Man kann natürlich nicht erwarten, daß dies Schneemeer überall gleich hoch ist. Es ist ganz natürlich, daß dort, wo die Niederschläge im Verhältniß zu den Kräften, welche dem Wachsen des Schnees ein Hinderniß in den Weg legen, am größten sind, sich auch die stärkste Schnee- und Eisschicht bildet. Ferner liegt es nahe, daß die Eisdecke nach den Küsten zu am dicksten wird, denn hier muß die feuchte Luft, die vom Meere herkommt, die meiste Feuchtigkeit absetzen. Schon die regelmäßig gewölbte Oberfläche der Schneedecke muß indessen den Verdacht aufkommen lassen, daß ein anderer Faktor von einfacherer mathematischer Natur bestimmend auf die Form einwirkt. Dieser Faktor ist der Druck.
Man darf nicht vergessen, daß die Eisdecke eine plastische Masse ist, die sich in Bewegung nach den Seiten zu befindet. Dort, wo der Widerstand gegen die Bewegung am größten ist, muß man erwarten, daß sich die Massen am höchsten anhäufen. Der Widerstand, auf den die Bewegung stößt, muß aber naturgemäß irgendwo in dem mittleren Theil des Landes am größten sein. Die Lage dieses Punktes muß zum Theil von den größeren Unebenheiten der Unterlage bedingt sein, indem diese den Widerstand vermehren oder verringern können. Von diesem Punkt ausgehend, nimmt der Widerstand nach beiden Seiten zu ab, und wir müssen folglich erwarten, eine regelmäßig gewölbte Eisdecke vorzufinden, sowie dies auch faktisch der Fall war.
Das weiter unten näher besprochene Schmelzen an der Unterseite der Gletscher muß auch dazu beitragen, daß sich die Schneefläche nach innen zu hebt, indem die Eisdecke dort am dicksten wird, wo die Temperatur am niedrigsten ist (siehe hierüber weiter unten).
Aus dem hier Angeführten muß erstens hervorgehen, daß die geringeren Unebenheiten der Unterlage keinen Einfluß auf die Formen der Oberfläche der Gletscher haben können, und zweitens, daß die größeren Unebenheiten der Unterlage ebenfalls nicht bestimmend einwirken können, da hier andere Faktoren von außen hinzutreten. So ist es z. B. durchaus nicht nachgewiesen, daß der Höhenrücken des Gletschers oder die Gletscherscheide, wenn wir uns so ausdrücken können, gerade über dem Höhenrücken oder der Wasserscheide der Unterlage liegt. Dies hängt ganz davon ab, ob es sich mit den Niederschlags-, Druck- und Schmelzverhältnissen vereinigen läßt. Daß die Unterlage in dieser Beziehung allerdings nicht ganz ohne Einfluß ist, haben wir bereits erwähnt. Der Beweis, daß der Höhenrücken der skandinavischen Gletscher nicht über der Wasserscheide des Landes liegt, ist jedenfalls zur Genüge geliefert. Er muß, wenigstens in der spätesten Eisperiode 160 km weiter nach Südosten zu gelegen haben.
Wie dick ist das grönländische Inlandseis?
Dies ist eine Frage, deren Beantwortung von höchstem Interesse sein würde, leider ist dies jedoch nicht leicht zu bewerkstelligen, denn eine solche Messung würde mit ungeheuren Schwierigkeiten verknüpft sein.
Ich habe bereits früher erwähnt, daß Grönland in Bezug auf seine Gebirgs- und Höhenverhältnisse wahrscheinlich große Aehnlichkeit mit Norwegen hat. Gehen wir von diesem Gesichtspunkt aus, und denken wir uns Norwegen mit einer ähnlichen Eisschicht bedeckt wie Grönland, so werden wir sehen, daß selbst unser höchster Berg, der Galhöpiggen (2560 m), unter Schnee kommen würde, wenn er dem Höhenrücken so nahe läge. Ueber Stellen wie Fillefjield und Hardangervidden würde der Gletscher 1300–1600 m dick sein, über dem Boden von Valders, Haldingdal, Guldbrandsdalen u. s. w. würde er wenigstens 1900–2200 m dick sein. An einigen Stellen wie über Njösen, Randsfjorden u. a. würde die Schicht noch dünner werden, während sie an anderen Stellen wie über den Gebirgsrücken zwischen den Thälern dünner werden würde, doch nur um 1000 bis 2000 Fuß.
