Südlich von unserer Route sind nur an einem einzigen Ort Observationen vorgenommen, die in dieser Beziehung Material von Bedeutung bieten, nämlich auf der Westküste zwischen dem 62° 40′ und 62° 50′ N. Br., wo die dänische Expedition unter Kapitän Jensen eingedrungen war. Es war leider keine lange Strecke, die hier bereist war, aber sie genügt doch, um zu sehen, daß ein Querschnitt der Eisoberfläche auch an diesem Punkt so ziemlich mit einer Zirkelperipherie zusammenfällt, deren Radius indessen kleiner ist als der frühere, — er müßte ungefähr 9000 km betragen, wenn man auch hier die sphärische Form der Erde nicht berücksichtigt. — Gleich unserer Route fällt auch die Jensens nach der Küste zu steiler ab als der Zirkel. Interessant ist das Verhältniß, daß die Steigung bei dem inneren Theil der Eiswanderung niedriger ist, als wie sie sein würde, falls sie genau der Zirkelperipherie folgte. Der Grund hierzu ist offenbar der, daß das Eis hier im Schutz der Nunataks liegt (Jensens Nunataks) und gleichsam ein Gegenstrom in dem Eisstrom bildet, während das Eis auf der inneren Seite des Nunataks höher ist und wieder mit der Zirkelperipherie zusammenfällt. Falls sich die Eisfläche nach innen zu nach derselben Zirkelperipherie wölbt, müßte ihre Höhe in der Mitte des Landes — das an dieser Stelle ungefähr 400 km breit ist — ungefähr 2080 m betragen.
Begeben wir uns nördlich von unserer Route, so finden wir auf der Stelle, wo Nordenskjöld vordrang (auf dem 68½° Nördl. Br.), soweit er selbst gelangte, eine Steigung in der Eisfläche, die beinahe gleich von der Küste an merkwürdig genau mit einer Zirkelperipherie zusammenfällt. Der Radius dieser Zirkelperipherie ist sehr groß, ohne die Krümmung der Erdoberfläche müßte er ungefähr 23350 km betragen. Untersucht man die Steigung auf der angeblichen Expedition der Lappen, so zeigt es sich indessen, daß diese ganz außerhalb der Zirkelperipherie liegt und weit niedriger ist, und es sieht so aus, als wäre dieselbe plötzlich zu einer fast horizontalen Fläche hinaufgelangt. Daß eine solche nicht existirt, können wir getrost annehmen, ebenso, daß die Lappen ihren Barometer ganz richtig beobachtet haben, und daß demzufolge die Höhe 1947 m, welche sie erreicht haben wollen, ganz zuverlässig ist. Zur Erklärung dieses äußerst merkwürdigen Verhältnisses bleibt uns also nichts anderes übrig als die Annahme, daß die Lappen die von ihnen zurückgelegte Strecke sehr überschätzt haben. Es ist wenig Grund vorhanden, etwas anderes zu glauben, als daß die Steigung nach innen zu dieselbe Zirkelperipherie beschrieben hat, mit der die Steigung auf Nordenskjölds eigener Expedition so erstaunlich genau zusammentrifft. Hiernach müßte die von den Lappen erreichte Höhe (1947 m) ungefähr 70 km von Nordenskjölds innerstem Zeltplatz entfernt liegen, nicht aber 220 km, wie dies nach ihrer eigenen Angabe der Fall sein soll. Auf diese Weise erhält man auch eine Entfernung, die sie sehr wohl auf ihren Schneeschuhen zurückgelegt haben können, selbst bei der schlechten Schneeschuhbahn, die der feine Schnee in Grönlands Innerm giebt.
Daß dies Zurücklegen der von ihnen angegebenen Entfernung unter so ungünstigen Verhältnissen beinahe eine Unmöglichkeit ist, wird jeder erfahrene Schneeschuhläufer einsehen können. Wie leicht man die Entfernungen auf dem grönländischen Inlandseis überschätzen kann, davon können die Theilnehmer unserer Expedition mitreden, indem wir oft die zurückgelegten Entfernungen auf mehr als das Doppelte anschlugen.
Falls sich das Inlandseis quer über dem Lande an dieser Stelle nach derselben Zirkelperipherie wölbt, wie Nordenskjölds Steigung sie andeutet, kann ihre Höhe in der Mitte nicht mehr als 2360 m betragen, folglich ist sie geringer als die von uns erreichte Höhe.
Pearys Angaben in Bezug auf Entfernungen und Höhen sind leider mangelhaft; so weit man aber nach seinen und Maigaards Berichten schließen kann, scheint die Steigung während des größten Theils ihrer Wanderung (sie wurde ungefähr auf dem 69½° Nördl. Br. unternommen) merkwürdig genau mit der Zirkelperipherie zusammenzufallen, welche von Nordenskjölds Expedition angegeben wird. Während der ersten 40 km der Wanderung ist indessen die Steigung bedeutend steiler als die Zirkelperipherie; dies kann aber seinen Grund darin haben, daß sie an einem Arm der Disko-Bucht aufstiegen, der tief in das Inlandseis einschneidet, so daß der Anfang ihrer Wanderung dessen Herzen bedeutend näher lag als der Ort, von dem Nordenskjöld seine Expedition antrat.
