Von dem Eis, über das die Expedition wanderte, giebt uns Nordenskjöld eine ausführliche Beschreibung, die durch unterwegs von Berggren aufgenommene Zeichnungen illustrirt wird. Es war in der Regel von tiefen und zum Theil breiten Spalten durchfurcht oder voller Unebenheiten bis zu einer Höhe von 12 m mit einer Abschrägung nach den Seiten zu von 25 bis 30°. Ein Hinderniß, das auch in nicht geringem Maße das Vordringen erschwerte, bildeten die vielen reißenden Bäche, die in tiefen Rinnen oben auf dem Eise flossen, und die oft nicht passirt werden konnten und deswegen umgangen werden mußten. Sie endeten gewöhnlich in großen Höhlen im Eise, sog. Gletscherbrunnen, in die sie sich als brausende Wasserfälle stürzten, um in der blauschwarzen Tiefe zu verschwinden. An einer Stelle stieß man auch auf einen Springbrunnen oder auf einen „intermittierten, mit Luft vermischten Wasserstrahl“, der in die Höhe sprang. Auch viele kleinere Seen befanden sich auf der Oberfläche; diese hatten keinen sichtbaren Abfluß trotz der zahllosen Bäche, die sich in sie ergossen. „Wenn man das Ohr gegen das Eis hielt, so vernahm man von allen Richtungen her ein eigenthümliches unterirdisches Brausen, das von den durch das Eis strömenden Bächen herrührte, und ein kanonenartiges Gedröhn zeugte von Zeit zu Zeit von der Bildung einer neuen Gletscherspalte.“

Das Wetter war während der ganzen Wanderung klar. Die Wärme stieg am Tage ein Stück über dem Eise „bis zu +7 bis 8° im Schatten und in der Sonne bis zu +25 bis 30° C. Nach Sonnenuntergang froren dagegen die Wasserlachen, und während der Nacht wurde es oft empfindlich kalt.“

Dies sind scheinbar schon im kleinen Observationen der merkwürdigen Temperaturverhältnisse, die in Grönlands Innerem ausfindig zu machen, uns vergönnt war.

Das Merkwürdigste, was bei dieser Expedition vorgekommen ist, und was ein gewisses wissenschaftliches Aufsehen erregte, ist indessen die erste Beschreibung des sogenannten Eisstaubes oder Kryokonit. Darunter versteht man ein feines graues Pulver, das, soweit man vordrang, über das Eis ausgebreitet war. Durch das Einsaugen der Wärme von den Sonnenstrahlen war dasselbe in das Eis hinein geschmolzen und hatte lothrechte cylindrische Löcher von 1–2 Fuß Tiefe und von ein paar Linien bis zu ein paar Fuß Quermaß gebildet, die so dicht nebeneinander lagen, daß man vergebens einen Platz für den Fuß, geschweige den für den Schlafsack suchte. Auf dem Boden dieser stets mit Wasser angefüllten Löcher lag der Staub in einer Schicht von mehreren Millimetern.

Diesem Staube legt Nordenskjöld eine große Bedeutung bei; er nimmt nämlich an, daß er von kosmischem Ursprung ist, infolgedessen ist er mit der ganz neuen Theorie hervorgetreten, daß die Erde, wenigstens doch zum Theil, durch eine fast unmerkliche, stete Zufuhr von kosmischem Staub, der aus dem Universum herrührt, gebildet ist und noch immer wächst. Andere haben dagegen später nachgewiesen, daß dieser Staub in seiner Zusammensetzung auffallend dem Material der Küstenfelsen gleicht, weshalb sie meinen, daß der Staub von diesen Felsen aus auf das Eis geweht ist. Hierfür spricht der Umstand, daß die Staubmenge in demselben Grade abnimmt, in welchem man sich von den Küstenfelsen entfernt, und daß wir an der Ostküste von Grönland bei Umivik, wo das bloße Land am Eisrande fast verschwindend ist, fast keinen Staub auf dem Eise vorfanden.