In Grönland muß ja ein ähnliches Verhältniß herrschen, und wenn wir uns auch vorstellen können, daß das feste Land dort zum Theil ein wenig höher als in Norwegen sein kann, so wird doch der Boden der Thäler dort in der Regel kaum mehr als 700–1000 m über dem Meeresspiegel liegen, und über diesen Thälern haben folglich die Gletscher eine Dicke von ungefähr 1700–2000 m, während sie ja an anderen Stellen dünner sein können. Der Druck, den ein Gletscher von 2000 m Dicke ausübt, ist jedenfalls nicht geringer als 160 Atmosphären, und wenn sich eine solche Masse über ihre Unterlage hinbewegt, wird man leicht verstehen können, daß sie eine mächtige Kraft besitzen muß, mit der sie scheuert und losreißt und alle hervorragenden Unebenheiten mit sich fortführt. Auf diese Weise müssen die sich stets der Küste zu bewegenden Gletscher sehr wohl im stande sein, im Laufe der Zeit die Thäler zu vertiefen und zu vergrößern, durch die sie sich bewegen, und je tiefer die Thäler werden, desto dicker werden auch die Gletscher und desto größer wird ihr Druck und ihre aushöhlende Fähigkeit. Auf die Weise wird es leicht verständlich sein, weshalb die Gletscher die ganze Unterlage nicht gleichmäßig ausgraben können, ihre Wirksamkeit muß sich mehr und mehr auf die Stellen konzentriren, wo sich Unebenheiten und Thäler befanden, ehe sich die Gletscher bildeten. Die grabende Fähigkeit ist natürlich nicht allein von der Dicke des Gletschers abhängig, sondern auch von der Schnelligkeit der Bewegung. Diese muß naturgemäß an dem äußern Rand des Gletschers größer sein als im Innern, da der Widerstand dort am geringsten und die Niederschläge am größten sind. Auf der andern Seite aber ist die Kraft am Rande geringer als weiter nach innen zu. Infolgedessen befindet sich die größte grabende Fähigkeit dort, wo das Produkt dieser beiden Faktoren am größten ist, nämlich eine Strecke von dem Rand des Gletschers entfernt. Das Eis hat sicher zu dieser seiner Arbeit auf dem unterliegenden Grunde eine bedeutende Hülfe in dem Wasser und den Bächen, welche durch Schmelzen der Eisdecke nach unten zu entstehen und auf die wir später zurückkommen werden.
Als vorzügliches Beispiel für die Gewalt, mit welcher die Wandergletscher ihre Ausgrabungen vorzunehmen vermögen, kann das Vaigat in Nordgrönland angeführt werden, jener wohl 20 Meilen lange und 2 Meilen breite Sund, der von der Disko-Bucht in nordwestlicher Richtung zwischen die Disko-Insel und die Halbinsel Nugsuak nach dem Meere zu einschneidet. Wie Prof. Amund Helland bereits angeführt hat, kann kein Geologe, der sich der Mühe unterzieht, die Verhältnisse zu untersuchen, in Zweifel darüber sein, daß die merkwürdigen Schichten aus der Kreidezeit und der Tertiärzeit (siehe den Anfang dieser Beilage) sowie die darüberliegenden jüngeren basaltischen Gebilde, die ungefähr in gleicher Höhe zu beiden Seiten dieses mächtigen Sundes auftreten, einmal ein zusammenhängendes Ganze gebildet haben. Der Sund kann unmöglich älter sein als die Bergarten, welche seine beiden Seiten bilden. Da einzelne der Tertiärbildungen sehr späten Ursprunges sind (sie gehören jedenfalls dem spätesten Theil der miocenen Zeit an), und da diese Schichten außerdem mit mächtigen Basaltschichten bedeckt sind, so muß die Bildung des Vaigats ganz neueren Datums sein, und wir kennen keine anderen Kräfte, die es gebildet haben können als eben die Wandergletscher. Es ist allerdings eine gewaltige Arbeit, die sie hier vollführt haben. Da die Basaltschichten zu beiden Seiten des Sundes in einer Höhe von tausend bis tausendfünfhundert Metern und mehr emporragen, und da der Sund selber tief ist, so muß die Steinmasse mindestens eine Dicke von zweitausend Metern, eine Breite von zwei Meilen und eine Länge von mehr als zwanzig Meilen gehabt haben, welche den Sund ausfüllte und die durch die Thätigkeit des Eises fortgeführt wurde.
Einen Einfluß anderer Art muß eine so mächtige Eisdecke dadurch auf die Unterlage haben, daß sie dieselbe niederdrückt. Hierdurch hat man auch die nach der Eiszeit eingetretene Senkung des Landes, die man an verschiedenen Stellen zu bemerken glaubte, zu erklären gesucht. Da die Gebirgsunterlage jedenfalls bis zu einem gewissen Grade elastisch ist, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß eine Steigung des Landes, die nach der Eiszeit in Europa und in Amerika, sowie auch nach der früheren größeren Verbreitung des Eises in Grönland vor sich gegangen ist, sich dadurch erklären läßt, daß sich das Land gehoben hat, nachdem sich das Eis zurück zog und der Druck geringer wurde. Daß sich dies wirklich so verhalten muß, scheinen Kand. Andr. M. Hansens Untersuchungen der Strandlinien in Norwegen[102] zu bestätigen; diese beweisen nämlich ganz deutlich, daß das Land sich nach innen zu — wo also die Eisdecke am dicksten und der Druck am größten war — mehr gehoben hat als nach dem Meeresrande zu; es scheint sogar ein fast konstantes Verhältniß zwischen dem Steigen und dem Abstande von der äußeren Küstenlinie zu bestehen.