlichen Bedeutung des Inlandseises hatte er indessen ebenso wenig wie andere Geologen seiner Zeit, und folglich trug er nichts von Bedeutung zur Förderung der Kenntniß desselben bei. Er machte dagegen seinen Eindrücken Luft in begeisterten Worten über die wilde Schönheit dieser Eisregion. Von einem Besuch des Eisgletschers bei Korok (oder wie er ihn nennt Kororsuak) in der Nähe von Julianehaab erzählt er, daß er, nachdem er ungefähr eine halbe Meile „auf dieser Polarbrücke“ zurückgelegt hatte, durch eine tiefe Spalte gehemmt wurde. „Ich legte mich auf den Magen und ließ einen 100 Fuß langen Faden, an dessen Ende ich einen Stein befestigt hatte, in die Eisschlucht hinabgleiten, ohne jedoch den Grund damit zu erreichen. Dann verließ ich diese gefährliche Promenade, von der ich mir keine Ausbeute für meine Zwecke versprechen konnte.“[13]

Nun verstreicht eine lange Zeit, in welcher das Innere Grönlands alles Interesse verloren zu haben scheint. Es war ja nun einmal festgestellt, daß man Oesterbygden auf alle Fälle nicht am leichtesten auf diesem Wege erreichen konnte, und daß von dem Inneren schwerlich Reichthümer zu erwarten waren. Die Vorstellungen, die man von dem Inlandseise hatte, scheinen indessen keineswegs klar gewesen zu sein, die sonderbarsten Phantasien wucherten üppig, und Einzelne glaubten, daß sich hinter der Eismauer fruchtbare Gefilde erstreckten, von denen die Rennthiere kämen und wohin sie sich zurückzögen.

In der Mitte dieses Jahrhunderts wurde dann durch die Arbeit eines Mannes eine neue Zeit für unsere Kenntniß des grönländischen Inlandseises eingeleitet. Dieser Mann war Dr. H. Rink.

Durch eine Reihe gründlicher Arbeiten, welche die Früchte vieljähriger Reisen und Untersuchungen in Grönland waren, wo er sich längere Zeit theils als Naturforscher, theils als Kolonie-Direktor und theils als Inspektor aufhielt, leitete Dr. Rink die Aufmerksamkeit der Gelehrtenwelt auf Grönlands mächtiges Eisfeld und man machte die Entdeckung, daß es von ebenso hoher Bedeutung für die wissenschaftliche Welt war, wie man es früher für arm und interesselos gehalten hatte.

Justizrath Dr. H. Rink.