Ein Jahr nach dieser bedeutungsvollen Eiswanderung (1871) wurde von dem Inspektor Nordwestgrönlands, Krarup Smith, eine Inlandsexpedition unter Führung des Assistenten Möldrup[20] ausgesandt. Den Erkundigungen zufolge, die Nordenskjöld später in Grönland eingezogen hat, scheint die Expedition unverrichteter Sache zurückgekehrt zu sein.[21]

In dem dann folgenden Jahr kam Whymper abermals nach Grönland zurück und bereiste den Distrikt nördlich von der Diskobucht und beim Umanak-Fjord. Diesmal machte er indessen keinen Versuch, wieder auf das Inlandseis einzudringen, er beschränkte sich darauf, hohe Felsgipfel am Rande des Inlandseises zu besteigen, um sich eine Aussicht über dasselbe zu verschaffen. Am 18. August bestieg er einen 6800 engl. Fuß hohen Berg Kelertinguit bei Umanak. Von dem Gipfel dieses Berges hatte er eine weite Fernsicht über das Inlandseis und fand seine frühere Ansicht bestätigt, daß ein ebener, zusammenhängender Rücken von schneebedecktem Eis „das Land so vollständig verdecke, daß keine Berghöhe sich auf der Oberfläche zeigte“. Mit einem Theodolit maß er den Winkel bis zu dem sichtbaren Rand des Inlandseises und schloß, daß derselbe „bedeutend über 10000 Fuß“ betragen muß. Whymper scheint nun zu der Ueberzeugung gekommen zu sein, daß im Innern keine schneefreien Strecken zu finden seien, denn er sagt, „daß die an verschiedenen Stellen vorgenommenen Untersuchungen es zweifellos erscheinen lassen, daß Grönlands Inneres vom Norden bis zum Süden und vom Osten bis zum Westen vollständig in Schnee und Eis gehüllt ist“.[22]

Die Aufmerksamkeit, welche Dr. Rinks Schriften über das grönländische Inlandseis zuerst erregten, hatte inzwischen gute Früchte getragen. Durch theils in Grönland, theils in den Alpen und in Skandinavien angestellte Untersuchungen hatte die Erforschung von Schnee und Eisgletschern, ihrer Wirksamkeit wie alles dessen, was damit in Verbindung stand, riesenhafte Fortschritte gemacht, und die Lehre von der Eiszeit hatte eine feste Form angenommen. Unter den Männern, die sich an dieser Arbeit betheiligten, können von skandinavischen Geologen erwähnt werden: die Norweger Kjerulf und Sexe, sowie der Schwede Torell, der im Jahre 1859 in Grönland war.

Als man indessen mit dieser Arbeit weiter fortschritt, wurde der Gedanke rege, daß das frühere Inlandseis nicht allein ganz Skandinavien und das nördliche Europa bedeckt, sondern auch im wesentlichen dazu beigetragen hat, den Ländern, die es bedeckte, ihr Aussehen und ihre Form zu geben, indem die Eis- oder Wandergletscher, die lose liegenden Kies und Steine mit sich führten und sich in die Unterlage, über die sie sich hinbewegten, eingruben, im wesentlichen dazu beigetragen haben, tiefe Thäler und Fjorde zu bilden, wie wir sie z. B. in Skandinavien und besonders im westlichen Norwegen finden. Diese Lehre fand einen eifrigen Anhänger in dem englischen Geologen Ramsay. Ein Umstand, der stark für diese Annahme zu sprechen schien, war die Thatsache, daß diese durch tiefe Thäler und Fjorde zerklüfteten Länder sich stets dort vorfinden, wo man Spuren der Eiszeit nachweisen kann, und zwar nur dort allein.

Von vielen Geologen wurde diese Lehre indessen stark angegriffen, und eine der Waffen, deren man sich bediente, war die Thatsache, daß alle Gletscher in Europa, die man kannte und untersucht hatte, eine sehr geringe Wanderschnelligkeit besaßen, höchstens 2 Fuß in 24 Stunden, und aus der Reibung, die sie hervorbringen konnten, ließ sich auch nicht annähernd die riesenhafte Arbeit erklären, die sie früher vollbracht haben sollten.