Das Resultat dieser Zusammenstellung unserer Kenntniß von den Höhenverhältnissen des Inlandseises ist also folgendes: Das Inlandseis wölbt sich in merkwürdig regelmäßiger Weise wie eine Cylinderfläche von der einen Küste bis zur anderen. Der Radius des Cylinders ist indessen bedeutend verschieden auf den verschiedenen Breitengraden des Landes, indem er stark von Süden nach Norden zunimmt, so daß die Cylinderfläche selber flacher werden muß, je weiter nördlich man kommt.
Außer diesen Eigenthümlichkeiten in der Form der Oberfläche des Inlandseises verdient noch eine andere unsere Aufmerksamkeit, nämlich die bereits oben erwähnte schwache Wellenform. Bei Betrachtung des Querschnittes wird man zwei Arten von Wellen bemerken können, einige größere, die hauptsächlich in der Nähe der Küsten, besonders der Ostküste vorkommen, und die nach innen zu länger und flacher werden, und viele kleinere, die man den ganzen Weg entlang verfolgen kann, die aber ebenfalls weiter nach innen hinein länger und weniger bemerkbar werden. Aehnliche Wellen haben die meisten Expeditionen, die in das Inlandseis eingedrungen sind, bemerkt, sie erstrecken sich scheinbar stets in der Richtung von Norden nach Süden. Ich bin nicht der Ansicht, daß das darunterliegende Land im wesentlichen die Bildung dieser Wellen bedingt, jedenfalls nicht die der kleineren, ich glaube vielmehr, daß der Wind in genetischer Verbindung damit steht.
Was kann nun im großen und ganzen die Form der Schnee- und Eisdecke bedingen? Daß sie jedenfalls bis zu einem gewissen Grade von dem unterliegenden Gebirge unabhängig ist, darüber sind wir uns gar bald klar; denn Niemand wird behaupten wollen, daß dies Gebirge eine so regelmäßig ausgedehnte Ebene bilden kann, wie sie die Oberfläche des Inlandseises aufweist. Da Grönlands zerklüftete, felsige Küsten in hohem Grade an die norwegische Westküste erinnern, so liegt die Annahme sehr nahe, daß Grönlands Inneres, falls die Eisdecke entfernt würde, dem Norwegens gliche, ja, es würde wahrscheinlich noch zerklüfteter sein, da sowohl seine Ost- wie seine Westküste dies in hohem Grade ist. Mit anderen Worten, man müßte hohe Berge und tiefe Thäler antreffen, — und dies alles ist von der Eisdecke ausgeglichen und unter ihr verschwunden!
Um uns desto leichter einen Begriff davon machen zu können, was die Form der Eisdecke bedingt, wollen wir uns einen Augenblick vergegenwärtigen, wie dieselbe von Anfang an gebildet sein muß. Als die Temperatur sank, vielleicht gleichzeitig mit einem Steigen der Niederschläge, wurden die Schneemassen, die im Sommer nicht fortgeschmolzen werden konnten, von Jahr zu Jahr größer, besonders in den höheren Gebirgsgegenden. Der Schnee sammelte sich an und gestaltete sich zu Gletschern. Wie diese Ansammlung des Schnees vor sich gegangen sein muß, können wir an den norwegischen Hochgebirgen im Winter beobachten. Der Wind fegt allen trockenen, leichten Schnee, der fällt, von den Bergen in die Thäler hinab, die ersteren liegen fast kahl da, während sich die letzteren allmählich anfüllen. Wenn sich dann die Verhältnisse so gestaltet haben, daß diese Schneeanhäufung in den höchsten Gebirgsthälern größer gewesen ist als die Verminderung durch Abschmelzen im Sommer, so steigen folglich die Schneemengen in diesen Thälern von Jahr zu Jahr. So lange aber der Schnee in den Thälern noch niedriger liegt als die Berggipfel, setzt der Wind getreulich seine nivellirende Wirksamkeit fort.
Allmählich haben sich aber die Thäler ganz gefüllt, und die Oberfläche der Gletscher konnte jetzt über die Gipfel steigen und sie ganz verhüllen. Da die Gletscher in den höheren Regionen Wandergletscher in die niederen entsandt haben, und da die Temperatur gefallen ist, sind alle Bedingungen vorhanden, um denselben Prozeß auch hier zu wiederholen, und allmählich ist das ganze Land mit Schnee bedeckt worden, der regelmäßig von dem Winde geebnet und glatt gehalten wird, und der dann schließlich bis über die höchsten Gipfel hinaufgestiegen ist und alles mit einem einzigen Schneemeer überschwemmt hat.